Ein Wahrzeichen Hannovers

Das Historische Museum hatte zur Ausstellung „Typisch Hannover“ eingeladen, über 3.000 Menschen beteiligten sich. Die nicht ganz einfache Frage war, was denn nun das wirkliche Wahrzeichen Hannovers sei. Unerwartet erhielt das Heizkraftwerk Linden, umgangssprachlich die ‚Drei Warmen Brüder genannt‘, beachtlichen Zuspruch. Sozusagen der Shootingstar unter Hannovers Landmarks. Wie kommt es zu dem Aufstieg des einstigen Kohlekraftwerks an der Ihme zu einem angesagten Wahrzeichen Hannovers?

Erst einmal ist vielleicht zu erwähnen, dass das im 19. Jahrhundert schnell vom Dorf zur Stadt gewachsene Linden bis 1920 eigenständige Stadt westlich von Leine und Ihme war und sich das Verhältnis zu Hannover nicht immer einfach gestaltete. Hier das schnell gewachsene Industriedorf, harte Arbeit, dreckige Schlote, dort die Residenzstadt und die Nomenklatura. Noch heute spricht der Oberbürgermeister Stefan Schostok scherzhaft von unserer Nachbarstadt Linden. Apropos Oberbürgermeister. Nach Jahrzehnten Lebensmitelpunkt Hannover hat das Stadtoberhaupt eine feine Etagenwohnung im Herzen von Linden bezogen. Ein sichtbares Zeichen, wie sich die Achsen verschieben.

Der Perspektivwechsel ist nicht ganz unerheblich bei der Suche nach Erklärungen, wie ein Industrierelikt zu einem Wahrzeichen werden kann. Linden ist angesagt. Der einstige Arbeiterstadtteil ist zur Hochburg der Studies, der Szene und der Gentrifier geworden. Es ist der bunteste Flecken Hannovers, ein Stadtteil, der in Bewegung ist. Unterhalb des Heizkraftwerkes tobt die Partymeile Hannovers, so dass es schon rein szenemäßig in den Blickpunkt rückt.

Aber was ist so toll an den drei Blöcken, die der Architekt Rudolf Christfreund 1963 auf den Trümmern des zerstörten Industriegürtels an der Ihme schuf? Vielleicht sind es die klar gegliederten gleichen Baukörper, die von weit her sichtbar sind. Sie scheinen unverrückbar, unabänderbar und und präsentieren sich doch aus jeder Blickrichtung überraschend anders. Vielleicht ist es auch die geheimnisvoll halbdurchsichtige Opakglasfassade, die bei Lichteinfall die Hoffnung weckt, einmal in den Heizkessel sehen zu dürfen. In das Höllenfeuer, das die achtzig Tonnen schwere Turbine unter Spannung setzt. Denn das ist ja die Aufgabe des Heizkraftwerks, die Stadt mit Energie zu versorgen, sie am Laufen zu halten.

Durch Umweltauflagen sind später drei Schornsteine hinzugekommen. Mit ihren 125 Metern Höhe weisen sie wie große Finger auf die noch zu ergründende Bedeutung ihrer selbst. Mit den Schornsteinen wurde schrittweise von Kohle und Öl auf Gasantrieb umgestellt, nicht ohne den mahnenden Hinweis, es könne sich alles auch mal wieder ändern. Sowohl die Öllieferung über die Ihme per Schiff, als auch die Kohleanlieferung über den Lindener Hafen hält sich die Betreiberin offen. Ein Luxus, wie die Bundesschifffahrtsgesellschaft weiß, die seit Jahrzehnten für nichts die Wasserstraße samt Schleuse in Limmer betreibt. Und ein Abenteuer für die Jugendlichen Lindens, die die verlassene und überwucherte Bahntrasse der Kohlebahn als Schleichweg und Versteck nutzen. Am Küchengarten verschwindet alles geheimnisvoll in einen Fördertunnel, der auf 400 Meter Strecke unter der Limmerstraße entlang führt. Über fünf Millionen Tonnen Kohle sind hier durchgegangen (weitere Infos unter: www.lebensraum-linden.de/portal/seiten/auch-linden-hat-seinen-tunnel-900000027-5201.html und https://www.linden-entdecken.de/1770/heizkraftwerk-linden).

