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Hannovers Freibäder im Flächenvergleich – Der Südwesten schneidet schlecht ab

Im Stadtbezirk Linden-Limmer soll ein neues Schwimmbad gebaut werden. Das ist eine gute Nachricht. Das neue Bad soll aber ein Sportbad für internationale Wettbewerbe werden, mit Tribüne und allen technischen und baulichen Rafinessen für den Spitzensport. Dafür wird das Freibad ersatzlos gestrichen. Der Bezirksrat Linden-Limmer hat sich in einer ersten Aussprache ohne Ausnahme für die Erhaltung des Freibades ausgesprochen. Ein Spitzensportbad führt an dem Bedarf des Stadtbezirks vorbei.

Das 1960 an der Stelle einer alten Flussbadeanstalt an der Fösse gebaute Kombibad war das erste Schwimmbad in Deutschland, das Hallen- und Freibad miteinander kombinierte. Ein Schwimmbad für den Arbeiterstadtteil Linden war ein deutliches Zeichen, sich des Stadtteils anzunehmen. Nach fast 60 Jahren Betrieb ist das mitten im Wohngebiet stehende Bad in die Jahre gekommen, aber unverändert beliebt. Nur das Freibad wurde 2012 geschlossen, weil die Stadt Hannover keine Mittel fand, die Umwälzanlage zu erneuern. Schätzungsweise 500.000 bis 690.000 Euro fehlten für die Sanierung des alten Freibeckens oder für einen Neubau eines reduzierten Freibades. Die Wiederherstellung des Freibades stand außer Frage. Im Nachhinein sieht die Schließung des Freibades nun wie eine Gewöhnungsmaßnahme aus, sozusagen ein Testlauf, ob es auch ohne geht. Natürlich, wenn kein Freibad da ist, wird es auch nicht genutzt. Entweder nehmen die Familien in der warmen Jahreszeit weite Wege auf sich oder die Freizeit wird ohne Schwimmen vollbracht.

Die Verwaltung der Stadt Hannover begründet die Schließung des Freibades mit den vielen Freibadwasserflächen in der Stadt Hannover und den Kosten, die das Sportbad verschlingt. Mit 19,5 Millionen Eure Errichtungskosten soll es ausgesprochen teuer werden. Der gleichzeitig ausgeschriebene Neubau des Kombibades Misburger Bad inklusive der Sanierung des Freibades wird mit 16,5 Millionen Euro veranschlagt. Die Ausführung eines Sportbades mit 50-Meter-Bahn, zwei Hubböden und Zuschauertribüne kostet also 3 Millionen Euro mehr als ein neues Familienbad mit Freibad. Dabei hatte es bei der einzigen Veranstaltung zur Bürger/innen-Beteiligung vor über einem Jahr am 9.5.2016 noch geheißen, bei allen Planungsvarianten sei ein 25-Meter-Freibadbecken vorgesehen. Das wäre zwar eine deutlich kleinere als die bestehende stillgelegte Freibadfläche mit derzeit 1133 Quadratmetern gewesen, hätte aber das Freibad erhalten. Von dieser Prämisse aus der vorzeitigen Beteiligung ist nichts übriggeblieben, das Freibad eines familienorientierten Kombibades ist einem sehr ambitionierten Sportbad zum Opfer gefallen.

In den Ausführungen der Verwaltung wird zwar auf ein geplantes Lehrschwimmbecken mit Hubboden und ein Planschbecken verwiesen, doch gleichzeitig von hohen Nutzungszeiten für Wettkämpfe und Training ausgegangen. In Folge von geplanten Wasserball-Ligaspielen bis hin zu Champions-League-Spielen mit Publikum, Versorgungsequipment und geggebenenfalls TV-Übertragungstechnik wird das Fössebad in Zukunft vor allem an Wochenenden belegt sein.

