Vielfalt

Das Fössefreibad könnte kostenneutral gerettet werden

Die Diskussion um die geplante Schließung des Fössefreibades sollte noch eine Wendung bekommen. Als ein Hauptargument gegen Sanierung oder Neubau des Freibades waren bislang hauptsächlich die Kosten von Errichtung und Betrieb genannt worden. Jetzt wird deutlich, dass die Stadt mit einem anderen als dem geplanten Betriebsmodell 14 Millionen Euro sparen könnte.

Zum Hintergrund: Die Stadt Hannover hat in ihrem Bäderkonzept das Misburger Bad und das Fössebad zum Neubau vorgeschlagen. Das Misburger Bad soll als Kombibad erhalten bleiben. Das Hallenbad wird neugebaut, das Freibad saniert. Im Fössebad soll ein Sportleistungsbad entstehen und das Freibad abgerissen werden.

Gegen den Abriss des Freibades hat sich großer Protest entwickelt. Ausgerechnet im Stadtbezirk Linden-Limmer, dessen Bevölkerung stark wächst und in dem über 20 Prozent Transferleistungsempfänger leben, darunter ein hoher Anteil an Alleinerziehenden, soll ein Freibad geschlossen werden. Schwimmunterricht, Wassergewöhnung und beaufsichtigte Freizeit in den Sommermonaten würden für Kinder und Jugendliche ersatzlos wegfallen. Dort, wo elementare Daseinsvorsorge vernachlässigt wird – und dazu gehört ausdrücklich die Schließung eines Freibades – wird das Gemeinwohl schleichend gefährdet. Werden kommunale Räume zurückgebaut, gehen Orte der Vergemeinschaftung verloren, vereinzeln Kinder und Jugendliche, entfremdet sich Kommune und Bewohnerschaft.

Das Fössefreibad mit seinen 163 Jahren ist zudem eines der ältesten Bäder in Hannover und Umgebung und hat einen weiten Einzugsbereich bis über die Stadtgrenzen hinaus (vgl. Hannovers Freibäder im Flächenvergleich).

Ein offener Brief des Förderkreises Fössebad in der Sommerpause und eine Anfrage im Stadtbezirsrat Linden-Limmer haben jetzt ergeben, dass mit dem Neubau des Sportleistungsbades der derzeitige Betreiber des Fössebades zu Lasten eines teuren städtischen Betriebsmodells aufgekündigt wird. Die Betreibergemeinschaft bewirtschaftet das Fössebad seit 20 Jahren für rund 400.000 Euro jährliche Personal- und Betriebskosten. Mit dem Neubau soll die Weiterführung des Bades in städtische Hand übergehen. Die Kosten werden dadurch erheblich steigen. Das in etwa vergleichbare Vahrenwalder Bad kostet allein für Personal im Jahr rund 1,1 Millionen Euro. Die Differenz zum derzeitigen Betreiber beträgt demnach jährlich mindestens 700.000 Euro, auf eine Laufzeit von 20 Jahre sind das rund 14 Millionen Euro Mehrkosten. Für diesen Betrag könnten gleich zwei Freibäder gebaut und betrieben werden.

Nun gibt es gegen diese Berechnung Einwände. Der Betreiber fordere bereits jetzt eine Erhöhung des Zuschusses und der günstige Betrieb sei nur mit vielen Aushilfskräften möglich. Dem Einwand wäre zu begegnen, indem sich die Stadt in der bei Neubau erforderlichen Ausschreibung deutlich für tarifgebundene Beschäftigung aussprechen würde. Wenn dadurch der Betrieb durch die jetzige Betreibergesellschaft selbst um 50 Prozent teurer werden sollte, lägen die Betriebskosten mit 600.000 Euro immer noch fast halb so niedrig wie bei einer Übernahme in städtische Belegschaft.

Der nächste Einwand lautet, ein unbekannter Dritter würde den Zuschlag bekommen können. Das kann sein. Da sich aber der jetzige Betreiber auf eine Ausschreibung berwerben möchte, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er auch das günstigste Angebot abgibt, da er die Gegebenheiten vor Ort kennt. Wenn doch ein Unbekannter den Zuschlag bekommen sollte, liegt es auch hier in der Qualität der Ausschreibung, welche Arbeit er anbietet. Wir lasen den Betrieb durch Fördervereine und private Dritte hier in Hannover zigfach durchführen, nicht nur bei Schwimmbädern, auch bei Flüchtlingswohnheimen etc. Warum ausgerechnet der jetzige Betreiber zwingend abgewickelt werden soll, ist nicht einsehbar.

Man muss bei der derzeitigen Konstellation auch sehen, dass hier nicht ein städtischer Betrieb durch einen Privaten ersetzt wird, sondern ein funktionierender Betreiber aus dem Vereinswesen abgewickelt wird. Wenn alles in städtische Hand kommen sollte, dürften in Hannover nach gleicher Logik keine ÖPP-Projekte mehr durchgeführt werden, kein Förderverein mehr kommunale Aufgaben übernehmen, kein freier Träger mehr untertariflich entlohnen.

Ein weiteres Argument gegen die Weiterführung des derzeitigen Betreibermodells lautet, der Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung lasse in der Finanzierungskonstellation nur einen städtischen Betrieb zu. Da das Fössebad erst 2021 oder später gebaut wird, stellt sich diese Frage aber noch gar nicht. Der Tarifvertrag läuft bereits Mitte 2020 aus. Wenn Grundstück und Gebäude in städtischen Eigentum bleiben, kann man auch die Rechtsauffassung vertreten, dass gar kein echtes ÖPP vorliege und der Betrieb ohne weiteres von Dritten durchgeführt werden kann.

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund fordert daher die Kommunen auf, Schwimmbäder zu erhalten und bei der Finanzierung alternative Wege zu beschreiten: „Gute Erfahrungen haben die Kommunen z. B. damit gemacht, dass man ganz oder teilweise den Betrieb eines Schwimmbades einem Förderverein überlässt und die Stadt sich auf einen Zuschuss beschränkt (Deutscher Städte und Gemeindetag 2015: Kommunale Schwimmbäder – Unverzichtbarer Bestandteil kommunaler Daseinsvorsorge).

Es kommt entscheidend darauf an, wie Betriebs- und Finanzierungsmodell justiert werden. Die vorgelegte Drucksache der Stadt Hannover verbaut nahezu alle sparsameren Alternativen. Zwischen derzeitigem Betreiber und einem städtischen Betrieb liegen bei zwanzig Jahre Laufzeit rund 14 Millionen Euro Differenz. Diese Summe darf in der Diskussion nicht leichtfertig unterschlagen werden. Ausgerechnet eine Stadt, die über Jahrzehnte Haushaltskonsolidierungen vornimmt, d.h. Personal einspart, und sich derzeit schwer tut, überhaupt Personal für die Anforderungen einer wachsenden Bevölkerung zu finden, verzichtet lieber auf ein Freibad, als alle Anstrengungen zu unternehmen, einen sparsamen Betrieb mit einem erfahrenen Betreiber anzustreben.

Wenn der Wille da wäre, könnten 14 Millionen Euro gespart werden. Mehr Geld als genug, ein Freibad zu bauen und einen soliden Betrieb mit Tariflöhnen ermöglichen.

