Kulturstadt Hannover. Der Weg ist das Ziel

Nein, Hannover wird nicht europäische Kulturhauptstadt im Jahr 2025. Auf den letzten Metern ging der Titel an Chemnitz. Normal wäre es gewesen, eine große zentral liegende westdeutsche Stadt mit funktionierender Infrastruktur das Hauptstadtjahr ausrichten zu lassen. Normalität ist jedoch keine Option in einer Zeit der harten Brüche. Normality ist not an Option, das war das finale Motto der Bewerbung Hannovers. Wir wollten einen Teil der Kulturhauptstadt den Mitbewerbern abgeben. Nun haben wir Chemnitz alles gegeben, einer Stadt die Aufbruch, Nachbarschaft und Solidarität nötiger hat als wir.

And the winner is Chemnitz. Enttäuschung im Rathaus Hannover.

Als kulturpolitischer Sprecher der grünen Fraktion im Rat der Stadt Hannover bin ich natürlich betrübt darüber, die Anstrengungen der Bewerbungsphase nun nicht in dem Maße der Kultur unserer Stadt zukommen lassen zu können, wie wir uns das erhofft hatten. Dennoch ist mit der Erstellung eines Kulturentwicklungsplanes eine Option eröffnet, die heterogene Kulturlandschaft Hannovers zusammen zu bringen.

Und auch in der Ratspolitik ist über die Bewerbungsphase hinweg eine neue Kultur der Zusammenarbeit entstanden. Denn wir als Kulturpolitik waren es, die über Parteigrenzen hinweg das Projekt angeschoben und von Beginn an das Potenzial Hannovers als eine Kulturhauptstadt geglaubt haben. Ein Rückblick auf diese neue Zusammenarbeit im Rathaus weist in eine gute Richtung.

Starkes Flugblatt im Rahmen der Kulturhauptstadtbewerbung.

Die Stadtverwaltung war zum Zeitpunkt der initialen Bewerbungsphase am Tiefpunkt der Rathauskrise angelangt und nicht in der Lage, eine Kulturhauptstadtbewerbung perspektivisch und inhaltlich vernünftig zu steuern. Die Voraussetzungen waren denkbar ungeeignet. Der Oberbürgermeister musste gehen, der Kulturdezernent wurde geschasst.

Die Frage war, wie konnte in diesem desolaten Zustand Hannovers überhaupt der Gedanke der Kulturhauptstadt entstehen? Ja, Normalität war keine Option. Ich möchte an dieser Stelle die Gelegenheit nutzen, einen kleinen Einblick in die Architektur des Prozesses zu geben, die Entstehungsgeschichte um Interna anreichern und ganz ausdrücklich die Kulturampel hervorheben, in der Belgin Zaman von der SPD, Wilfried Engelke von der FDP und ich von den Grünen den Prozess angeschoben haben

Dieses Projekt begann mit einem harten Konflikt zwischen uns dreien und dem Oberbürgermeister. Was für ein seltsamer Plot. Auf dem Höhepunkt der hannöverschen Rathauskrise entsteht eine Bewerbung für die europäische Kulturhauptstadt, die wirklich gut und vor allem einmalig wurde.

Kultur lebt von Beteiligung. Aktion am Küchengarten zur Frage, was die Kulturhauptstadt 2025 für die Menschen unserer Stadt bedeutet

Nürnberg, Dresden und Magdeburg steckten bereits 2017 mitten im Bewerbungsfieber und begeisterten die Menschen ihrer Stadt für die Idee, sich im Jahr 2025 ein Jahr lang als Kulturstadt Europas zu präsentieren. Hannover hingegen war 2017 mit Unkultur beschäftigt. Statt sich Gedanken um Kultur zu machen, kreiste die Rathausspitze um sich selbst. Als ob die Welfendynastie nicht längst abgedankt hätte, herrschte feudalähnliche Selbstgefälligkeit. Hier eine Mätresse in der Rathausstube, dort eine Apanage für den treuen Sekretär. Was alles schief lief, wollte der Rathauschef gar nicht recht mitbekommen haben, war er doch im eigens ihm gewidmeten Ausschuss für besondere Angelegenheiten des Oberbürgermeister mit der historischen Anordnung der Buchsbaumhecken des Großen Gartens beschäftigt.