Dauerhaft ist das Fössebad als Ausweich für die Wettkämpfe des Stadionbads vorgesehen, das auch nach der Sanierung konstruktiv nicht mehr den heutigen Wettkampfansprüchen entspricht. Die Option, auf die Wiese hinausgehen zu können oder eine größere Öffnung zur Wiese hin zu planen, bringt Sport und Erholung in Konkurrenz und ersetzt kein Freibad. Für den Stadtbezirk Linden-Limmer ist die teure Offerte eines ambitionierten Wettkampfbades wie ein glitzerner Sportwagen in dem keine Familie Platz findet.

Daraus leitet sich das erste zentrale Argument ab, ein Freibad sei grundsätzlich sehr teuer. Dabei hatte das mit der Machbarkeitsstudie beauftragte Planungsbüro Krieger am 9.5.2016 mitgeteilt, ein Bad mit Freibad hätte deutlich mehr Besucher/nnen zu erwarten und durch die Kombination Hallen- und Freibad könne auch das Hallenbad profitieren. Auch eine Sauna könne am Standort Linden wirtschaftlich betrieben werden. Über diese Empfehlungen hat sich die Stadt Hannover hinweggesetzt, da der Kostentreiber Sportbad nicht auch noch Anfangsinvestitionen in Freibad und Sauna zulässt. Insgesamt lässt sich das Projekt nur mit ÖPP-Geldern finanzieren, also einer Kooperation mit privaten Unternehmen, bei der die Investitionen nicht in der Errichtungsphase den Haushalt und die knappen Personalkapazitäten belasten, sondern erst durch Rückmietung in den nächsten Jahrzehnten. Vor diesem Hintergrund ist es nochmals schwerer zu vermitteln, weshalb unsere Kinder auf ein Freibad am Fössebad verzichten müssen. Denn sie sind es, die später als Erwachsene die Kosten nachfinanzieren müssen. Kein Freibad kostet also auch.

Das zweite zentrale Argument, Hannover sei mit Freibadwasserflächen überversorgt, wird nur für das Fössebad eingebracht, nicht für das Misburger Bad. Die Stadt Hannover legt für das Misburger Bad andere Maßstäbe an. Im mit 33.000 Einwohner/innen wesentlich kleineren Stadtbezirk Misburg-Anderten werden 960 Quadratmeter Freibadwasserfläche saniert. Am Rande des Stadtbezirks Linden-Limmer mit 45.000 Einwohner/innen (ohne Neubaugebiet Wasserstadt) gibt es zwar das Freibad Limmer mit 1406 Quadratmetern Wasserfläche, allerdings werden beide Bäder auch von den westlich gelegenen angrenzenden Stadtteilen Ahlem und Davenstedt mit 21.000 Einwohner/innen besucht. Insgesamt wird bei der geplanten Neuverteilung von Freibadwasserflächen in Hannover eine Disproportionierung deutlich. In der nordöstlichen Hälfte der Stadt Hannover mit den Stadtbezirken Misburg-Anderten, Buchholz-Kleefeld, Bothfeld-Vahrenheide, Vahrenwald-List, Nord und Herrenhausen-Stöcken und insgesamt 267.000 Einwohner/innen stehen in 5 Freibädern 9.199 Quadratmeter Freibadwasserfläche zur Verfügung, während in der südwestlichen Hälfte Hannovers in nur 2 Freibädern 3.411 Quadratmeter für 271.000 Menschen ausreichen müssen (alle Zahlen 1.1.2016).

Nun mag man einwenden, es seien im Süden und Westen außerhalb der Stadtgrenzen ja noch Bäder zu erreichen, dazu seien Freibadestellen einzuberechnen und schließlich die Stadt nicht zweigeteilt. Das stimmt sicherlich und auch ist eine schematische Darstellung immer eine Frage der Grenzziehung, doch die hälftige Teilung in den Nordosten und den Südwesten der Stadt zeigt eine deutliche Assymmetrie. Diese Ungleichheit gibt es auch bei anderen Themen und sollte uns zu denken geben.

