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Ein Wahrzeichen Hannovers

Das Historische Museum hatte zur Ausstellung „Typisch Hannover“ eingeladen, über 3.000 Menschen beteiligten sich. Die nicht ganz einfache Frage war, was denn nun das wirkliche Wahrzeichen Hannovers sei. Unerwartet erhielt das Heizkraftwerk Linden, umgangssprachlich die ‚Drei Warmen Brüder genannt‘, beachtlichen Zuspruch. Sozusagen der Shootingstar unter Hannovers Landmarks. Wie kommt es zu dem Aufstieg des einstigen Kohlekraftwerks an der Ihme zu einem angesagten Wahrzeichen Hannovers?

Erst einmal ist vielleicht zu erwähnen, dass das im 19. Jahrhundert schnell vom Dorf zur Stadt gewachsene Linden bis 1920 eigenständige Stadt westlich von Leine und Ihme war und sich das Verhältnis zu Hannover nicht immer einfach gestaltete. Hier das schnell gewachsene Industriedorf, harte Arbeit, dreckige Schlote, dort die Residenzstadt und die Nomenklatura. Noch heute spricht der Oberbürgermeister Stefan Schostok scherzhaft von unserer Nachbarstadt Linden. Apropos Oberbürgermeister. Nach Jahrzehnten Lebensmitelpunkt Hannover hat das Stadtoberhaupt eine feine Etagenwohnung im Herzen von Linden bezogen. Ein sichtbares Zeichen, wie sich die Achsen verschieben.

Der Perspektivwechsel ist nicht ganz unerheblich bei der Suche nach Erklärungen, wie ein Industrierelikt zu einem Wahrzeichen werden kann. Linden ist angesagt. Der einstige Arbeiterstadtteil ist zur Hochburg der Studies, der Szene und der Gentrifier geworden. Es ist der bunteste Flecken Hannovers, ein Stadtteil, der in Bewegung ist. Unterhalb des Heizkraftwerkes tobt die Partymeile Hannovers, so dass es schon rein szenemäßig in den Blickpunkt rückt.

Aber was ist so toll an den drei Blöcken, die der Architekt Rudolf Christfreund 1963 auf den Trümmern des zerstörten Industriegürtels an der Ihme schuf? Vielleicht sind es die klar gegliederten gleichen Baukörper, die von weit her sichtbar sind. Sie scheinen unverrückbar, unabänderbar und und präsentieren sich doch aus jeder Blickrichtung überraschend anders. Vielleicht ist es auch die geheimnisvoll halbdurchsichtige Opakglasfassade, die bei Lichteinfall die Hoffnung weckt, einmal in den Heizkessel sehen zu dürfen. In das Höllenfeuer, das die achtzig Tonnen schwere Turbine unter Spannung setzt. Denn das ist ja die Aufgabe des Heizkraftwerks, die Stadt mit Energie zu versorgen, sie am Laufen zu halten.

Durch Umweltauflagen sind später drei Schornsteine hinzugekommen. Mit ihren 125 Metern Höhe weisen sie wie große Finger auf die noch zu ergründende Bedeutung ihrer selbst. Mit den Schornsteinen wurde schrittweise von Kohle und Öl auf Gasantrieb umgestellt, nicht ohne den mahnenden Hinweis, es könne sich alles auch mal wieder ändern. Sowohl die Öllieferung über die Ihme per Schiff, als auch die Kohleanlieferung über den Lindener Hafen hält sich die Betreiberin offen. Ein Luxus, wie die Bundesschifffahrtsgesellschaft weiß, die seit Jahrzehnten für nichts die Wasserstraße samt Schleuse in Limmer betreibt. Und ein Abenteuer für die Jugendlichen Lindens, die die verlassene und überwucherte Bahntrasse der Kohlebahn als Schleichweg und Versteck nutzen. Am Küchengarten verschwindet alles geheimnisvoll in einen Fördertunnel, der auf 400 Meter Strecke unter der Limmerstraße entlang führt. Über fünf Millionen Tonnen Kohle sind hier durchgegangen (weitere Infos unter: www.lebensraum-linden.de/portal/seiten/auch-linden-hat-seinen-tunnel-900000027-5201.html und https://www.linden-entdecken.de/1770/heizkraftwerk-linden).

Heute befindet sich im Innern des Heizkraftwerks einer der modernsten Gasbrenner Europas. Für 170 Millionen Euro wurde zwischen 2009 und 2012 eine technisches Meisterwerk mit 230 Megawatt Leistung geschaffen. Dazu noch 130 Megawatt gekoppelte Fernwärmeleistung. 650.000 Menschen können mit Strom oder Fernwärme versorgt werden. Theoretisch. Praktisch macht es heute keinen Sinn mehr, mit Gas Strom zu produzieren und das Heizkraftwerk steht in manchen Jahren monatelang still. Gaskraftwerke sind unerwartet die späten Dinosaurier des Industriezeitalters geworden. Es wird Verlust produziert, da das teure Gas dem billigen Braunkohle-Strom zum Opfer fällt. Selbst Strom aus Windkraft und Photovoltaik ist inzwischen auf dem freien Markt günstiger als Gasstrom zu haben.

Die Stadtwerke Hannover bieten das Heizkraftwerk nun als Lückenfüller für Stromausfälle an und versuchen, den Minderertrag durch das Fernwärmegeschäft abzuschwächen. Spät haben die Stadtwerke nun die Reißleine gezogen und mal eben den Windparkbeteiber Ventotec samt 220 Megawatt Energieleistung gekauft.

