Eine gute Entscheidung für das neue Fössebad

Die Entscheidung über den Neubau des Fössebades und des Fössefreibades rückt näher. Eine Beschlussvorlage ist erarbeitet worden. Die Stadt steht inzwischen auf dem Standpunkt, Hallenbad und Freibad in einem Zug bebauen zu wollen. Das spart die doppelte Baustelleneinrichtung und den Bau von zwei technischen Versorgungseinheiten. Und es befriedet nicht nur in Linden das Unverständnis großer Teile der Stadtbevölkerung, dem Hallenbadneubau das seit 180 Jahren existierende Lindener Freibad opfern zu wollen.

Grüner Appell aus dem Stadtbezirk Linden-Limmer für die Beibehaltung des Freibades

Es war kein leichter Weg, jetzt ein überparteiliches Einverständnis zu einem Kombi-Neubau zu erreichen. Mit vielen Veranstaltungen und politischen Anträgen haben wir aus dem Stadtbezirk Linden-Limmer über die Jahre versucht, auf Stadt und Stadtpolitik einzuwirken, ein ausgewogenes Angebot für Familien und Sport im Sommer wie im Winter am Standort des abgängigen alten Fössebades zu sorgen. Zu sehr hatten sich Sportinteressen durchgesetzt, die ein Wettkampfbad mit großer Tribüne als Ersatz für das marode Stadionbad im Stadtteil Linden errichten wollten. Ein Freibad hätte da nur gestört, so dass vorsorglich Wohnungsbau auf und an der Fössebadwiese mitgeplant wurde, der dauerhaft ein mit Kindern belebtes Außengelände verhindert hätte.

Dabei ging es dem Stadtteil nie um eine Verhinderung von Sportveranstaltungen, doch eine dauerhafte Wettkampfarena mit 500 Tribünen- und noch einmal so vielen Beckenrandplätzen für Schwimmleistungswettkämpfe und Championsleaguespiele der Wasserballmannschaft hätte an etlichen Wochenenden im Jahr ein Schwimmbadbesuch für Familien und andere Nichtsportgäste unmöglich gemacht.

Katrin Langensiepen und Daniel Gardemin,
Grüne Ratsleute aus dem Stadtbezirk Linden-Limmer

Nun werden manche einwenden, die Forderungen nach einem Freibad verteuern und verzögern den Neubau des Fössebades. Ja, es wird eine Verzögerung geben, doch nur eine von vornherein auf die Bedürfnisse der Bevölkerung abgestimmte Planung hätte diesen Umweg vermieden. Durch eine vollständige Wettkampfausstattung, das Freibad sowie gestiegene Bau- und Planungskosten ist das Gesamtvolumen nun auf 30 Millionen Euro taxiert, davon 2,7 Millionen für das Freibad. Eine stolze Summe, aber sinnvoll in die Zukunft des Stadtbezirks und der westlich angrenzenden Stadtteile investiert. Seit Jahren steigen in Hannover die Besucher*innenzahlen in den Freibädern. Im vergangenen Jahr (2019) waren die ebenfalls guten Vorjahreszahlen bereits im Juli überschritten. Sicherlich tragen die warmen Sommer deutlich zur gestiegenen Attraktivität der Freibäder bei. Aber auch die Zunahme der Stadtbevölkerung insgesamt, die steigenden Geburtenzahlen und veränderte Reisegewohnheiten sind Gründe für den Freibadbesuch.

Freibäder sind auch Treffpunkte des sozialen Miteinanders, Orte des Ausruhens vom hektischen Alltag in einer lauten Stadt, Lernorte der Wassergewöhnung und des Schwimmunterrichts und ein erschwingliches Stück Urlaub vor der Haustür. In den vergagenen Jahren sind immer mehr Freibäder in Deutschland geschlossen worden. Vor allem die Zusammenlegung mehrerer Bäder zu einem neuen Bad, wie bspw. in Langenhagen, waren Ausdruck leerer kommunaler Kassen und schmerzhafter Haushaltkonsolidierungsforderungen der Länder und des Bundes.

Vor allem Schwimmbäder, die grundsätzlich nicht kostendeckend arbeiten, waren die ersten Opfer der Sparmaßnahmen der Kommunen, die inzwischen weitere Bereiche der wichtigen öffentlichen Daseinsvorsorge ergriffen haben. Der Rechnungshof Schleswig-Holstein empfahl 2015 den Kommunen dementsprechend, es könne „angesichts der Finanzsituation der jeweiligen Kommune im Einzelfall geboten sein, ein Schwimmbad zu schließen. Denn so wünschenswert die Aufrechterhaltung des derzeitigen Angebots an Schwimmbädern auch ist, zum unabdingbar erforderlichen Kern der kommunalen Aufgabenerfüllung zählen Schwimmbäder nicht.“

Katrin Langensiepen und Daniel Gardemin,
Hoffnung Haushaltsbeschluss 2018

Dabei verkennt der finanziell argumentierende Ansatz die Notwendigkeit von Grundbedingungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Dazu gehören soziale Orte als Orte der kulturellen Vergemeinschaftung. Es entsteht an diesen Orten ein ganz elementarer Beitrag zu einer resilienten Stadtgesellschaft, die Widerstandskräfte gegen Entwurzelung, Vereinsamung und soziale Segregation benötigt. Auch und gerade gehört dazu, sich schwimmend im Wasser sicher zu fühlen.