Derweil hatte der Kulturdezernent das Rathaus systematisch eingenommen, er war im wahrsten Sinne des Wortes in Personalunion für alles zuständig geworden. Doch Macht macht angreifbar. Als er auch noch für die Freundin die Beletage des Rathauses und damit verbundene Besoldungsvorteile entdeckte, mahnte der Oberbürgermeister dann doch die Tagesarbeit an, damit ihm der Alltag nicht völlig entgleiten möge.

Grüne Aktion zur Kulturhauptstadtbewerbung. Machen wir uns ein Bild von der Zukunft Hannovers

Er wies also den für Kultur zuständigen Superdezernenten an, die schönen Künste nicht aus dem Auge zu verlieren. Musik, Kulturstadt wie damals, vielleicht ein gehobenes Konzerthaus in Rathausnähe, irgendwas. Dieser erwähnte eine Ausschreibung, die Hannover zu europäischem Glanze bringen könne. Die Bewerbung für die europäische Kulturhauptstadt 2025.

Begeisterung beim Hausherrn und doch gleichzeitig der völlige Bruch mit dem über Jahre freundschaftlich verbundenen Spitzenbeamten. Wie konnte das passieren? Es war nicht die eilig gestrickte und kläglich unvollständige Kulturmappe des Dezernenten, die den Oberbürgermeister enttäuschte, sondern eine Nickeligkeit in Geldfragen. Der Dezernent hatte zwar seine Geliebte in Stand und Würden gebracht, aber nicht den ebenfalls darbenden Büroleiter, den treuen Herbert. Der arbeite wie ein Dezernent, deshalb sei er auch ein Dezernent. Und überhaupt müsse die protokollarische Reihenfolge eingehalten werden, erst das Geben, dann das Nehmen.

Kulturinitiativen stellen in der Eisfabrik ihre Visionen einer Kulturhauptsadt Hannover 2025 vor.

Freundschaft hin oder her, zu allem Überfluss jetzt noch Indiskreditionen und bohrende Presse. Kurzum, die Geschichte ist bekannt, das Tischtuch in der Ratsstube in Fetzen, ein Disziplinarverfahren dem Dezernenten mit seiner Freundin hinterhergeschickt.

Ob solcher ihm zugedachten Zuwendung geschmeichelt, legte sich der treue Herbert nun ins Zeug, versuchte zu retten was nicht mehr zu retten war. Ein besserer Aufschlag zur Kulturhauptstadtbewerbung sollte her. Der Büroleiter, der sich selten gewürdigt sah, obwohl mit freundlicher Hilfe und diversen Zulagen jenseits des Beamtenrechts bereits beste Bezüge genießend, suchte sein Nichtdezernentendasein zu kompensieren. Also gemeinsame Überstunden mit dem Oberbürgermeister zwischen den Jahren im Tuffsteintürmchen. Bis am Neujahrstag 2018 das Werk das Licht des Rathauses erblickte.

Ein Gewinn für Hannover: Ein Kulturentwicklungsplan wird beschlossen.

Doch die Rechnung war ohne den Wirt gemacht. Und der Wirt ist im Rathaus, mit Unterbrechung, seit 100 Jahren der Rat als legitimierter Souverän. Dazu kam, dass nicht nur die Kulturpolitik des Rates bereits ein längeres Misstrauen gegen allzu viel Klüngel hegte, welches das Trio um Dezernent, Oberbürgermeister und Büroleiter umgab. Die Kulturampel besann sich darauf, nicht länger Kellner des wiederholt schalen Rathausmenüs sein zu wollen.

Erste eindrucksvolle Präsentation des Kulturhauptstadtgedankens. Erst eine UV-Lampe bringt Hannovers Kultur zum leuchten.

Zudem war der erste Blick in die Büroleiterbewerbung ausgesprochen ernüchternd. Eine Frau H., Frau Hannover, sollte die Protagonistin der Kulturhauptstadtbewerbung werden. Da hieß es: „Nennen wir sie also Frau H. Sie ist nicht so groß wie Frau B. oder Frau M., aber doch sehr stattlich. Sie ist 43 Jahre alt, lebt in einer 42 m² großen Wohnung und geht dreimal im Jahr ins Kino.“ So ging das denn auf 24 Seiten weiter. Das Motto sollte werden: „In aller Bescheidenheit“. Eine Beschlussdrucksache des Rathauschefs und seines Büroleiters. Nichts gegen Alltagskultur, doch eine Frau Hannover, deren Bescheidenheitsattitüde so unironisch konstruiert war wie das Gehalt des Büroleiters, war doch stattlich daneben gegriffen.