Zwischen Hoch- und Stadtteilkultur – eine kommunalpolitische Perspektive

Dr. Daniel Gardemin, Kulturpolitischer Sprecher Bündnis90/Die Grünen Hannover, stellv. Vorsitzender des Kulturausschusses der Stadt Hannover im Gespräch mit Eva-Marie Gindel, Universität Hildesheim, Institut für Kulturpolitik, Unesco Chair „Cultural Policy for the Arts in Development“

Eva-Marie Gindel: Was verstehen Sie unter dem Begriff der „Kultur“?
Daniel Gardemin: Der Kulturbegriff ist äußerst dehnbar. Hochkultur, Stadtteilkultur, Erinnerungskultur, um nur drei wichtige Stichpunkte zu nennen. Das macht es nicht leicht, Kultur als Feld der Kommunalpolitik zu definieren und in einen handhabbaren Zusammenhang zu stellen. Die Schnittstellen zur Bildungs- und Sozialpolitik sind zu beachten. Ich persönlich nehme den Begriff sehr wörtlich. Im Lateinischen steht er für die Kunst des Ackerbaus. Kulturarbeit bezieht sich auf Erhaltung, Pflege und Gestaltung. Bezogen auf die Kulturpolitik in einer modernen Großstadt bedeutet das, die Menschen als gestaltende Kräfte ihrer Stadt mitzunehmen, ihnen zu helfen, Unfertiges kreativ zu verändern.

Was ist Ihre persönliche Motivation sich für Kultur einzusetzen?
Wir leben in einer stark durchökonomisierten Zeit. Die Schulen und Universitäten haben ihre Curricula gestrafft und auf ein utilitaristisches Weltbild hin ausgerichtet. Der Alltag ist durchzogen von funktionierenden und arbeitsteiligen Berufs- und Lebenswelten. Kultur kann ein Gegenbild entwerfen und einen Ausgleich herstellen. Ich setze mich dafür ein, kulturelle Nischen als Räume eines Gegenentwurfes zu unterstützen und zu fördern.

Wofür wird Ihrer Meinung nach zu wenig Geld investiert und wofür zu viel?
Kulturpolitik sieht sich stets dem Vorwurf ausgeliefert, zu viel Geld auszugeben. Wozu soll das gut sein, heißt es vordergründig. Kultur ist aber das Salz in der Suppe, ohne Kultur ist eine Stadt fade und blass. Eine Stadt muss auch schmecken, nicht nur in der City, sondern an jeder Ecke und in jedem Stadtteil. Die Hochkultur im Herzen der Stadt ist wichtig, sie ist das Aushängeschild. Sie kostet viel und sie hat in der Regel starke Unterstützer. Stadtteilkulturarbeit hingegen hat es immer schwer, sie muss ich stärker legitimieren. Hier fehlt es häufig an allen Ecken und Enden. Dabei ist sie es gerade, die Integration fördert. Ihr gilt mein besonderes Augenmerk. Kulturpolitik ist auch Bildungsauftrag.

Warum ist für Sie Kulturpolitik wichtig und sehen Sie persönlich eine fundamentale Wichtigkeit für die Gesellschaft?
Eine Stadt mit einer guten Kulturarbeit ist eine Stadt mit einem starken Zusammenhalt. Hannovers Stärke ist die soziale Vielfalt. Sie ist auch eine kulturelle Vielfalt. Jede und jeder bringt etwas mit. Das zieht die großen Stars ebenso wie die kleinen Initiativen in den Bann. Ich habe beispielsweise ein Benefizkonzert mit der Klarinettistin Sharon Kam organisiert. Der Erlös ging vollständig in Spielgeräte eines kleinen Kindergartens. Warum? Weil sich Weltstars in Hannover wohlfühlen und die Stadt unterstützen.

Dieser Zusammenhalt findet sich in etlichen Beispielen und macht eine hohe Attraktivität der Stadt aus. So genommen ist in Kultur investiertes Geld sogar unter Nützlichkeitsaspekten sinnvoll angelegt. Wie soll Kultur in der Zukunft aussehen? Wie soll und wie wird sich Kulturpolitik verändern?

Kultur in der Stadt wird bunter werden. Allein wegen des Bevölkerungswachstums und des zunehmenden Städtetourismus‘. Einige haben die Festivalisierung der Stadt, wie es Häußermann und Siebel schon vor Jahren nannten, bereits begriffen. Hannover beispielsweise tut gut daran, Ingo Metzmachers Kunstfestspiele Herrenhausen, Martine Dennewalds Theaterformen und die Fete de la Musique in Szene zu setzen. Und das großartige Sprengelmuseum ist das kulturelle Aushängeschild Hannovers. Die gerade beendete atemberaubende Schau der klassischen Moderne ist ein Highlight mit höchster Strahlkraft. Es braucht aber auch Festivals der Subkultur, Flohmärkte als Orte der Kleinkunst und Lebensraum für die Avantgarde. Das kostet auch was, denn Ateliers werden in der wachsenden Stadt teurer, das Leben sowieso. Es braucht daher verlässliche Förderung mit klarer und fairer Honorargestaltung. Die Städte, die Hochkultur, Stadtteilkultur und Avantgarde gleichermaßen achten und fördern, werden als Stadtlebensräume attraktiv sein. Wenn es dann noch gelingt, eine zusammenhängende kulturelle Identität zu prägen, können Städte, die ja einer Städtekonkurrenz ausgesetzt sind, auch nach außen ein wiedererkennbares kulturelles Profil entwickeln.

Hannovers Freibäder im Flächenvergleich – Der Südwesten schneidet schlecht ab

Im Stadtbezirk Linden-Limmer soll ein neues Schwimmbad gebaut werden. Das ist eine gute Nachricht. Das neue Bad soll aber ein Sportbad für internationale Wettbewerbe werden, mit Tribüne und allen technischen und baulichen Rafinessen für den Spitzensport. Dafür wird das Freibad ersatzlos gestrichen. Der Bezirksrat Linden-Limmer hat sich in einer ersten Aussprache ohne Ausnahme für die Erhaltung des Freibades ausgesprochen. Ein Spitzensportbad führt an dem Bedarf des Stadtbezirks vorbei.

Das 1960 an der Stelle einer alten Flussbadeanstalt an der Fösse gebaute Kombibad war das erste Schwimmbad in Deutschland, das Hallen- und Freibad miteinander kombinierte. Ein Schwimmbad für den Arbeiterstadtteil Linden war ein deutliches Zeichen, sich des Stadtteils anzunehmen. Nach fast 60 Jahren Betrieb ist das mitten im Wohngebiet stehende Bad in die Jahre gekommen, aber unverändert beliebt. Nur das Freibad wurde 2012 geschlossen, weil die Stadt Hannover keine Mittel fand, die Umwälzanlage zu erneuern. Schätzungsweise 500.000 bis 690.000 Euro fehlten für die Sanierung des alten Freibeckens oder für einen Neubau eines reduzierten Freibades. Die Wiederherstellung des Freibades stand außer Frage. Im Nachhinein sieht die Schließung des Freibades nun wie eine Gewöhnungsmaßnahme aus, sozusagen ein Testlauf, ob es auch ohne geht. Natürlich, wenn kein Freibad da ist, wird es auch nicht genutzt. Entweder nehmen die Familien in der warmen Jahreszeit weite Wege auf sich oder die Freizeit wird ohne Schwimmen vollbracht.

