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Das Ihmezentrum – Urbanes Zukunftsprojekt oder bürgerkriegsähnlicher Zustand?

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIhmezentrum, Linden-Mitte, Hannover

Warum trauen wir uns nicht, offen um eine Lösung für das Ihme-Zentrum zu ringen? Wir befürchten, städtebauliche und sozialverträgliche Forderungen würden die wenigen Interessenten verschrecken.

Das Argument beraubt uns jedoch unseren Handlungsspielraum. Es unterbindet die öffentliche Diskussion um die Entwicklung des Ihme-Zentrums. Der Wettbewerb um die besten Ideen darf nicht erst beginnen, wenn die Immobilie vollkommen ruiniert ist und die öffentliche Hand dann unter Druck schnelle Entscheidungen treffen muss. Öffentliches Interesse muss bei einer Immobilie mit über 120.000 Quadratmetern Wohn- und Geschäftsfläche artikuliert werden. Wir brauchen für das Ihme-Zentrum wenigstens eine Idee einer städtebaulichen Sanierungsmaßnahme. Diese gesetzliche Maßnahme steckt den Rahmen der Sanierung ab und ermöglicht, städtebauliche Fördergelder einzuwerben.

Wir wollen nicht noch weitere Pokerpartien der Eigentürmerin, der Berliner Landesbank, abwarten, sondern gestalterisch in den Prozess eingreifen. Das Ihme-Zentrum muss aus der Stigmatisierungsspirale herausgeholt werden. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 3. September 2014 heißt es, das Ihmezentrum sei bundesweit bekannt als ein „heruntergekommenes Einkaufs-, Wohn- und Bürozentrum mitten in Hannover, das sich mittlerweile in einem fast schon bürgerkriegsähnlichen Zustand befindet.“ In Frankurt-Dietzenbach sind in den letzten fünfzehn Jahren fünf Hochäuser, das sogenannte Spessartviertel, in ähnlichem Zustand über das Verfahren der städtebaulichen Sanierung und mit Geldern aus dem Programm Soziale Stadt saniert worden. So eine Antwort erwarten wir in Hannover auch. Der Architekt Gerd Runge hat Vorschläge vorgelegt, wie durch Rückbau und Schneisen neue Funktionen entstehen können (vgl. www.madsack.de/uploads/media/ihmezentrum-haz.pdf). Warum nicht im Rahmen eines städtebaulichen Sanierungsprogramms an Umwandlung von Gewerbeeinheiten in Wohnraum denken? Die Zeit ist günstig, Wohnraum wird gesucht, wir brauchen gerade in den Innenstadtlagen neue Ideen für eine sozialverträgliche Stadtentwicklung.

betonbrut_01Fast wie am Ihmeufer: Ferienparadies an der Nordsee, Oostende, Belgien

Wer aber soll die Immobilie in die Hand nehmen? Machen uns doch nichts vor. Die letzte Zwangsversteigerung im Sommer dieses Jahres hat wieder einmal gezeigt, wie anonyme Strohleute mit Taschenspielertricks die Berliner Landesbank und auch die Menschen im Ihme-Zentrum, die um ihre Zukunft bangen, unter Druck setzen. Es wird kaum noch ein Käufer kommen, der mit vorsichtiger Hand dem Ihme-Zentrum wieder Leben einhaucht. Wenn sich jemand findet, dann ein knallharter Aufräumer, der die Interessen seines Fonds bedienen wird oder ein windiger Vertreter mit einer Limited im Gepäck. Wir haben doch die Erfahrungen mit Carlyle gemacht. Mindestens zehn Jahre hat diese Heuschrecke uns gekostet, Zeit die weg ist und die wir nicht noch einmal verschenken dürfen.

