Vorwärts nach weit!

Wir haben heute für Hannover einen Kulturentwicklungsplan beschlossen, der uns die nächsten zehn Jahre begleiten wird. Das ist eine gute Nachricht! In den nächsten Jahren wird das Kulturprofil der Stadt Hannover Schritt für Schritt ausgestaltet. Es wird deutlich werden, welche Stärken Hannover hat. Und es ist wichtig zu erkennen, wo unsere Stärken liegen, derer wir uns nicht immer bewusst sind. Ich erinnere mich an die 70er und 80er Jahre, in denen mit einem gewissen Mitleid auf die von Krieg und Deindustrialisierung getroffene Stadt geschaut wurde. Anders heute, wenn Zugezogene mit Respekt von den vielen unerwarteten Vorteilen dieser Stadt berichten. Und immer sind es kulturelle Aspekte, die genannt werden.

Titel des Kulturentwicklungsplanes 2030: Vorwärts nach weit (nach Kurt Schwitters)

Diese Vorteile wird der Kulturentwicklungsplan stärken und sichtbar machen und in einen Vorteil für die gesamte Stadt verwandeln. Denn Kultur ist sozusagen das Geheimrezept einer Stadtgesellschaft. Weshalb funktioniert denn unsere Stadt mit den vielen unterschiedlichen Menschen, mit ihrer Internationalität, mit ihren kontroversen Meinungen, Ideen und Kreativität so gut? Weil wir uns auf ein kultiviertes Zusammenleben geeinigt haben. Dieses Zusammenleben lebt von der Spannung des Miteinanders. Im Theater, in der Galerie, in der Lesung, beim Tanz, auf der offenen Bühne und selbst beim viralen Hauskonzert von Igor Levit auf Twitter. Wenn die Menschen derzeit nicht zur Kultur kommen können, kommt die Kultur eben zu ihnen.

Kultur verbindet uns, das ist das Geheimnis. So wird auch der vermeintlich weiche Faktor Kultur zu einer harten Währung, die uns resilient macht, also widerstandsfähig, auch und gerade in schwierigen Situationen und in schwierigen Zeiten. Kultur bringt uns als unterschiedliche Menschen in unserer Stadt und in unseren Stadtteilen zusammen. Das ist die im Kulturentwicklungsplan beschriebene „Weltbühne Hannover“. Kultur ist sozusagen das Gegenteil von Vereinsamung.

„Im Mittelpunkt der Mensch“, heißt es im Kulturentwicklungsplan. Kultur prägt Nachbarschaften. Unter dieser Prämisse haben wir vor drei Jahren in kleiner Runde zusammengesessen und den Auftrag für die Kulturhauptstadtbewerbung geschrieben. Und mit diesem Auftrag ist nach den Statuten der europäischen Kulturhauptstadt klugerweise zwingend die Erstellung eines Kulturentwicklungsplanes verbunden. Also stehen wir heute vor einem zweiten Auftrag, der an die Stadt vergeben wird, der Entwicklung eines kulturellen Profils.

Verabschiedung Kulturentwicklungsplan 2030, Ratsversammlung Landeshauptstadt Hannover, 23.4.2020

Klug nenne ich diesen Schritt deshalb, weil der Kulturentwicklungsplan, anders als ein Kulturhauptstadtjahr, strukturell sehr nachhaltig unserer Stadt ein Gesicht geben kann. Und ich finde, so wie er heute vorgelegt wurde, ist er handwerklich mehr als gut durchdacht. „Ein starkes Fundament“, so der Kulturentwicklungsplan. Es gibt Leitlinien, einen Zeitplan und ein inhaltliches Profil. Der Kulturentwicklungsplan arbeitet fachbereichsübergreifend, bindet Externe ein und bildet die vielfältige Stadtgesellschaft ab. Er denkt nachhaltig, achtet auf Gleichstellung und gibt nicht nur den großen Häusern sondern auch der freien Szene ein Gewicht. „Kultur als Möglichkeitsraum“, sagt der Kulturentwicklungsplan.

Ich erkenne darin Hannover wieder. Und selbst auf vermeintliche Kleinigkeiten wurde geachtet, was mich besonders freut. So werden die hillebrechtschen Stadtmodelle ebenso zu neuer Geltung kommen, wie auch die Idee der/des Nachtbeauftragte*n aufgegriffen wird.

Auch wenn die in diesem Jahr die Kulturhauptstadt entscheidende Jury den Kulturentwicklungsplan lediglich formal voraussetzt, werden die „vorwärts nach weit“ gerichteten Ideen des Kulturentwicklungsplanes das nun bevorstehende finale Bewerbungsbuch prägen. Zu unserem Auftrag zur Kulturhauptstadtbewerbung hatte ich 2017 gesagt: „Hannover kann Kulturhauptstadt. Hannover ist ein Aushängeschild kultureller Vielfalt, von Schwitters Ur-Sonate im Wohnzimmer Waldhausens bis zur Jazzkneipe in Linden, von der klassischen Moderne bis zur modernen Avantgarde, von der Stadtteilkultur in Hainholz bis zur Hochkultur der renommierten Bühnen. Wenn alle an einem Strang ziehen, können wir uns im starken Bewerberfeld behaupten.“

Rede im Rat der Landeshauptstadt Hannover am 23.4.2020, Daniel Gardemin, Kulturpolitischer Sprecher der Grünen Ratsfraktion, zum Kulturentwicklungsplan 2030 für Hannover – Vorwärts nach weit, Drucksache Nr. 0837/2020

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