Die Verwaltung der Stadt Hannover begründet die Schließung des Freibades mit den vielen Freibadwasserflächen in der Stadt Hannover und den Kosten, die das Sportbad verschlingt. Mit 19,5 Millionen Eure Errichtungskosten soll es ausgesprochen teuer werden. Der gleichzeitig ausgeschriebene Neubau des Kombibades Misburger Bad inklusive der Sanierung des Freibades wird mit 16,5 Millionen Euro veranschlagt. Die Ausführung eines Sportbades mit 50-Meter-Bahn, zwei Hubböden und Zuschauertribüne kostet also 3 Millionen Euro mehr als ein neues Familienbad mit Freibad. Dabei hatte es bei der einzigen Veranstaltung zur Bürger/innen-Beteiligung vor über einem Jahr am 9.5.2016 noch geheißen, bei allen Planungsvarianten sei ein 25-Meter-Freibadbecken vorgesehen. Das wäre zwar eine deutlich kleinere als die bestehende stillgelegte Freibadfläche mit derzeit 1133 Quadratmetern gewesen, hätte aber das Freibad erhalten. Von dieser Prämisse aus der vorzeitigen Beteiligung ist nichts übriggeblieben, das Freibad eines familienorientierten Kombibades ist einem sehr ambitionierten Sportbad zum Opfer gefallen.

In den Ausführungen der Verwaltung wird zwar auf ein geplantes Lehrschwimmbecken mit Hubboden und ein Planschbecken verwiesen, doch gleichzeitig von hohen Nutzungszeiten für Wettkämpfe und Training ausgegangen. In Folge von geplanten Wasserball-Ligaspielen bis hin zu Champions-League-Spielen mit Publikum, Versorgungsequipment und geggebenenfalls TV-Übertragungstechnik wird das Fössebad in Zukunft vor allem an Wochenenden belegt sein.

Dauerhaft ist das Fössebad als Ausweich für die Wettkämpfe des Stadionbads vorgesehen, das auch nach der Sanierung konstruktiv nicht mehr den heutigen Wettkampfansprüchen entspricht. Die Option, auf die Wiese hinausgehen zu können oder eine größere Öffnung zur Wiese hin zu planen, bringt Sport und Erholung in Konkurrenz und ersetzt kein Freibad. Für den Stadtbezirk Linden-Limmer ist die teure Offerte eines ambitionierten Wettkampfbades wie ein glitzerner Sportwagen in dem keine Familie Platz findet.

Daraus leitet sich das erste zentrale Argument ab, ein Freibad sei grundsätzlich sehr teuer. Dabei hatte das mit der Machbarkeitsstudie beauftragte Planungsbüro Krieger am 9.5.2016 mitgeteilt, ein Bad mit Freibad hätte deutlich mehr Besucher/nnen zu erwarten und durch die Kombination Hallen- und Freibad könne auch das Hallenbad profitieren. Auch eine Sauna könne am Standort Linden wirtschaftlich betrieben werden. Über diese Empfehlungen hat sich die Stadt Hannover hinweggesetzt, da der Kostentreiber Sportbad nicht auch noch Anfangsinvestitionen in Freibad und Sauna zulässt. Insgesamt lässt sich das Projekt nur mit ÖPP-Geldern finanzieren, also einer Kooperation mit privaten Unternehmen, bei der die Investitionen nicht in der Errichtungsphase den Haushalt und die knappen Personalkapazitäten belasten, sondern erst durch Rückmietung in den nächsten Jahrzehnten. Vor diesem Hintergrund ist es nochmals schwerer zu vermitteln, weshalb unsere Kinder auf ein Freibad am Fössebad verzichten müssen. Denn sie sind es, die später als Erwachsene die Kosten nachfinanzieren müssen. Kein Freibad kostet also auch.

Das zweite zentrale Argument, Hannover sei mit Freibadwasserflächen überversorgt, wird nur für das Fössebad eingebracht, nicht für das Misburger Bad. Die Stadt Hannover legt für das Misburger Bad andere Maßstäbe an. Im mit 33.000 Einwohner/innen wesentlich kleineren Stadtbezirk Misburg-Anderten werden 960 Quadratmeter Freibadwasserfläche saniert. Am Rande des Stadtbezirks Linden-Limmer mit 45.000 Einwohner/innen (ohne Neubaugebiet Wasserstadt) gibt es zwar das Freibad Limmer mit 1406 Quadratmetern Wasserfläche, allerdings werden beide Bäder auch von den westlich gelegenen angrenzenden Stadtteilen Ahlem und Davenstedt mit 21.000 Einwohner/innen besucht. Insgesamt wird bei der geplanten Neuverteilung von Freibadwasserflächen in Hannover eine Disproportionierung deutlich. In der nordöstlichen Hälfte der Stadt Hannover mit den Stadtbezirken Misburg-Anderten, Buchholz-Kleefeld, Bothfeld-Vahrenheide, Vahrenwald-List, Nord und Herrenhausen-Stöcken und insgesamt 267.000 Einwohner/innen stehen in 5 Freibädern 9.199 Quadratmeter Freibadwasserfläche zur Verfügung, während in der südwestlichen Hälfte Hannovers in nur 2 Freibädern 3.411 Quadratmeter für 271.000 Menschen ausreichen müssen (alle Zahlen 1.1.2016).

Nun mag man einwenden, es seien im Süden und Westen außerhalb der Stadtgrenzen ja noch Bäder zu erreichen, dazu seien Freibadestellen einzuberechnen und schließlich die Stadt nicht zweigeteilt. Das stimmt sicherlich und auch ist eine schematische Darstellung immer eine Frage der Grenzziehung, doch die hälftige Teilung in den Nordosten und den Südwesten der Stadt zeigt eine deutliche Assymmetrie. Diese Ungleichheit gibt es auch bei anderen Themen und sollte uns zu denken geben.

Ich hatte bereits an anderer Stelle in diesem blog darauf hingewiesen, dass von 125 Straßenbahnkilometern der üstra nur 17 westlich von Ihme und Leine verlaufen, auch wenn demnächst durch die Anbindung nach Hemmingen ein paar Kilometer Gleis dazu kommen. Davenstedt im Westen Lindens ist der letzte Stadtteil Hannovers vollständig ohne Stadtbahn- und S-Bahnanschluss. Auch wird eine Diskussion derzeit zu den Betreunungsquoten in den Kindertagesstätten geführt, die besonders in den westlich gelegenen Stadtbezirken Ricklingen und Ahlem-Davenstedt-Badenstedt und dort in einigen Stadtteilen im Stadtvergleich eklatant niedrig ist (vgl. Neue Presse vom 25.3.2017). Es gibt zu denken, dass sich genau in diesem Cluster die Stadtteile mit der geringsten Gymnasialempfehlungsquote befinden und die Stadtbezirke Linden-Limmer mit 20,9 Prozent und Ricklingen mit 20,4 Prozent Transferlesitungsquote traurige Spitzenreiter der hannoverschen Stadtbezirke sind.

Zeit ist noch umzusteuern und den Blick auf den Bedarf zu lenken. So schön und wichtig ein Sportbad für den Vereins- und Spitzensport auch sein mag.

Weshalb es richtig ist, Halim Dener einen Ort zu geben

Halim Dener soll einen Ort des Gedenkens erhalten. Ein Platz im Stadtteil Linden-Nord. Was ist daran so kontrovers? Weshalb kommt Hannover mit dem Tod Halim Deners nicht zurecht? Der Reihe nach.