Ich hatte bereits an anderer Stelle in diesem blog darauf hingewiesen, dass von 125 Straßenbahnkilometern der üstra nur 17 westlich von Ihme und Leine verlaufen, auch wenn demnächst durch die Anbindung nach Hemmingen ein paar Kilometer Gleis dazu kommen. Davenstedt im Westen Lindens ist der letzte Stadtteil Hannovers vollständig ohne Stadtbahn- und S-Bahnanschluss. Auch wird eine Diskussion derzeit zu den Betreunungsquoten in den Kindertagesstätten geführt, die besonders in den westlich gelegenen Stadtbezirken Ricklingen und Ahlem-Davenstedt-Badenstedt und dort in einigen Stadtteilen im Stadtvergleich eklatant niedrig ist (vgl. Neue Presse vom 25.3.2017). Es gibt zu denken, dass sich genau in diesem Cluster die Stadtteile mit der geringsten Gymnasialempfehlungsquote befinden und die Stadtbezirke Linden-Limmer mit 20,9 Prozent und Ricklingen mit 20,4 Prozent Transferlesitungsquote traurige Spitzenreiter der hannoverschen Stadtbezirke sind.

Zeit ist noch umzusteuern und den Blick auf den Bedarf zu lenken. So schön und wichtig ein Sportbad für den Vereins- und Spitzensport auch sein mag.

Weshalb es richtig ist, Halim Dener einen Ort zu geben

Halim Dener soll einen Ort des Gedenkens erhalten. Ein Platz im Stadtteil Linden-Nord. Was ist daran so kontrovers? Weshalb kommt Hannover mit dem Tod Halim Deners nicht zurecht? Der Reihe nach.

Halim Dener, ein 16 Jahre alter kurdischer Jugendlicher, war nur zwei Wochen in Hannover. Er lebte unter falschem Namen in einer Kleinstadt nahe Hannovers. Das Vorgehen der türkischen Militärs hatte Halim Dener seiner Heimat beraubt. Allein kam er als Jugendlicher nach Deutschland, dem Land in dem viele Kurden leben, dem Land, das Sicherheit bieten konnte. Mit anderen Kurden versuchte er, sich in Hannover für die Rechte der Kurden einzusetzen, mit ihnen klebte er am 30. Juni 1994 am Steintorplatz in Hannover Plakate für die seit 1993 verbotene Nationale Befreiungsfront Kurdistans, einer Organisation der PKK. Ein Polizist in Zivil entdeckt den 16-Jährigen, in Folge eines bis heute unklaren Gerangels wird Halim Dener aus nächster Entfernung von hinten tödlich in den Rücken geschossen.

Der Polizist, dem nach eigener Angabe die Waffe auf den Boden fiel und sich beim Aufheben löste, wurde freigesprochen. Die genaueren Umstände konnten nicht geklärt werden und damit auch nicht die Frage, weshalb ein 16-Jähriger beim Plakate-Kleben von zivilen bewaffneten und offensichtlich überforderten SEK-Beamten verfolgt wird und sterben muss. Die Hannoversche Allgemeine Zeitung seinerzeit dazu: „Wenn SEK-Beamte mit der Verfolgung eines unbewaffneten 16-Jährigen hoffnungslos überfordert sind, dann sollte der Bürger künftig in Deckung gehen, wenn die angeblich so hochqualifizierten Spezialeinsatzkommandos unterwegs sind.“

Auch am außenpolitischem Fingerspitzengefühl mangelt es. Das Verbot der PKK und seiner Organisationen im Jahr 1994 erlebt heute eine Wiederkehr. Gerade hat das Innenministerium im März dieses Jahres 33 kurdische Symbole verboten, darunter die international anerkannte gegen den IS gerichtete Bewegung YPG. Damit sind Kurden in Deutschland ihrer Symbolik vollständig beraubt. Deutschland stellt sich kompromisslos hinter die Forderung der türkischenen Regierung, mit harter Hand gegen Kurden vorzugehen. Und das in einer Zeit, in der sich die Bewertung des türkischen Regimes verschiebt und die Vereinten Nationen einen Bericht veröffentlichen, in dem der türkische Staat wegen schwerer Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und der Zerstörung ganzer Städte im kurdischen Südosten der Türkei angeprangert wird.

