Tag Archive for Straßenbahn

Die Preise für Straßenbahnen und Busse in Hannover sind zu hoch

haltestelle

Der Verkehrsmittelvergleich zeigt eklatante Schwächen bei den Öffis auf. Der öffentliche Nahverkehr in Hannover muss günstiger und innovativer werden.

In Hannover tut sich etwas. Die Menschen verändern ihr Verkehrsverhalten. Nach einer aktuellen Umfrage des Umweltbundesamtes wünschen sich 82 Prozent der Befragten, dass ihre Wohnorte so umgestaltet werden, dass man nicht mehr auf ein Auto angewiesen ist. Die Umstellung beginnt bereits im Alltag. Immer mehr Menschen nutzen das Fahrrad. Der Anteil an mit Fahrrädern zurückgelegten Strecken steigt kontinuierlich. In den letzten 15 Jahren hat sich der Verkehrsanteil des Fahrrads von 10 auf 20 Prozent am Verkehrsgesamtaufkommen verdoppelt.

Der innerstädtische Nahverkehr entwickelt sich leider nicht in gleichem Maße. Während die S-Bahnen mit der Zunahme von Berufspendler/innen deutlich Zuwächse verzeichnen, steigt das innerstädtische Verkehrsaufkommen unterdurchschnittlich. Zu den Gründen gibt es wenig belastbare Aussagen. Die hannoversche Verkehrsgesellschaft Üstra lässt sich zwar nach genormten Qualitätssicherungsverfahren zertifizieren und schneidet in Fahrgastbefragungen regelmäßig gut ab. Doch beziehen sich die Zertifikate eher auf die Technik und die Bestandskundschaft. Für neue Märkte ist noch kein richtiger Hebel gefunden.

Ein wesentliches Kriterium scheinen die hohen Fahrpreise zu sein. Diese rentieren sich für Berufsnutzer/innen mit Monatskarten und Menschen mit ausreichendem Einkommen ohne Mobilitätsalternativen. Für mittlere und niedrige Einkommensbezieher/innen hingegen sind Bahnen und Busse schlichtweg zu teuer. Für Fahrten bis zu 5 Kilometern einfache Wegstrecke wird das Fahrrad zunehmend das Verkehrsmittel der Wahl. Genau in diese Entfernung fallen die meisten Alltagswege außerhalb der Berufswege.

uestraBeispielrechnung öffentlicher Nahverkehr

Ein Test für eine typische Stadtfahrt offenbart, wie teuer eine Fahrt mit der Stadtbahn ist. Wir, zwei Erwachsene aus Linden-Nord, haben in einem Fachgeschäft am Südbahnhof einen Einkauf zu tätigen. Dieser ist zu schwer für unsere Fahrräder und es regnet. Also entscheiden wir uns für einen kombinierten Straßenbahn-Carsharing-Einkauf. Die Strecke von unserer Haustür in Linden bis zum Fachgeschäft in der Südstadt beträgt rund 5 Kilometer.

Die Hinfahrt beginnt um 8:19 an der Haltestelle Leinaustraße mit Umstieg am Hauptbahnhof und endet per Bus um 8:39 an der Haltestelle Heinrich-Heine-Straße in der Südstadt. Mit jeweils 5 Minuten Fußweg benötigen wir 30 Minuten. Für die Fahrkarten zahlen wir jeweils 2,60 Euro, also 5,20 Euro insgesamt. Mit unseren Kindern wären es 9,10 Euro. Dafür hätten wir fast Taxi fahren können, dann wären wir zumindest zwischen Haltestelle und Ziel nicht nass geworden.

Für die Rückfahrt nehmen wir das nächstgelegene Carsharing-Auto der Firma Stadtmobil. Das steht 5 Gehminuten entfernt in der Straße An der Weide. Mit 15 Autominuten kommen wir samt Gepäck wieder zu Hause an. Die Fahrt wird uns mit 2,21 Euro berechnet. Ein Fahrpreis, der auch bei einer Person günstiger als mit der Straßenbahn gewesen wäre. Da wir den etwas teureren Basis-Tarif beim Car-Sharer gebucht haben, fallen keine zusätzlichen Kosten an, wie Grundgebühr o.ä.
stadtmobilBeispielrechnung Carsharing

Zusammengefasst: Zeitlich gesehen ist die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in etwa vergleichbar, finanziell nicht. Für zwei Personen fallen mehr als doppelt so hohe Kosten an. Der öffentliche Nahverkehr kostet 5,20 Euro, das Carsharing-Auto 2,21 Euro.