Halim Dener, ein 16 Jahre alter kurdischer Jugendlicher, war nur zwei Wochen in Hannover. Er lebte unter falschem Namen in einer Kleinstadt nahe Hannovers. Das Vorgehen der türkischen Militärs hatte Halim Dener seiner Heimat beraubt. Allein kam er als Jugendlicher nach Deutschland, dem Land in dem viele Kurden leben, dem Land, das Sicherheit bieten konnte. Mit anderen Kurden versuchte er, sich in Hannover für die Rechte der Kurden einzusetzen, mit ihnen klebte er am 30. Juni 1994 am Steintorplatz in Hannover Plakate für die seit 1993 verbotene Nationale Befreiungsfront Kurdistans, einer Organisation der PKK. Ein Polizist in Zivil entdeckt den 16-Jährigen, in Folge eines bis heute unklaren Gerangels wird Halim Dener aus nächster Entfernung von hinten tödlich in den Rücken geschossen.

Der Polizist, dem nach eigener Angabe die Waffe auf den Boden fiel und sich beim Aufheben löste, wurde freigesprochen. Die genaueren Umstände konnten nicht geklärt werden und damit auch nicht die Frage, weshalb ein 16-Jähriger beim Plakate-Kleben von zivilen bewaffneten und offensichtlich überforderten SEK-Beamten verfolgt wird und sterben muss. Die Hannoversche Allgemeine Zeitung seinerzeit dazu: „Wenn SEK-Beamte mit der Verfolgung eines unbewaffneten 16-Jährigen hoffnungslos überfordert sind, dann sollte der Bürger künftig in Deckung gehen, wenn die angeblich so hochqualifizierten Spezialeinsatzkommandos unterwegs sind.“

Auch am außenpolitischem Fingerspitzengefühl mangelt es. Das Verbot der PKK und seiner Organisationen im Jahr 1994 erlebt heute eine Wiederkehr. Gerade hat das Innenministerium im März dieses Jahres 33 kurdische Symbole verboten, darunter die international anerkannte gegen den IS gerichtete Bewegung YPG. Damit sind Kurden in Deutschland ihrer Symbolik vollständig beraubt. Deutschland stellt sich kompromisslos hinter die Forderung der türkischenen Regierung, mit harter Hand gegen Kurden vorzugehen. Und das in einer Zeit, in der sich die Bewertung des türkischen Regimes verschiebt und die Vereinten Nationen einen Bericht veröffentlichen, in dem der türkische Staat wegen schwerer Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und der Zerstörung ganzer Städte im kurdischen Südosten der Türkei angeprangert wird.

Die öffentliche Sicht auf die türkische Regierung und den Präsidenten der Türkei hat sich inzwischen deutlich gewandelt. Damit tritt auch das Schicksal der Kurden in ein anderes Licht. Inzwischen setzen sich Bundestagsabgeordnete von CDU, CSU, SPD, Grünen und Linken für verfolgte und bedrängte Politiker/innen der prokurdischen demokratischen Partei HDP ein, einer Partei, die sich gegen die grundsätzliche Terrorismusunterstellung gegenüber der PKK ausspricht.

Halim Dener steht auch heute noch als Symbol einer ungerechten Politik, die bis in die Diaspora hinein alles Andersdenkende verfolgt. Vor allem Linke und Linksautonome haben das Schicksal des jungen Kurden als dieses Symbol angenommen. Die Auseinandersetzungen trafen auch unsere Stadt, in der „zufällig“ Halim Dener strandete und für immer blieb. Aber auch wer sich für Vermittlung einsetzte, wurde heftig attackiert. So der damalige Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg, den die türkische regierungsnahe Zeitung Hürriyet als „Terroristenwerkzeug“ verunglimpfte. Mit dieser Erfahrung im Rücken beziehen sich die öffentlich geäußerten Bedenken im Vorfeld einer Platzbenennung nach Halim Dener auch zum größten Teil auf das mögliche Wiederaufflammen des Konflikts.

Nun ist Angst zumeist ein schlechter Ratgeber und führt im Fall eines verweigerten Gedenkens eher zu einer Verlängerung und Zuspitzung der Auseinandersetzungen. Ein Ort des Gedenkens ist auch ein Ort des Zurruhekommens. In Hannover leben rund 10.000 Kurden hauptsächlich aus der Türkei, aber auch aus dem Iran, dem Irak und aus Sysrien seit vielen Jahren friedlich unter und mit uns. Der Stadtbezirk, in dem mit geschätzt 1.700 die meisten Kurden leben, ist der Stadtbezirk Linden-Limmer. Die meisten davon in dem vielleicht vielfältigsten Kiez, in Linden-Nord. Ein Platz mitten in Linden-Nord ist ein angemessener Ort für das Gedenken an Halim Dener, eine schrittweise Befriedung einer Wunde in unserer Stadtgeschichte und auch ein Aufmerksammachen auf die kurdischstämmigen Menschen, die die Vielfalt unserer Stadt bereichern.

Politisch setzen sich Grüne, Linke, Piraten und die Partei für den Gedenkort ein, zivilgesellschaftlich sind es Gastwirte, eine Buchhandlung und viele Privatpersonen.

Die Worte des grünen Bundestagsabgeordneten Sven-Christian Kindler stehen stellvertretend für eine bunte Solidarität: „Ich freue mich sehr darüber, dass nun der Bezirksrat in Linden-Limmer über einen Ort des Gedenkens und der Erinnerung an Halim Dener diskutieren wird. Mein großer Dank gilt den engagierten Initiativen aus der hannoverschen Zivilgesellschaft, die seit Jahren auf dieses wichtige Thema aufmerksam machen. Der gewaltsame Tod von Halim Dener gehört zur Geschichte dieser Stadt. Halim Dener lebte in Hannover und er wurde hier bei einem Polizeieinsatz erschossen. Ein Gedenkort für Halim Dener ist aus meiner Sicht in Hannover überfällig. Das wäre ein wichtiges Signal an die vielen Initiativen und ein Zeichen der Anerkennung für die Familie von Halim Dener.“

Der Martin-Schulz-Effekt verändert die politische Landschaft in Kommune und Bund

Innerhalb von zwei Wochen hat Martin Schulz die SPD von 21 auf 31 Prozent katapultiert. Das ist einmalig in der Geschichte der Wahlforschung. Ausgerechnet die Sonntagfrage, die wöchentliche Pein aller Sozialdemokraten, flackert tiefrot. Plötzlich entrücktes Staunen bei der SPD, gelähmte Union, falsch aufgestellte Grüne, Abwehrreflexe bei der Linken. Was ist da in kürzester Zeit passiert?

Ein Blick auf die Wahlergebnisse des den stärksten sozialen Veränderungen unterworfenen Stadtbezirkes der Landeshauptstadt Hannover zeigt das Ausbluten der Volksparteien anschaulich (siehe Abbildung). Die SPD kommt im angestammten Arbeiterquartier Linden-Limmer bei den vergangenen Kommunalwahlen nur noch auf 24,5 Prozent. 1972 lag sie bei 72,7 Prozent, 2001 immerhin noch bei 42,5 Prozent. Nahezu alle anderen Parteien haben von den Stimmverlusten der SPD profitiert. Nur die CDU nicht, die im roten Linden allerdings nie eine übergeordnete Rolle spielte.

Nun hat sich auch die Bevölkerungsstruktur im Stadtbezirk Linden-Limmer in der Transformationsphase von Industrie- und Gastarbeiterstadtteil hin zu einem jugen und studentisch geprägten Szenequartier erheblich geändert. Allerdings nicht in der Geschwindigkeit, wie die SPD Sympathien verloren hat. Wer sind diese Menschen, die sich von der SPD abgewandt haben? Was denken sie anders als die Partei handelt?