Die öffentliche Sicht auf die türkische Regierung und den Präsidenten der Türkei hat sich inzwischen deutlich gewandelt. Damit tritt auch das Schicksal der Kurden in ein anderes Licht. Inzwischen setzen sich Bundestagsabgeordnete von CDU, CSU, SPD, Grünen und Linken für verfolgte und bedrängte Politiker/innen der prokurdischen demokratischen Partei HDP ein, einer Partei, die sich gegen die grundsätzliche Terrorismusunterstellung gegenüber der PKK ausspricht.

Halim Dener steht auch heute noch als Symbol einer ungerechten Politik, die bis in die Diaspora hinein alles Andersdenkende verfolgt. Vor allem Linke und Linksautonome haben das Schicksal des jungen Kurden als dieses Symbol angenommen. Die Auseinandersetzungen trafen auch unsere Stadt, in der „zufällig“ Halim Dener strandete und für immer blieb. Aber auch wer sich für Vermittlung einsetzte, wurde heftig attackiert. So der damalige Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg, den die türkische regierungsnahe Zeitung Hürriyet als „Terroristenwerkzeug“ verunglimpfte. Mit dieser Erfahrung im Rücken beziehen sich die öffentlich geäußerten Bedenken im Vorfeld einer Platzbenennung nach Halim Dener auch zum größten Teil auf das mögliche Wiederaufflammen des Konflikts.

Nun ist Angst zumeist ein schlechter Ratgeber und führt im Fall eines verweigerten Gedenkens eher zu einer Verlängerung und Zuspitzung der Auseinandersetzungen. Ein Ort des Gedenkens ist auch ein Ort des Zurruhekommens. In Hannover leben rund 10.000 Kurden hauptsächlich aus der Türkei, aber auch aus dem Iran, dem Irak und aus Sysrien seit vielen Jahren friedlich unter und mit uns. Der Stadtbezirk, in dem mit geschätzt 1.700 die meisten Kurden leben, ist der Stadtbezirk Linden-Limmer. Die meisten davon in dem vielleicht vielfältigsten Kiez, in Linden-Nord. Ein Platz mitten in Linden-Nord ist ein angemessener Ort für das Gedenken an Halim Dener, eine schrittweise Befriedung einer Wunde in unserer Stadtgeschichte und auch ein Aufmerksammachen auf die kurdischstämmigen Menschen, die die Vielfalt unserer Stadt bereichern.

Politisch setzen sich Grüne, Linke, Piraten und die Partei für den Gedenkort ein, zivilgesellschaftlich sind es Gastwirte, eine Buchhandlung und viele Privatpersonen.

Die Worte des grünen Bundestagsabgeordneten Sven-Christian Kindler stehen stellvertretend für eine bunte Solidarität: „Ich freue mich sehr darüber, dass nun der Bezirksrat in Linden-Limmer über einen Ort des Gedenkens und der Erinnerung an Halim Dener diskutieren wird. Mein großer Dank gilt den engagierten Initiativen aus der hannoverschen Zivilgesellschaft, die seit Jahren auf dieses wichtige Thema aufmerksam machen. Der gewaltsame Tod von Halim Dener gehört zur Geschichte dieser Stadt. Halim Dener lebte in Hannover und er wurde hier bei einem Polizeieinsatz erschossen. Ein Gedenkort für Halim Dener ist aus meiner Sicht in Hannover überfällig. Das wäre ein wichtiges Signal an die vielen Initiativen und ein Zeichen der Anerkennung für die Familie von Halim Dener.“