So fing es an. Kulturbüroleiter Benedigt Poensgen, Kulturdezernent Harald Härke (später entlassen), strategischer Berater der Kulturhauptstadtbewerbung Oeds Westerhof, Leiterin Kulturhauptstadtbüro Melanie Botzki.

Dabei hatte Hannover bereits im Herbst die Bewerberrunde mit einem wirklich ironisierendem Auftritt auf sich neugierig gemacht, als stolz ein weißes Plakat mit „Hannover hat nichts“ präsentiert wurde. Das war nicht bescheiden sondern doppeldeutig. Hannover hatte zwar in der Krise wirklich nichts vorzuweisen, doch unter einer UV-Lampe wurden auf dem weißen Papier zig Kulturprojekte sichtbar.

Vielleicht liegt ja wirklich eine echte Stärke in Hannovers Bescheidenheit. Aber nicht in der Pusseligkeit einer Frau H. Es muss sichtbar werden, welche Stärke sich hinter dem zurückhaltenden Habitus verbirgt. Nachbarschaft, Solidarität, Gemeinwohl, Diversität und Resilienz bekommen dann Konturen, wenn mehr als weißes Papier beleuchtet wird. Das ist das starke Profil, nicht zu verwechseln mit der Qualität eines Conti-Reifens. Kultur ist Kultur. Anders Frau H. im Entwurf der Bewerbungsdrucksache: „Frau H. auf die Frage, welches Auto sie sich aussuchen würde: Ich fahre einen Volkswagen und achte auf die Reifen.“ Dann hat Frau H. noch viele Pflanzen, natürlich einen grünen Daumen, hört gerne Schallplatte, hat altmodische Klamotten und erinnert sich an die gute alte Zeit der Welfenkönige – „mein lieber Georg“ – und den Militärmusiker Herschel, nachdem sogar eine Schule benannt wurde. Alles O-Ton der Büroleiterdrucksache, die irgendwie zum Widerspruch anregte.

Das erste Bewerbungsbuch als Kunstwerk ersten Ranges. Inga Samii und Melanie Botzki vom Kulturhauptstadtbüro mit Sebastian Peetz, dem Designer des Bid Books.

Also setzen wir drei kulturpolitischen Abgesandten des Kommunalparlamentes uns an eine Gegendarstellung. Wir waren in dem Moment als Kulturampel aus SPD, Grünen und FDP so etwas wie das demokratische Korrektiv der außer Kontrolle geratenen Behördenspitze im Rathaus zu Hannover. In Nächten an nun privaten unbezahlten Überstunden entstand eine neue Bewerbungsdrucksache unter dem Leitthema „Nachbarschaften“. Ein politischer Aufschlag von und für die Menschen unserer Stadt. Nachbarschaft als Kulturbegriff, der sich bis in das spektakuläre finale Bewerbungsbuch 2020 ziehen sollte.

Die richtungsweisende Drucksache aus der Feder der Kulturampel las sich nun so: „Kultur prägt Nachbarschaften, führt Menschen zusammen und verbindet diese. Zugleich schaffen Nachbarschaften Kultur. Dieses sich–gegenseitige-Bedingen macht Kultur zu einem wesentlichen Vermittler und Bindeglied in praktisch allen Bereichen der Stadtentwicklung. Menschen aus verschiedenen Stadtbezirken und aus verschiedenen Milieus bringen ihre lebensweltlichen individuellen und kollektiven Realitäten in den Beteiligungsprozess ein.“

Präsentation des ersten Bid Books durch Inga Samii, Oeds Westerhof und Melanie Botzki.

Um dem Gedanken der Nachbarschaft im wahrsten Sinne des Wortes Ausdruck zu verleihen, bat die Kulturampel die Opposition an den Arbeitstisch. Von der Linken bis zur CDU machten alle mit. Ein einmalig neuer Vorgang im alten Neuen Rathaus. Bereits am 16. Februar 2018 konnte das parteiübergreifende Werk, redigiert vom Kulturbüro, im Kulturausschuss als Dringlichkeitsantrag vorgelegt werden. Ein denkwürdiger Ausschuss, der dem Vorgang angemessen an diesem Tag im Künstlerhaus tagte. Das Leitthema natürlich: „Nachbarschaft“. Darin enthalten Hannover als Kulturstadt mit Musik, Film, Tanz und Theater, bildender Kunst, Literatur, Museen, Sozio- und Stadtteilkultur. Hannover in der Tradition der Gartenkunst. Moderne und Architektur als Erbe des Zeitgeistes. Mobilität als Anspruch an eine sich wandelnde Kultur des Miteinanders und Internationalität als Zeichen von Resilienz im 21. Jahrhundert. Große Anerkennung der Öffentlichkeit.