Die Rhetorik von Martin Schulz gibt eine erste Antwort. Sie ist emotional aufgeladen und geht direkt in die sozialdemokratische Seele. Sie impliziert alle Verluste und Traumata der vergangenen Jahrzehnte. Die unbefangene und unbelastete Figur Schulz wirkt beinahe wie ein Avatar einer Hollywoodinszenierung. Er hätte, gäbe es ihn nicht, erfunden werden müssen als Heilsbringer, der aus der Ferne eilend der vom Kurs abgekommenen SPD wieder ein richtungsweisender Steuermann sein will.

Er spricht zu den „hart arbeitenden Menschen“, „die den Laden am Laufen halten“, „die von der Pike auf gelernt haben“, „die sich an die Regeln halten“, „den Handwerkern, Bandarbeitern und Kreativen“, die „stolz auf ihre Lebensleistung sein können“. Er „spürt die Hoffnungen und Ängste“, hat „Empathie für die Menschen“ und „Respekt vor ihrer Lebensleistung“.

Er grenzt sich von der „Diktatur der Finanzmärkte“ ab, will „Steuergerechtigkeit“ „für den kleinen Bäckerladen“ und gegen die „globalen Kaffeekonzerne,“ „für die Sanierung von Schulen statt von Banken“. Eben weil es so viele „prekäre Arbeitsplätze“ gibt, weil „persönliche Defizite“ zum Nachteil werden und weil „Steuern ungerecht verteilt sind“, deshalb „reicht es kaum zur Miete.“ Schulz will den Menschen „Gerechtigkeit, Zusammenhalt und Respekt“ zurückgeben. Alle Metaphern sind ausgelotet, sprechen Herz und Verstand an. Es wirkt deshalb auch umsetzbar, weil das Versprechen noch greifbar ist, eine Art ursozialdemokratisches Grundrezept (alle Zitate aus der Antrittsrede von Martin Schulz am 29.1.2017).

Das ist das Narrativ einer untergegangenen Sozialdemokratie, das die Prognosen durch die Decke gehen lässt. Es ist keine Momentaufnahme, sondern eine nachholende Bewegung, die auf eine sehnliche Erwartungshaltung trifft. Der zurückgetretene Parteivorsitzende Sigmar Gabriel hat das in den letzten Monaten sehr eindrücklich gespürt. Sein Gespür, seine Spin-Doktors und zwei interne Meinungsumfragen haben ihm die Augen geöffnet. Erst mit der Option Martin Schulz wird der SPD deutlich, an was es ihr seit langem mangelt. Sie hat zwanzig Jahre lang Politik an der Kerngruppe der eigenen Wählerschaft vorbei betrieben, sie ist falschen Interessen und Prämissen eines durchregelten und blutlosen Regierungsbetriebes mit Beratern, Lobbyisten und selbstreferenziellen Systemen gefolgt, hat den eigenen Kompass verloren. Zwei Parteien sind aus dem Fleisch der SPD erfolgreich dauerhaft hervorgegangen, Grüne und Linke. Ursachenforschung Fehlanzeige.

Der unverstellte Blick auf die Wählerwanderungsbewegungen zeigt Erstaunliches (siehe Abbildung). Nehmen wir die vergangene Bundestagswahl und schauen wir uns an, mit welchen Wählerschüben der letzten zwanzig Jahre die Parteien ihr Ergebnis erzielt haben. Dazu benötigen wir nicht nur den Blick auf die einzelnen Parteien sondern auch auf die Nichtwähler als relative Größen zueinander. Dementsprechend kleiner fallen die Wahlergebnisse der Parteien aus. Die SPD beispielsweise konnte absolut betrachtet lediglich 18 Prozent aller Wahlberechtigten auf sich vereinigen, das entspricht bei 75,5 Prozent Wahlbeteiligung den errungenen 25,7 Prozent Stimmenanteilen.

Wenn wir nun die Wählerwanderungen der letzten sechs Wahlen seit 1994 aufaddieren, zeigt sich, wie verschwenderisch die SPD ihre Stimmen auf nahezu alle anderen Parteien und auf die Nichtwähler verteilt hat. Während über die vergangenen zwanzig Jahre bis auf die SPD alle Parteien durch Verlagerungen von Wähleranteilen ihr Wählerprofil transformieren konnten, häutete sich die SPD bis zur Unkenntlichkeit, ohne auf der anderen Seite von irgendwem profitieren zu können. Die SPD hat sozusagen über Jahre am Markt vorbei investiert. Die Union hat sich 2,6 Prozentpunkte Marktanteile einverleibt, immerhin rund 1,6 Millionen ehemalige SPD-Stimmen. Die Linke hat mit 2,4 Prozentpunkten sozialdemokratischem Wanderungsgewinn unglaublich profitiert, gemessen an ihrer Gesamtgröße. Die Grünen konnten bei verhältnismäßig schwachem Wahlergebnis 2013 immerhin 0,9 Prozentpunkte an saldiertem Ertrag der SPD für sich verbuchen. Das sind in der Summe in zwei Dekaden rund 600.000 von der SPD gewonnene Stimmen.

Neben der Verschiebung der Stimmenanteile sind zudem 2,1 Prozentpunkte absolute Wählerstimmen als Kundschaft vollständig an die Nichtwähler verloren gegangen. Das Nichtwählerlager wurde über die Jahre maßgeblich von der SPD bedient. Das Bild SPD wirkt wie eine Zentrifuge, die den letzten Saft aus der Masse der Volkspartei herausgedrückt hat. Auf eine Wahl mit 70 bis 75 Prozent Wahlbeteiligung hochgerechnet wären das rund 12 Prozentpunkte an Wählerstimmen, in etwa die Summe, die die Wahlvorhersage derzeit an Zugewinn ausweist .

Der Kanzlerkandidat Schulz scheint wie eine Art ungedeckter Scheck auf einen Richtungswechsel zu wirken. Während alles bisherige Marketing der SPD entweder falsch, unglaubwürdig oder von belastetem Personal vorgebracht wurde, scheint Schulz genau jene Eigenschaften in seiner Person zu bündeln, die wie ein Gegengift gegen diejenigen Kräfte zu wirken scheint, die die Wähler über etliche Wahlen zu anderen Parteien getrieben haben.

Man könnte meinen, dem Kandidaten flögen die Herzen nur so zu. Nein, es ist nicht allein die offensichtliche Liebeserklärung des Menschenfängers Schulz. Auf ihm lastet nun die Erwartungshaltung eines nachhaltigen Politikwechsels. Dazu gehören alle Trophäen, die die gebeutelte SPD-Wählerseele über lange Jahre entbehren musste. Die Kanzlerschaft, die Versöhnung mit der abgehängten Arbeitnehmermitte, der Schulterschluss zu den progressiven Kräften der Linkspartei und der Grünen, die gewerkschaftliche Kampfbereitschaft, der Gestaltungswille, die Einbindung der kulturellen und bildungsbürgerlichen Eliten, die Authentizität und Integrität von Politik.

Der Aufbruch erinnert an die frühen Brandt-Jahre, dem „Mehr-Demokratie-wagen“ nach der bleiernen Adenauer-Zeit. Es ist dieses Verlangen nach „Mehr-Gerechtigkeit-wagen“. Aber auch das „Wir zuerst“, die Bewältigung von jahrelanger Demütigung, auch die Einbindung des enttäuscht-autoritären Flügels. Die Öffnung der AfD nach rechts treibt längst Wähler zurück, der „Unverbrauchte“ kommt da gelegen. Das ist der unfassbare Möglichkeitsrahmen. All das steckt in dem Aufbegehren der von der SPD Vergessenen. Sie haben das schmale Instrument der Meinungsforschung genutzt, ihre Erwartung in genau jenem Zeitfenster zu formulieren, das es bedarf, um allen Parteien die Frage nach der eigenen Erdung im Wahlvolk zu stellen.