Es ist sehr bedauerlich, dass stark subventionierte Verkehrsmittel, wie Straßenbahnen und Busse, preislich dennoch nicht mit Verkehrsalternativen mithalten können. Wir müssen davon ausgehen, dass Carsharing, alternative Taxisysteme, E-Bikes etc. weiter an Bedeutung zunehmen werden und der öffentliche Nahverkehr dadurch stark unter Druck gerät.

Es bedarf also innovativer Ideen im Verkehrsmix. In anderen Städten stehen an den Haltestellen bereits Leihräder, die mit kombinierten Fahrscheinen genutzt werden können. Auch sind Fahräder anderswo den gesamten Tag über in Straßenbahnen zugelassen, ein erheblicher Flexibilitätsvorteil, den Hannover nicht bietet. Die Üstra muss günstiger und flexibler werden, wenn sie nicht von anderen Verkehrsmitteln abgehängt werden möchte.

 

Limmerstraße – Deutschlands schnellste Fußgängerzone

FussgaengerzoneFußgängerzone Limmerstraße, Hannover-Linden

Nachdem sich die Limmerstraße bereits vor Jahren für den Titel der am stärksten befahrenen Fußgängerzone beworben hat, ist jetzt der nächste fragwürdige Titel in Sicht.

Die Limmerstraße in Hannover-Linden dürfte die schnellste Fußgängerstraße Deutschlands geworden sein. Busse und Bahnen drängen in der Fußgängerzone mit hohem Tempo an Fußgängern und Radfahrern vorbei, im Sog eilen Paketdienste und Lieferanten mit ihren großen Fahrzeugen durch die Menge. Dazwischen Taxen, Rettungsdienste, Anrainer.

Bewohner der Limmerstraße haben nun auf die sich häufenden kritischen Vorfälle aufmerksam gemacht. Daraus entstand die Entschleunigungs-Initiative „Tempo 15“, die von den Grünen in den Bezirksrat Linden-Limmer eingebracht wurde.

Wir stecken in einem Umdenkprozess, der stärker die Bedürfnisse der Menschen vor Ort als die funktionale Stadt ins Zentrum der Betrachtung rückt. Wohnen, Arbeit, Familie und Freizeit sollen miteinander in Beziehung stehen, ohne dass Schnelltrassen die Wege durchschneiden. Entschleunigung ist zu einem Begriff für ein neues Bewusstsein jenseits von Alttagsstress und durchreglementierter Berufswelt geworden. Die Cafés, der Bummel an den Läden entlang und das abendliche „Limmern“ führen dazu, in der Limmerstraße mehr als die reine Einkaufsfunktion zu sehen. Hier in Linden ist die Limmerstraße ein zentraler Ort, an dem der Wunsch nach Entschleunigung deutlich zu spüren ist. Die Fußgängerzone mit ihren inzwischen verblassten blauen Markierungen war die richtige Antwort auf diese Entwicklung. Über die Jahre ist aber deutlich geworden, dass die hohe Geschwindigkeit der Bahnen und Busse nicht mehr in das Gefüge der Fußgängerzone passen und als bedrohlich empfunden wird.

Eine Handmessung der Geschwindigkeit der Linie 10 zwischen Küchengarten und Leinaustraße hat einen Wert von 55 Sekunden für 400 Meter Strecke ergeben (Messpunkte Selmastraße bis Leinaustraße, exakt die Strecke, auf der überhaupt außerhalb der Haltestellenbereiche 30 km/h gefahren werden kann). Das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 20 km/h. Tempo 15 würde, auf die Strecke gerechnet, eine ca. 20 Sekunden längere Fahrzeit der Öffis bedeuten. Das müsste von den Fahrgästen in Kauf genommen werden, um eine Befriedung der Verkehrssituation in der Limmerstraße zu erreichen. Vielleicht hilft es auch den Bahn- und Busfahrerinnen und –fahrern, stressfreier durch die Fußgängerzone zu kommen.

