Tag Archive for Belegrechte

Flüchtlinge – Für eine sozialverträgliche Unterbringung in einer weltoffenen Stadt

unterkunfthainholzFlüchtlingsunterkunft Hainholz, Hannover
In einem offenen Brief wendet sich die Landtagsabgeordnete Thela Wernstedt (SPD) an die Ratspolitiker der Stadt Hannover. Es sei dem prekären Stadtbezirk Stöcken nicht zuzumuten, überproportional Flüchtlinge aufzunehmen. Ihre eigene Partei wirft ihr daraufhin unsolidarisches Verhalten gegenüber der Flüchtlingsnot und Förderung rechten Gedankengutes vor.
Ich möchte dagegenhalten: Wo sind wir denn hingekommen, wenn offensichtliche Schieflagen in der Stadtgesellschaft nicht benannt werden dürfen.
Nun mag bei Thela Wernstedts Streitbrief Form und Person manchem nicht gepasst haben. Doch wir sollten ernsthaft die Sachlage zur Kenntnis zu nehmen. Hannover ist eine Stadt, in der die Gesellschaft auseinanderzudriften droht. Jan Kuhnert, ehemaliger Chef der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GBH, hat jüngst auf einer grünen Veranstaltung darauf hingewiesen, welche Lasten einige Stadtteile zu tragen hätten. Die Stadtkarte der Sozialwohnungen gleicht einem Abbild der Einkommensunterschiede. Das ist unsolidarisch! Wenn wir nicht aufpassen, verstärken wir in der Flüchtlingsverteilung das Ungleichgewicht, statt es abzubauen.
Es geht längst nicht mehr um ein weniger in Stöcken, sondern um ein mehr in den wohlhabenden Vierteln im Osten der Stadt. In Hannover als weltoffener Stadt sollten alle ihren Beitrag zu einem sozialverträglichen Leben von Flüchtlingen und anderen Bedürftigen leisten.
belegrechteHannover – in West und Ost geteilte Ungleichheit, Quelle: Sozialbericht Hannover
Ausgrechnet zum hunderfünfzigsten Jubiläum der SPD rückt leider die Frage nach der gerechten Verteilung wieder in den Vordergrund – in einer Stadt, in der jeder vierte Bewohner an der Armutsgrenze lebt.
Auch die Stadtverwaltung kann in der Auswahl der Örtlichkeiten und bei ihrer Informationspolitik mithelfen. Es tut nicht gut, wenn Bewohner vor Ort erst am Tag der Ankunft von dem neuen Flüchtlingsheim erfahren. Wir haben in Linden mit der behutsamen Vorbereitung der Bevölkerung gute Erfahrungen gemacht. Die Hilfsbereitschaft ist überwältigend. Eine Geste übrigens, von der der Zusammenhalt unseres Stadtteils schon heute profitiert und die dauerhaft das Zusammenleben erleichtern hilft.
Siehe auch:

Ein neues Stadtviertel entsteht – Die Wasserstadt Limmer

WasserstadtLeineufer, Hannover

Die Wasserstadt Limmer wird ein neuer Stadtteil im Nordwesten Hannovers. Auf der Brache der fast vollständig abgerissenen Industrieanlagen der Continental AG in Limmer entstehen über 2.000 Häuser für bis zu 5.000 Bewohner, eine Grundschule, ein Gymnasium, Kindertagesstätten und Einkaufsmöglichkeiten.

Die Lage zwischen Leineauen und Kanälen ist äußerst attraktiv für urbanes Wohnen.

Der von der Stadtverwaltung vorgelegte Planungsentwurf traf die Bewohner des Stadtteils jedoch unvorbereitet. Bis dahin waren sie von einer Bebauung mit 600 Einfamilienhäusern ausgegangen, die Sanierungskommission Limmer war vollkommen übergangen worden.

Auf Antrag der grünen Fraktion beschloss der Stadtbezirksrat Linden-Limmer, eine Bürgerbeteiligung und Anwaltsplanung zu fordern. Mit der Anwaltsplanung, in der Fachleute die Interessen der Menschen vor Ort gegenüber der Stadt vertreten, hat Linden bei erfolgreichen Stadtteilsanierungen gute Erfahrungen gemacht. Der Prozess braucht allerdings Zeit, den Stadt nicht zu haben glaubt. Schließlich sind entgegen den städtischen Zahlen, die bis 2025 in Hannover einen moderaten Zuwachs von 13.000 Menschen prognostizierten, ist Hannover bereits in den vergangenen vier Jahren um rund 15.000 Einwohner gewachsen.

Die Notwendigkeit der Verdichtung wird von fast allen Beteiligten gesehen. Hannover ist eine Großstadt und die Verdichtung der Bebauung fördert nicht nur Nachbarschaften und energetische Vorteile, sie wird zunehmend auch als städtische Lebensform gesucht.