Das Rückkehrsignal geht von denjenigen aus, die in den gesellschaftspolitischen Lagern überwintern. Das Spiel ist keineswegs beliebig volatil. Jede Bewegung schafft eine Gegenbewegung, in denen sich die sozialen Milieus (Vester) ganz genau die Konsequenzen ihres Handelns überlegen. Die Handlungsreichweite, sprich das Wahlverhalten, orientiert sich jedoch an den Lageridentitäten, den Familien, den Peers, den Berufserfahrungen. Innerhalb dieses Spektrums ist das Wahlvolk außerordentlich mündig und in der Lage, den gesellschaftlichen und auch persönlichen Ertrag seines Handelns zu bewerten. Die Lager werden vor dem Hintergrund des jetzt erstmals wieder möglich gewordenen Politikwechsel wieder enger zusammenrücken, die Zeit der Stimmen-Experimente ist vorbei. Eine Leihstimme an die in der Wolle gefärbte Merkel-CDU ist für das progressive Lager ebenso eine verlorene Stimme wie eine plötzlich in Ferne gerückte Schwarz-Grün-Option.

Deshalb ist die Momentaufnahme auch dann schnell wieder vergänglich, wenn die Reaktion des gesamten Parteiengefüges folgt. Darin liegt vielleicht die interessanteste Frage. Gelingt es den Parteien, die Botschaft der Wahlumfragen zu lesen und Schlüsse für den bevorstehenden Bundestagswahlkampf zu ziehen. Welche Steuergrenzen sollen zwischen Zahlern und Empfängern gezogen werden? Ist es gerecht, dem Nachwuchs des besserverdienenden Facharbeiters kostenlos Kita und Fahrschein zu subventionieren? Wird die Schuldenbremse zum Abbau von Sanierungsstau angetastet? Wer trägt die Kosten für Rentensicherheit? Wie wird HartzIV geheilt? Zeit zum Umsteuern bleibt wenig, auch für die SPD. Denn auch sie wurde vom einsamen Handeln ihres ehemaligen Parteivorsitzenden Gabriel überrascht. Jetzt das Fell des Bären im virtuellen Siegestaumel verteilen zu wollen, würde den Blick auf die Botschaft der Willigen verstellen. Der Kandidat ist gut beraten, sich den Erfolg erst einmal genüsslich auf der Zunge zergehen zu lassen und dann die Inhalte nachzuschieben, die die SPD mutmaßlich nicht als Plan B in der Schublade hat. Sonst ist die Hoffnung schnell wieder begraben und „Genosse Trend“ vergeht in der Sonntagsfrage wie der Geist in Aladins wundersamer Wunderlampe.

Willkommen Jawad in Linden!

Helft Jawad einen Führerschein für seine Ausbildung zu finanzieren
Spendenaufruf für geflüchteten Jugendlichen aus Afghanistan

Als 15-Jähriger hat sich Jawad auf die Flucht nach Europa gemacht. Zusammen mit einem 16-Jährigen und einem 9-Jährigen war er fast zwei Jahre unterwegs, bis die drei im Sommer 2014 Deutschland erreichten.
Die Anfangszeit in Hannover war nicht leicht, zumal in fremder Umgebung, fernab von seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder, den er vermisst. Doch mit viel Beharrlichkeit, seiner freundlichen Art und seinem Ehrgeiz fand er Freunde in Hannover und begann, sich eine Zukunftsperspektive zu erarbeiten. Als unbegleiteter Minderjähriger wohnte Jawad zunächst bei bed-by-night und dann in einer Wohngruppe und besuchte schließlich die BBS 6 in Hannover.
Jetzt – zwei Jahre nach seiner Ankunft in Hannover – hat er den Hauptschulabschluss und das B1-Deutsch-Zertifikat in der Tasche und ist nun seit August 2016 stolzer Azubi zum Kfz-Mechatroniker in Hannover-Linden. Voraussetzung für die Ausbildung ist es, parallel zur Ausbildung einen Führerschein zu erwerben. Das Geld hat Jawad – heute 18 Jahre alt – nicht.

Jawad bei der Arbeit
Auto Center Linden am Lindener Hafen
„Die Arbeit macht mir viel Spaß und ich freue mich über das Vertrauen meines Chefs – aber ich brauche für diesen Beruf unbedingt einen Führerschein!“ berichtet er. Wie soll er sonst für seinen Betrieb Fahrzeuge rangieren und überführen? „Jetzt würde ich gerne mit dem Führerschein beginnen, aber ich weiß nicht, wovon ich ihn bezahlen soll“, sagt Jawad. „Mein Ausbildungslohn reicht gerade zum täglichen Leben, aber einen Führerschein kann ich davon nicht bezahlen.“
Was für viele von uns eine Selbstverständlichkeit als Heranwachsende ist, scheint Jawad derzeit als unüberbrückbare Hürde. Und es gibt auch keine institutionelle Hilfe für den Erwerb eines Führerscheins.
Als Patenfamilie unterstützen wir Jawad bereits seit über einem Jahr, bieten ihm Familienanschluss und Behördenhilfe, haben ihm ein WG-Zimmer in Linden vermittelt und freuen uns selbst sehr über den „Familienzuwachs“, können aber die rund 1.500 Euro, die ein Führerschein heute kostet, nicht allein aufbringen.
Unser Apell: Bitte helft/helfen Sie uns mit einer Spende, damit Jawad den beruflich erforderlichen Führerschein machen kann. Jeder Betrag hilft: Ob 5 Euro, 20 Euro oder mehr.
Über diesen Link kann verlässlich, direkt und ohne Abzüge Jawad geholfen werden:
Die Sammelaktion läuft bis zum 31.12.2016
Mit Dank im Namen Jawads und bürgend für die vertrauenswürdige Abwicklung grüßt
Daniel Gardemin

Gentrifizierung in Linden-Süd

Im Stadtteil Linden werden seit 2011 die Folgen von Mietenanstieg, Verdrängung und Gentrifizierung diskutiert. Derzeit rückt Linden-Süd als einer der letzten Nischen-Stadtteile Hannovers in den Fokus von Investoren und Wohnungssuchenden.

Im Rahmen eines Studienvorhabens an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst HAWK Hildesheim, Holzminden, Göttingen, Fakultät Management, Soziale Arbeit und Bauen ist der Stadtteil Linden-Süd einer Betrachtung unterzogen worden.

Das nachstehende Interview mit Daniel Gardemin, zur Zeit im Forschungsprogramm Experimenteller Wohnungs- und Städtebau mit der Studie „Soziale Vielfalt in der Stadt“ befasst, wurde mit freundlicher Genehmigung des Interviewers zur Veröffentlichung freigegeben.

Interview mit Daniel Gardemin

In Zeiten des starken Mietenanstiegs besteht die Befürchtung, dass auch in Nischen-Stadtteilen wie Linden-Süd Bevölkerung in andere Stadtteile verdrängt wird. Gibt es in Linden-Süd Gentrifizierung?