Gerade dort, wo viele Menschen sind, müssen wir das Risiko durch schnellen Verkehr mindern. Der Wunsch nach schneller Zielerreichung darf nicht zu einem höheren Risiko der Verletzbarkeit führen. Vor allem alte Menschen, Sehbehinderte, Kinder sowie querende und abgelenkte Menschen sind gefährdet. Es ist leider nicht von der Hand zu weisen, dass insbesondere das schnelle Einfahren in die Haltestellenbereiche in Hannover immer wieder zu schweren Unfällen führt. Für eine Fußgängerzone muss die Vorsicht, die in jedem Haltestellenbereich gewährleistet sein sollte, auf der gesamten Länge gelten. Konsequent zu Ende gedacht, wäre dies ein Shared Sace mit Schrittgeschwindigkeit, wie vor dem Hauptbahnhof Hannover erfolgreich praktiziert. Oder Tempo 10, wie in Berlin am Alex.

Vor diesem Hintergrund sollte das geforderte Tempo 15 als akzeptabler Kompromiss zwischen zügiger Durchfahrt der Öffis und lebendiger Fußgängerzone erscheinen. Die Stadt ist aufgefordert zu handeln, bevor weitere Unfälle zu beklagen sind.

Dazu der Bericht in der Neuen Presse vom 9.11.2014:141109_np_tempo15

 

 

 

siehe auch:
Fahrradstadt Hannover
Nadelöhr Benno-Ohnesorg-Brücke
Niederflur – Chance für Hannovers Nahverkehr
Weltkulturerbe Hochbahnsteig

Niederflur – Chance für Hannovers Nahverkehr

NiederflurHochflurbahn, Limmerstraße, Linden-Nord, Hannover

Niederflur ist die bessere Alternative. Bis auf Stuttgart rüsten alle Großstädte auf Niederflur um. Niederflur ist näher am Menschen, barrierefrei, leiser, anpassungsfähiger in engen Straßen.

Niederflur braucht keine Hochbahnsteige, die die Stadt verstopfen und immense Folgekosten nach sich ziehen. Jeder Hochbahnsteig kostet 3 Millionen Euro. Hannover begibt sich eine Erblast von über 600 Millionen Euro zum Umbau aller 200 Haltestellen im Straßenbahnnetz der Stadt.

Wir haben in Linden für ein Niederflursystem auf der Linie 10 gekämpft. Die für die Stadtbahn zuständige Regionsversammlung stimmte am 18.6.2012 gegen Niederflur. Vor allem der Druck der Behindertenverbände war zum Schluss ausschlaggebend. Sie fürchteten, ein Systemwechsel würde den Prozess bis zur Barrierefreiheit verschleppen. Für Behinderte, Gehandicapte und Eltern mit Kinderwagen wäre Niederflur allerdings schneller die bessere Barrierefreiheit gewesen. Niederflurwagen hätten sofort auf die vorhandenen Schienen gesetzt werden können. Bis zur Fertigstellung der Hochbahnsteige werden wir noch Jahrzehnte warten müssen.

Der Regionspräsident äußerte in einem Interview die Sorge, Niederflur auf der Linie 10 könne den Menschen in anderen Stadtteilen die Schwächen der Hochflurbahn vor Augen führen:

 

Besuchen Sie München, Berlin, Köln, Düsseldorf, Nürnberg, Dresden, Leipzig, Essen, Dortmund, Frankfurt, Bremen und demnächst auch Hamburg. Dort können Sie die Stärken von Niederflur einmal ausprobieren.

Zu den Erweiterungsmöglichkeiten des Stadtbahnsystems in Hannover:

Niederflur – Chance für Hannovers Nahverkehr (Positionspapier März 2012)

Entscheidung des Stadtbezirks Linden-Limmer für Niederflur (Presemitteilung Grüne Linden-Limmer vom 12.3.2012)

niederflur fetzt