Schon beim Bau des Ihme-Zentrums haben die Bauherren tausende zusätzliche Quadratmeter während des Bauprojekts durchgedrückt. Die hochverdichtete Burg, die dadurch entstanden ist, war eine Konzession an die Investoren, die Stadt hat alles mitgemacht. Sie steht auch deshalb in der Verantwortung für eine echte Revitalisierung, sie muss das Heft des Handelns in die eigene Hand nehmen. Dazu gehört auch die Überlegung, als Akteur selber in das Geschäft einzusteigen. Was spricht dagegen, wenn die Stadt mit Hilfe von GBH, Stadtwerken und Sparkasse in ein innerstädtisches Zukunftsprojekt investiert? Es treibe die Preise am Markt hoch. Welche Preise? Das Ihme-Zentrum ist derzeit für nahezu null Euro zuzüglich Verfahrenskosten am Markt. Für eine öffentliche Beteiligung spricht die Notwendigkeit, heute zu einer gemeinwohlorientierten Wohnungspolitik zurückzusteuern, wie es Christian Klein, bau- und wohnungspolitischer Sprecher der Grünen, am 11. September 2014 in der Frankfurter Rundschau fordert. Ein verantwortungsvolles Investment in das Ihmezentrum kann in einer wachsenden Stadt sogar ausgesprochen rentabel sein, wie Beispiele aus Hamburg und Frankfurt zeigen (vgl. Handelsblatt 10.6.2014). Die Umwandlung von Stahlskelettbauten liegt 20 Prozent unter Neubaukosten. Die urbane Lage gibt es beim Ihme-Zentrum kostenlos dazu.  Lasst uns alle Varianten auf den Tisch bringen.

Siehe auch: Das Ihmezentrum – Ein starkes Stück Hannover

Wir brauchen eine verbindliche Quote von preiswertem Wohnraum

wohncafeCafe Bohne, Limmerstraße, Linden-Nord, Hannover

Hannover wächst so stark wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Da ist es nur konsequent, wenn Investoren Gewerbe in Wohnungen umwandeln wollen. Der geplante Umbau des Bredero-Hochhauses in der Innenstadt soll hier einen prominenten Anfang machen. Das Ihme-Zentrum, die Bestandsbauten auf der Conti-Brache in Limmer und andere leer stehende Gewerbeimmobilien könnten diesem Beispiel folgen. Gleichwohl irritiert die Aussage unseres Stadtbaurats Bodemann in der Hannoverschen Allgemeinen vom 3.3.2014, man wolle den Investor nicht zu günstigem Wohnraum verpflichten. Eigentlich müsste ja 25 Prozent preiswerter Wohnraum gefordert werden. Bei Bredero bestünde aber die Gefahr, den Investor zu verprellen.

Neubau auf Bunker, Ottenstraße, Linden-Nord, Hannover (Foto: Daniel Gardemin)
Neubau auf Bunker, Ottenstraße/Pfarrlandplatz, Linden-Nord, Hannover

Wer solche Ausnahmen zulässt, verschärft den Preisdruck am Wohnungsmarkt. Wir haben in den letzten fünfzehn Jahren fast die Hälfte aller Sozialwohnungen in Hannover verloren. Gleichzeitig steigen die Mietpreise und die Wohnungsleerstände sinken auf Tiefstwerte. Viele Menschen finden heute schon keine günstigen Wohnungen mehr. Wenn der Zuzug weiter zunimmt und der soziale Wohnungsbau den Rückgang von alten Sozialwohnungen nicht kompensiert, droht aus einem ausgewogenen Wohnungsmarkt ein Hannover der Wohnungsnot zu werden. München und andere Städte machen es vor und lassen sich ihre sozialpolitischen Vorgaben nicht mehr abhandeln. Wir brauchen in Hannover bei jedem Wohnungsneubau eine verbindliche Quote von preiswertem Wohnraum. Ohne Ausnahme.

Siehe auch:

Diskussionspapier Wohnen

Daniel Gardemin – Großstadt im Wandel. Plädoyer für eine neue Wohnungspolitik (erschienen in SPW, Heft 198, Ausgabe 5, 2013, S.23-28)

blog.gardemin/wohnen

blog.gardemin/stadtteildialog/gentrifizierung