Daniel Gardemin: Das Thema ist in den 70er- bis 90er-Jahren bereits unter einem anderem Namen stark diskutiert worden, also wie sich Bevölkerungsgruppen innerhalb des Stadtgebietes an bestimmten Orten zusammenballen und voneinander trennen. Es ist eigentlich das klassische Segregationsthema. Das hat dann geruht. Zwanzig Jahre ist durch den Bevölkerungsrückgang in Hannover und stagnierende Mieten das Thema nicht mehr auf der Tagesordnung gewesen. Und dann entwickelte sich seit ungefähr 2011 etwas, genau hier in Linden, was wir von den Grünen aus, ich bin damals Stadtteilsprecher der Grünen im Stadtbezirk gewesen, von unsern Mitgliedern oder auch von den Bürgerinnen und Bürgern im Stadtteil herangetragen bekamen. Sie sagten uns, da ist ein Vermieter, der will uns aus der Wohnung herausklagen oder der, der fängt an hier Krach zu machen, in der Wohnung oder im Haus, alles wird umgebaut. Wir fühlen uns nicht mehr wohl. Und ein paar Indizien mehr kamen, so gab es hier eine Hausbesetzung und so weiter. So sind wir in dieses Thema hinein gekommen. Für mich hat es sogar dazu geführt – ich bin Sozialwissenschaftler, tätig an der Leibniz Uni Hannover – mich auch wissenschaftlich im Städtevergleich damit auseinander zusetzen. Was passiert eigentlich in den anderen Städten? Ist das etwas, was nur in Hannover passiert? Oder was besonders stark in den großen Metropolen passiert, wie in Berlin, Hamburg und München? Es stellte sich dann heraus, dass es eigentlich ein übergreifendes Phänomen ist, das nach den Metropolen jetzt die mittelgroßen Großstädte von 200.000 bis 500.000 Einwohnern ergeift. Weil diese Städte inzwischen am Wachsen sind und die Leute vermehrt nach Wohnraum suchen. Da gibt es angesagte Quartiere, die die zweite Modernisierungswelle schon hinter sich haben, wie das bürgerliche Linden-Mitte beispielsweise. Der Stadtteil ist nah am Stadtzentrum. Es gibt immer so eine Art Fünfkilometer-Linie mehr oder weniger, auch in den anderen Städten, die ähnlich strukturiert sind. Die Stadtteil um das Stadtzentrum herum sind attraktiv. Die kann man mit dem Fahrrad erreichen, da ist man schnell mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln drinnen, man kann Abends ins Theater gehen oder man erreicht den Arbeitsplatz oder den Bahnhof um in eine andere Stadt zu fahren.

Und dazu gehört auch Linden-Süd. Linden-Süd ist vollkommen vernachlässigt worden. Das meine ich aus der Perspektive des Beobachters, nicht so sehr aus der Perspektive der Stadt. Die hat ihre Sache gemacht, auch in der Sozialarbeit und den ganzen Fragen, die für sogenannte arme Stadtteile nötig sind. Wir haben aber kaum nachgefragt, was sich in Linden-Süd auf dem Wohnungsmarkt tut. Es hat in Linden-Nord und Linden-Mitte Protest gegeben. Das sind vor allem junge Studierende gewesen, die junge Generation, die in Linden-Süd noch nicht so zu wohnen scheint. Wir müssen jetzt fragen, was es mit der Entwidmung von Belegrechtswohnungen auf sich hat, wir haben ein enormes Ausdünnen von Belegrechtswohnungen, also von günstigem Wohnraum, in den letzten 20 Jahren gehabt. Diese Beobachtung führt mich dazu, dass ich sage, Linden-Süd steht eventuell am Anfang dieser Gentrifizierungskette. Das ist schon mal ein gewisses Ergebnis vorweg genommen. Ich sehe drei Spots, an denen sich etwas entwickelt.

Stigmatisierung nach Herkunft, Ethnie oder Religion führt zu einer Spaltung der Stadtgesellschaft

sdrHerkunft unwichtig – Grill und Supermarkt in der Limmerstraße, Linden-Nord

Die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ) berichtete am 1.2.2016 über einen Streit in einem Supermarkt in der Limmerstraße. Im Handgemenge kam es zu einer Pfeffersprayattacke, bei der auch unbeteiligte Passanten verletzt wurden. Ein Fall für Polizei und Gericht. Zu weit geht aber die Berichterstattung in der HAZ, die den Fokus auf das Merkmal „Südländer“ richtete.

Es ist ein keiner Weise sachdienlich, im Fahrwasser der allgemeinen Aufgeregtheit einen großen Bericht zu machen, in dem das „südländische“ Aussehen des mutmaßlichen Täters und auch noch das seiner mutmaßlich „südländischen“ Freundin ausgebreitet wird. Vielmehr führt diese Form der unsere Bevölkerungsgruppen gegeneinander ausspielenden Berichterstattung zu einer Vergiftung des guten Klimas im Stadtteil und auch im übrigen Hannover.

In unserem multikulturellen Linden werden mit dem Fahndungsaufruf „südländisch“ weit mehr als 10.000 friedfertige Menschen unter Generalverdacht gestellt. Ich würde mir sehr wünschen, wenn die HAZ wieder zu dem guten Stil der Empfehlungen des Presserats zurückfindet. Dort heißt es, nur wenn das Aussehen im Zusammenhang mit der Tat stehe, soll darüber berichtet werden. Wenn unsere örtliche Presse sich nicht mehr an diese Empfehlung halten möchte, muss sie sich selbst den Vorwurf gefallen lassen, zum steigenden Verkauf von Pfefferspraydosen ihren Teil beizutragen und Ausgrenzung und Stigmatisierung einzelner Bevölkerungsgruppen anzufachen.

Hintergrund: Linden ist ein multikultureller Stadtteil. Im Jahr 2014 hatten 11.548 Menschen in Linden eine andere als die deutsche Staatsangehörigkeit bzw. eine zusätzliche. Das sind 30 Prozent der Bevölkerung. Dazu kommen noch mehrere tausend Menschen, die die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben.
Linden hat die Erfahrung von mehr als 200 Jahren Zuwanderung:
um 1840: Frühindustrialisierung zwischen Ziegeleien, Steinbrüchen und Kalkbrennerei am Lindener Berg
und Eisengießerei und Maschinenfabrik an der Göttinger Straße (~3.000 Einwohner Einwohner)
-> Arbeitskräfte aus dem Calenberger Land, Weserbergland, Lippe und Eichsfeld
um 1850: Eisenbahnbau und Textilfabriken (~5.000 Einw.)
-> Fachkräfte aus England, Belgien und Frankreich
um 1880: Industrialisierung, Mechanische Baumwollspinnerei, Mechanische Weberei und Ausbau der
Hannoverschen-Maschinenbau-Gesellschaft Hanomag (~25.000 Einw.)
-> Ost-West Wanderung von Arbeitskräften aus Pommern, Schlesien und Sachsen
bis 1914: Hochphase d. Industrialisierung, Facharbeiterbedarf aus der eigenen Belegschaft (~80.000 Einw.)
-> Zuwanderer aus dem Osten Deutschlands, Polen, Galizien als gering bezahlte Arbeiter
um 1950, Innerdeutsche Migration nach Ende des 2. Weltkrieges
-> Flüchtlinge aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien
60er Jahre: Arbeitskräftebedarf
-> angeworbene Arbeiter aus der Türkei, Italien, Griechenland, Spanien, Jugoslawien und Portugal
80er und 90er Jahre: Zuzug durch Asylsuchende aus Osteuropa und Familiennachzug
-> Spätaussiedler, Jugoslawen, Rumänen, Bulgaren, Türken u.a.
10er Jahre: Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten im Nahen Osten, Balkan und Nordafrika
-> Syrien, Balkan, Afghanistan, Irak, Eritrea u.a.
aus einem Vortrag im Forum Linden-Nord am 27.4.2016, Quelle: eigene Recherchen, Strukturdaten der Stadt Hannover 2014 sowie Holger Horstmann, http://www.linden-entdecken.de/4980/geschichte-von-linden-die-anfaenge/

siehe auch:
Vielfalt und Teilhabe halten unseren Kiez zusammen
Flüchtlinge – Für eine sozialverträgliche Unterbringung in einer weltoffenen Stadt
Hülya Feise wird mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet!