Die bittere Erkenntnis ist dem Gebäude nicht anzusehen. Im Gegenteil, seit 2013 wird das Kraftwerk nachts in ein rotviolettes Licht getaucht und schimmert wie eine purpurne Bonbonschachtel. Wenn die Automesse zu Gast ist, leuchtet das Opak tiefblau und zur Teppichmesse flackert es bunt wie in Tausendundeiner Nacht. Fehlt noch der Regenbogen, doch dazu später mehr.

Die über der Stadt leuchtenden rotvioletten Kesselhäuser mit den drei silberweiß strahlenden Schornsteinen sind sicherlich das stärkste Argument für die Wahl des Wahrzeichens. Das ist so etwas wie Industrieromantik, Niki de Saint-Phalle und Weihnachten gleichzeitig. Auf den Ihme-Brücken ist seit der Illumination die Dichte der Fotostative schlagartig gestiegen, im gegenüberliegenden Café Safran sitzen die Gäste mit entspanntem Blick auf das Kraftwerk wie die Sonnenanbeter eines Thermalbades beim Sunsetcocktail. Inzwischen hat sich eine ganze Verwertungsindustrie daran gemacht, das Farbenkunstwerk auf Hinterglasbilder, Aufkleber, Basecaps und andere Devotionalien zu fixieren. Es gibt bereits erste Gegenbewegungen, die das Heizkraftwerkmotiv einfach nur noch mainstream finden.

Dabei ist die Liebe der Lindener Bevölkerung zu ihrem Heizkraftwerk älter als das neue Farbenspektakel. Bereits in den achtziger Jahren entwickelte sich ein mehrdeutiges Wortspiel zu einer festen Redewendung. Aus dem dreiteiligen Dings ohne Namen wurden liebevoll die ‚Drei warmen Brüder‘. Das war zwar eine sachliche Feststellung, denn sie stehen da ja brüderlich und wärmen vor sich hin, es war aber gleichzeitig ein subtil queeres Coming-out. Alle wussten, ‚Warme Brüder‘ waren das homophobe Vokabular der Rechten. Schwul, Multikulti, lange Haare und lila Latzhosen waren seinerzeit Synonyme dessen, was heute mit ‚linksgrün versifftem Gutmenschentum‘ einen Sammelbegriff erhalten hat. „Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder,“ so der ehemalige Kriegsminister Franz Josef Strauß, ein Meister der Hass-Rede. Dass nun ausgerechnet drei Kraftwerkstürme die Assoziation von ‚Warmen Brüdern‘ hervorrufen, ist eine starke Antwort des bunten Szenekiezes auf die reaktionären Kräfte gestern und heute. Es leuchtet also auch in den Regenbogenfarben, egal wie grau es manchertags auch sein mag.

Irgendwie steht dieses Kraftwerk für den Abschied oder besser die Metamorphose des grauen Hannoverimages. Ein bunter Stadtteil schafft die Neubewertung eines ganzen Bündels von Hinterlassenschaften. Vormoderne Industrieruinen, fossile Energien und die glanzlosen Zeiten homophober Monokultur weichen einem Aufbruch, verwandeln sich hinter der transluzenten Fassade in den drei Wunderkisten an der Ihme. Jetzt muss nur noch die vierte Wunderkiste, das Ihme-Zentrum, der Tyranno Rex unter den Betonsauriern, zum Leuchten gebracht werden. Vielleicht rüttelt ja die Kulturhauptstadtinitiative erfolgreich an der zugigen Tür des schlummernden Riesens.

Kultur hat übrigens auch schon einmal für einen Augenblick das Heizkraftwerk geöffnet. 2004, vor der Sanierung, wurde im 60 Meter hohen südlichen Kesselturm im Rahmen der Zeitoper eine kriminalistische Suite aufgeführt. Natürlich mit spektakulärer Kulisse und tödlichem Fassadensturz. Für die kulturelle Nachnutzung ist also schon gesorgt.

Einstweilen wärmen wir uns aber noch an der Übergangstechnologie, gedenken der Notwendigkeit, eine Stadt mit Energie zu versorgen und schauen versonnen und nur ein wenig wehmütig den letzten Abgaswölkchen an den Schornsteinspitzen hinterher. Ja, das Heizkraftwerk mit seiner ganzen Symbolik und Strahlkraft ist ein würdiges Wahrzeichen unserer Stadt.

[Die 10 Bilder in diesem Beitrag zeigen aus unserer Wohnzimmerperspektive die Nordwestansicht des Heizkraftwerkes über den Dächern Linden-Nords in den Jahren 2007 bis 2017. Das letzte Bild entstand 2007, noch vor der Sanierung des südlichen Schornsteins]
Anmerkung: In der ersten Version des Beitrags hieß es „Praktisch steht das Kraftwerk die meiste Zeit still.“ Diese Aussage bezieht sich auf die Jahre 2015 und 2016. Einem Hinweis von Jens Allerheiligen nach konnte das Heizkraftwer Linden u.a. wegen gesunkener Gaspreise 2017 wieder nahezu durchlaufen. Ob die Stromerzeugung wirtschaftlich ist, darf bei den günstigen Braunkohlepreisen allerdings bezweifelt werden. In den Wintermonaten ist der Strom sozusagen Abfallprodukt der erforderlichen Fernwärmeerzeugung, im Sommer müsste das Kraftwerk extra für die Stromerzeugung angeworfen werden. 2016 haben die Stadtwerke daher einen Fernwärmespeicher gebaut, mit dem sie im Sommer Strom produzieren können, ohne das Kraftwerk unwirtschaftlich anfahren zu müssen (vgl. www.enercity.de/infothek/downloads/berichte/enercity-report-2016.pdf).