Selbstverständlich werden andere gesellschaftliche Einrichtungen viel stärker subventioniert als Schwimmbäder, ohne dem gleichen Druck ausgesetzt zu sein. Es entsteht in dieser Situation der Eindruck, dass Schwimmbäder den geringsten Schutz im Vergleich zu subventionierten Einrichtungen der Hochkultur oder erst recht des Agrarwesens, der Energiewirtschaft und der Automobilindustrie genießen.

Im Fall des sanierungsfälligen Fössebades wird zudem sichtbar, dass hier das leistungssportorientierte Hallenbad gegen das Freibad ausgespielt wurde. Hinter dem Hallenbad standen organisierte Interessen, während das Freibad „nur“ aus der Bevölkerung gefordert wurde. Ein Freibad steht offensichtlich am Ende der Verwertungskette. Das war nicht immer so. Es stellt sich daher die Frage, weshalb es bis in die neunziger Jahre auch in kleinen Kommunen selbstverständlich und auch finanzierbar war, ein Freibad vorzuhalten. Das Fössefreibad steht seit 180 Jahren in Linden und hat in der gewachsenen Stadt, bei wärmeren Sommern, einer hohen Attraktivität des Stadtteils und bei größeren Mobilitätsradien junger Menschen heute wahrscheinlich mehr potentielles Badepublikum als je zuvor.

Dazu kommen starke soziale Verwerfungen. Der Stadtbezirk Linden-Limmer weist mit die höchsten Armutsrisiken in Hannover auf. Im jüngst erschienenen Armutsreport wird deutlich, wie hoch Familien- und Kinderarmut in Linden sind. In Linden-Süd beträgt der Anteil von Kindern mit Transferleistungbezug mehr als 45 Prozent an allen Kindern im Stadtteil (Kinderarmut in Zahlen 2020). Es braucht vor allem in Stadtbezirken mit hohen Armutsanteilen Orte der Begegnung, Möglichkeiten des nachbarschaftlichen Bezugs.

Umso erfreulicher ist die inzwischen gereifte Erkenntnis, die beabsichtigte dauerhafte Schließung des Freibades zu verwerfen und auf ein hochwertiges Kombinationsbad zu setzen. Diese Entscheidung steht in der Tradition einer Stadt, die sich – mit Ausnahmen – dafür einsetzt, kommunale Einrichtungen wie Jugendzentren, Freizeitheime, Bibliotheken, Kultureinrichtungen, Sportstätten und Wohnraum in eigener Hand zu behalten. Leider hat es dennoch in der Zeit der Haushaltseinsparungen eine Phase des Verkaufs von Wohnhäusern und der Schließung einer Stadtteilbibliothek auch in unserem Stadtbezirk gegeben. Mit der Entscheidung zum neuen Fössebad scheint diese Entwicklung nicht fortgesetzt zu werden, auch wenn ein zäher Kampf vorangegangen ist.

Letztlich waren neben den Protesten aus der Bevölkerung ausgerechnet die knappe Zweistimmen-Ratsmehrheit für den Sinneswandel ausschlaggebend. Im Haushalt 2018 konnten somit die Weichen für eine überarbeitete Planung gelegt werden. Dabei war anfangs der Eindruck entstanden, mit einem Ampelbündnis in Zeiten einer belastenden Rathausaffäre nicht unbedingt den Blick für wesentliche städtische Vorhaben entwickeln zu können. Doch letztlich waren wir zwei Ratsleute aus Linden das Zünglein an der Mehrheitswaage, ohne die auch das dringend benötigte Sportbad nicht hätte durchgesetzt werden können. Auch wenn ganz schön viel Wasser die Fösse runtergelaufen ist, haben sich für den Erhalt des Freibads in Linden alle Anstrengungen gelohnt. Harte Verhandlungen, Enttäuschungen, Kompromisse, Zugeständnisse, Rückschläge und die zeitliche Verzögerung der geplanten Fertigstellung bis 2024 führten schließlich zu dem vorzeigbaren Ergebnis.

Hoch anzurechnen ist allen Beteiligten, dass sie jetzt hinter dem Vorhaben stehen und mit nicht unerheblichem Kraftaufwand ein Stück Hannover für die Zukunft fit machen. Wie bereits das nahe am Fössebad liegende Neubaugebiet Wasserstadt mit zukünftig 2.000 Bewohner*innen zeigt, ist der Stadtbezirk Linden-Limmer noch längst nicht am Ende seiner Entwicklung und auch die Nachbarstadtteile werden weiter wachsen.


Nun muss die Grundstücksgeometrie des neuen Fössebades noch auf Möglichkeiten der Unterbringung des Musikzentrums Béi Chéz Heinz geprüft werden, denn das Bestandsbad mit dem Musikkeller wird 2024 abgerissen. Ich werde dazu weiter berichten.



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