Vielfalt

Öffentlich-Private-Partnerschaft – Ein Modell zu Lasten der Zukunft

 faustwiese
„Faustwiese“ in Linden-Nord, größte Grünfläche des Stadtteils. Hier soll ein ÖPP-Kindergarten entstehen
In Linden, wie auch in anderen Stadtteilen Hannovers, sollen ein Familienzentrum und eine Kindertagesstätte gebaut werden. Ein löbliches Vorhaben, weil die Geburten in Hannover wieder deutlich zunimmt.
Was allerdings nur im Nebensatz zur Sprache kommt: Die Neubauten in der Walter-Ballhause-Straße und in der Hohen Straße sollen von privaten Firmen gebaut und verwaltet werden. Das Ganze nennt sich Öffentlich-Private-Partnerschaft ÖPP und ist ein eingeübtes Modell.
Drei Vorteile verspricht ÖPP. Es soll die öffentliche Verwaltung entlasten, es soll Zeit und schließlich vor allem Kosten sparen. Alle drei vermeintlichen Vorteile sind inzwischen zu Kostenfallen für die öffentliche Hand geworden.
Eine Entlastung der Verwaltung findet erst einmal tatsächlich statt. Denn der private Partner übernimmt die Aufgaben, mit der vorher die Mitarbeiter/innen der Verwaltung betraut waren. Allerdings führt das Outsourcing von Aufgaben zu einer schleichenden Ausdünnung der Personaldecke, in Zeiten knapper Kassen durchaus ein vermeintlicher Vorteil. In der Summe produziert der eingesparte Vorteil aber in der Zukunft Mehrkosten. So entstehen verdeckte Kosten wie Baumängel mangels ausreichender Kontrolle, ungeplante Bau- und Betriebsnebenkosten, Qualitätseinbußen etc.
Und auch der angestrebte zeitliche Vorteil wird in der Praxis durch zeitaufwändige Planung und Vertragsgestaltung und deren Überwachung wieder relativiert. In Eile entstehen manipulationsanfällige Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen und Vertragslücken.
Durch schlechtere Konditionen privater Unternehmen am Kreditmarkt, Umgehung von Baustandards, Gewinnerwartungen und Insolvenzrisiken steigen verdeckte Kosten, die in Vergleichsrechnungen nicht erfasst werden, in der Gesamtbilanz aber ÖPP stärker verteuern, als es die Gutachten ausweisen.
Dazu kommen nicht selten Lohndumping, die Umgehung von Tariftreuegesetz und steuerbegünstigte Firmenauslagerungen, die Kaufkraft und Steueraufkommen entziehen.
Jüngst ist in Hannover durch offensichtlich kriminelle Machenschaften das ÖPP-Projekt Misburger Bad geplatzt. Die privaten Betreiber hatten, um Kosten einzusparen, Löcher in das Tragwerk des öffentlichen Bades geschlitzt. Das Bauwerk ist als nicht mehr nutzbare Ruine in die öffentliche Hand zurückgekehrt. 11,3 Millionen Euro hatte die ruinöse Sanierung 2007 die Kommune gekostet. Das Geld und das Schwimmbad sind hinüber. Auch in Rostock ist die private Gewinnerwartung beim in ÖPP gebauten Warnow-Tunnel nicht aufgegangen und der Tunnel konnte nur mit öffentlichen Zuschüsse weiterbetrieben werden. In anderen Fällen weichen Autobahnen auf, riskante nachträgliche Bürgschaften werden fällig oder statt 40 Prozent Einsparungen sind 28 Prozent Mehrkosten entstanden, wie geschehen bei dem Bau der A1 zwischen Bremen und Buchholz.
Nach schwerwiegenden Bedenken des Landesrechnungshofes hat sich beispielsweise Sachsen-Anhalt von ÖPP verabschiedet. Selbst bei kleineren Projekten zahlt die Kommune mehr, als wenn sie in Eigenregie bauen würde. Ein Bericht des britischen Unterhauses hat dazu geführt, dass selbst im Mutterland des ÖPP eine Abwendung stattfindet. Vor allem die Umgehung der Schuldenbremse wird kritisiert. Tatsächlich fallen die Kosten nicht sofort an, sondern werden in die Zukunft geschoben. Für Kommunen, denen die Kommunalaufsicht Investitionen verbietet, ein verlockender Deal.
Im Fall der Kindertagesstätten in Linden gibt die Verwaltung nach mündlichem Bekunden in der Bezirksratssitzung Linden-Limmer im November 2015 zu bedenken, dass sie personell gar nicht in der Lage sei, Kindertagesstätten mit Bordpersonal zu bewerkstelligen. Hier schließt sich der Kreis. Die Kommune hat soweit ausgesourct, dass sie jetzt im ÖPP gefangen ist. Ausgerechnet in einer Phase der wachsenden Stadt ist die Verwaltung nicht mehr eigenständig handlungsfähig. In einer Stadt, die in den letzten drei Jahren um vier Prozent an Bevölkerung zugelegt hat, bedarf es eines Umdenkens. Mehr Personal, eigene Investitionen und gerne auch eigene Rendite. Denn die bringt der eigenständig durchgeführte kommunale Bau eines Kindergartens im mehrfachen Sinne: Ein bleibender Sachwert in eigener Hand und eine Investition in die Kinder unserer Stadt. Lassen wir unsere Kinder nicht die Rechnung dafür zahlen.

Für eine offene Gesellschaft

wolkengraffitoBunt statt grau, Graffito Ottenstraße, Linden-Nord, Hannover

Laut Zeitungsmeldung (Neue Presse vom 22. Januar 2015) hat Ministerpräsident Weil vorgeschlagen, Deutschlandflaggen zur Demonstrationen gegen islamfeindliche Pegida-Aufmärsche mitzubringen. Gegen Pegida helfen aber keine verordneten Deutschlandfahnen. Mit nationalen Symbolen kann man kein Zeichen für eine offene Gesellschaft setzen. Wir sollten Pegida und Hagida, oder wie auch immer ressentimentgeladene Bewegungen heißen mögen, mit Argumenten begegnen.

Unser Argument lautet: Hannover ist eine offene Gesellschaft. Zur offenen Gesellschaft gehört auch die Abkehr vom Nationalismus und seinen Symbolen. Hagida und Pegida säen Hass gegen multinationale, offene und vielfältige Gesellschaften. Deutschland-Fahnen sind keine Antwort darauf, erst recht nicht auf einer Demo gegen neue Deutschtümelei. Hannovers Stadtgesellschaft setzt ohne nationale Symbole ein viel stärkeres Zeichen gegen Fremdenhass und Intoleranz. Wir brauchen keine verordneten Winkelemente, ein Meer von bunten Menschen ist uns lieber.

Siehe auch:
Hülya Feise wird mit dem Bundesverdienstorden ausgezeichnet
Vielfalt

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