Der städtischen Eile, das Projekt Wasserstadt möglichst schnell durchzubringen, wollen wir aber einen geordneten Prozess entgegenhalten. Es sind die Fragen zu klären:

– Verdichtung: Wie viele Menschen, wie hoch die Häuser, wie weit der Abstand?
– Durchmischung: Welche Wohnformen, welche Bauformen etc.?
– Belegrechte: Welche Quote?

Die Fragen zur Infrastruktur sind zusätzlich zu klären, noch ist völlig offen, wie der Verkehr über die einzige Anbindung Wunstorfer Straße überhaupt bewältigt werden kann.

Am 4. März 2014 reagierte die grüne Stadtteilgruppe Linden-Limmer mit einer kontroversen Diskussionveranstaltung zum Thema Wasserstadt Limmer:

__

140218_Stadtteildialog-Wasserstadt-Limmer_kl

Bündnis90/Die Grünen Linden-Limmer
"Ein neues Stadtviertel entsteht - Wie wird die Wasserstadt Limmer in Zukunft aussehen?"
Dienstag, 04.03.2014
Diskussion im Foyer Transition Town Hall, Wunstorfer Straße

Spannende Diskussion vor vollem Haus. Nahezu 100 Interessierte waren gekommen. Nach sehr aufschlussreichem, von Sid Auffarth geführtem Rundgang durch die restlichen Conti-Ruinen bis zum „Deutschen Eck“, an dem die Kanäle zusammen kommen, gab es eine lebhafte Diskussion in der Transition Town Hall.

Michael Dette steht grundsätzlich hinter dem verdichteten Planungsentwurf, sieht aber noch architektonischen Bedarf. Er kann sich zwischen 1.600 und 2.200 Wohneinheiten vorstellen. Sid Auffarth möchte eine Reduzierung der derzeitigen Planung, findet die Verdichtung aber grundsätzlich richtig, den Entwurf allerdings langweilig und fordert Zeit und BürgerInnenbeteiligung.

Rainer Grube möchte deutlich weniger Wohnungen – „die Hälfte reicht auch.“

Sein Vorschlag für eine bessere Mischung der Bevölkerungsstruktur als verbindliche Vorgabe: 25 % Sozialwohnungen/Belegrechte, 25 % Wohnungen für Genossenschaften und Baugruppen, 25 % Mietwohnungen für mittlere Einkommen, 25 % Andere (Eigentum in Wohnungen und/oder Häusern), dazu Mischbebauung mit Einkaufsgelegenheiten etc. „Keine Segregation, auch nicht der Besserverdienenden!“.

Von den ZuhörerInnen kam neben genereller Ablehnung des Entwurfs die Bitte um qualifizierte Bürgerbeteiligung, Klärung des Verkehrsproblems und der infrastrukturellen Fragen. Einige haben Angst vor der Belegrechtsklientel, andere vor den hochpreisigen Neulimmeranern und den Auswirkungen auf die Grundstückspreise.

Daniel Gardemin fragt, ob auch ein autofreies Quartier im Quartier möglich sei, das Gelände nicht zu sehr verschattet wird und ob nicht auch planerisch mehr Pluralität erzeugt werden kann (Baustile, Alte, Kinder…). Bei wohl 12 Euro aufwärts für den Quadratmeter Kaltmiete bzw. bei zu erwartendem hochpreisigen Eigentum wird die Durchmischung aber wahrscheinlich nur über unterschiedliche architektonische Angebote zu bewerkstelligen sein und durch mietenreduzierende Maßnahmen.

Ängste vor einer Ballung von Sozialwohnungen sind schon rein rechnerisch unbgründet, für die nächsten fünf Jahre sind im städtischen Haushalt Mittel für stadtweit 750 geförderte
Wohnungen vorgesehen. Davon ist schon die Hälfte in baureifen Projekten gebunden, auch die restlichen 450 Wohnungen können und sollen nicht allein auf dem Wasserstadtgelände entstehen, so Michael Dettte. „Leider stellen Land und Bund fast keine Mittel mehr für den sozialen Wohnungsbau zur Verfügung.“

Der Einfluss auf das Privatgelände ist nicht sehr groß, der Investor könne nur bedingt gelenkt werden. Welche Steuerungsmöglichkeiten es gibt, wird in der B-Plan-Erstellung zu
erörtern sein, die Zeit wird allerdings knapp, es scheint eine Reihe von Pflöcken bereits eingeschlagen zu sein. Das Vorgehen der Stadt wird von den Anwohnern als Überrumpelung wahrgenommen, sie fühlen sich allein gelassen.

Zusammenfassung: Daniel Gardemin, Sprecher Stadtteilgruppe B90/Grüne Linden-Limmer