Unerwartet hohes Interesse an der Bid-Book-Präsentation im Rathaus Hannover 2019.

Am 22. Februar 2018 dann der Beschluss mit überwältigender Mehrheit des Rates mit 55 Stimmen für die Bewerbung, 3 Gegenstimmen und einer Enthaltung.

Auch Stadtentwicklung und Verkehrswende sind Fragen der Stadtkultur.

Mit der Stadtspitze hingegen ging es bergab. Dem Kulturdezernenten wird im Juni 2018 die Befugnis über die Kulturhauptstadtbewerbung entzogen, dann Beurlaubung auch des Büroleiters und letztlich Rückzug des Oberbürgermeisters ein Jahr später. Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Wiedersehen im Landgericht, Urteile, Freispruch, Berufung, kein Abschluss in Sicht.

Und nach mehreren kommisarischen Leitungen des Kulturressorts endlich mit Konstanze Beckedorf Kontinuität im Laden. Als strategischen Kopf Oeds Westerhof, der die Stadt Leeuwarden von der Pike auf zur Kulturhauptstadt 2018 geführt hatte. Er trieb unermüdlich gemeinsam mit dem Kulturhauptstadtbüro um Melanie Botzki und Inga Samii unkonventionelle Ideen in die Debatte. Ein wunderschönes Bewerbungsbuch entstand, das den europaweit beachteten Einzug ins Finale garantierte.

Kulturhauptstadtbewerbung als Protestaktion gegen den Ausverkauf von Kultur in Corona-Zeiten.

Nebenbei entstand ein Kulturentwicklungsplan für Hannover, das allein schon ein großer Gewinn und ein Schritt in ein sichtbares Kulturprofil der Stadt.

Dann ein Kreativteam statt konventioneller Intendanz. Nicht einfach, aber genial bis hin zum spektakulären finalen Bewerbungsbuch, das gar keins ist. Eine rohrpostartige Zeitkapsel wird in ferner Zukunft in den Röhren unter der Stadt gefunden und alle sind erstaunt, was Hannover damals vor hatte. Auf scheinbar unendlichem Papier entrollt sich das gesamte Vorhaben als längste Bewerbung der Welt. Viel gewollt, fast alles geschafft. Normality is not an Option.

Prästentation des zweiten Bewerbungsbuches in Form einer 14 Meter langen Rolle. Oberbürgermeister Belit Onay mit Melanie Botzki, Meike Göbel und Inga Samii vom Kulturhauptstadtbüro.

Mancher mag meinen, Hannover sei nun völlig verrückt geworden, Avantgarde statt Bescheidenheit. Aber wir Menschen in Hannover begreifen unsere Stadt längst als einen wunderbaren Ort der Lebensqualität, der ist für kein Geld der Welt erhältlich ist. Das Gefühl des Zusammenhalts kann nur von innen, von allen gemeinsam kommen. Ein klein wenig hilft dabei, den Blick von außen über Hannover schweifen zu lassen und zu schauen, wie andere uns sehen. Maria Trunk zum Beispiel, Fachjournalistin für kulturelle Stadtentwicklung in Nürnberg. Sie schrieb am 23.9.2020 bereits vor der Entscheidung auf facebook: „Wir kommen Euch so gern besuchen, was ich da lese, das hätte ich gern für Nürnberg! Ich habe die Stadt verfehlt, was das utopische Schreiben angeht, aber das macht gar nichts, ich freue mich für Euch, über so viel klare Worte und Mut, ich wäre sehr stolz, wäre ich eine Hannoveranerin!“

Herzlichen dank an allen aus Kultur, Stadt, Verwaltung und Politik, die mit der Kulturhauptstadtbewerbung Hannover vorwärts nach weit gebracht haben! Kultur ist systemrelevant und darf nicht an Sieg oder Niederlage geknüpft werden.

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