Heute befindet sich im Innern des Heizkraftwerks einer der modernsten Gasbrenner Europas. Für 170 Millionen Euro wurde zwischen 2009 und 2012 eine technisches Meisterwerk mit 230 Megawatt Leistung geschaffen. Dazu noch 130 Megawatt gekoppelte Fernwärmeleistung. 650.000 Menschen können mit Strom oder Fernwärme versorgt werden. Theoretisch. Praktisch macht es heute keinen Sinn mehr, mit Gas Strom zu produzieren und das Heizkraftwerk steht in manchen Jahren monatelang still. Gaskraftwerke sind unerwartet die späten Dinosaurier des Industriezeitalters geworden. Es wird Verlust produziert, da das teure Gas dem billigen Braunkohle-Strom zum Opfer fällt. Selbst Strom aus Windkraft und Photovoltaik ist inzwischen auf dem freien Markt günstiger als Gasstrom zu haben.

Die Stadtwerke Hannover bieten das Heizkraftwerk nun als Lückenfüller für Stromausfälle an und versuchen, den Minderertrag durch das Fernwärmegeschäft abzuschwächen. Spät haben die Stadtwerke nun die Reißleine gezogen und mal eben den Windparkbeteiber Ventotec samt 220 Megawatt Energieleistung gekauft.

Die bittere Erkenntnis ist dem Gebäude nicht anzusehen. Im Gegenteil, seit 2013 wird das Kraftwerk nachts in ein rotviolettes Licht getaucht und schimmert wie eine purpurne Bonbonschachtel. Wenn die Automesse zu Gast ist, leuchtet das Opak tiefblau und zur Teppichmesse flackert es bunt wie in Tausendundeiner Nacht. Fehlt noch der Regenbogen, doch dazu später mehr.

Die über der Stadt leuchtenden rotvioletten Kesselhäuser mit den drei silberweiß strahlenden Schornsteinen sind sicherlich das stärkste Argument für die Wahl des Wahrzeichens. Das ist so etwas wie Industrieromantik, Niki de Saint-Phalle und Weihnachten gleichzeitig. Auf den Ihme-Brücken ist seit der Illumination die Dichte der Fotostative schlagartig gestiegen, im gegenüberliegenden Café Safran sitzen die Gäste mit entspanntem Blick auf das Kraftwerk wie die Sonnenanbeter eines Thermalbades beim Sunsetcocktail. Inzwischen hat sich eine ganze Verwertungsindustrie daran gemacht, das Farbenkunstwerk auf Hinterglasbilder, Aufkleber, Basecaps und andere Devotionalien zu fixieren. Es gibt bereits erste Gegenbewegungen, die das Heizkraftwerkmotiv einfach nur noch mainstream finden.

Dabei ist die Liebe der Lindener Bevölkerung zu ihrem Heizkraftwerk älter als das neue Farbenspektakel. Bereits in den achtziger Jahren entwickelte sich ein mehrdeutiges Wortspiel zu einer festen Redewendung. Aus dem dreiteiligen Dings ohne Namen wurden liebevoll die ‚Drei warmen Brüder‘. Das war zwar eine sachliche Feststellung, denn sie stehen da ja brüderlich und wärmen vor sich hin, es war aber gleichzeitig ein subtil queeres Coming-out. Alle wussten, ‚Warme Brüder‘ waren das homophobe Vokabular der Rechten. Schwul, Multikulti, lange Haare und lila Latzhosen waren seinerzeit Synonyme dessen, was heute mit ‚linksgrün versifftem Gutmenschentum‘ einen Sammelbegriff erhalten hat. „Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder,“ so der ehemalige Kriegsminister Franz Josef Strauß, ein Meister der Hass-Rede. Dass nun ausgerechnet drei Kraftwerkstürme die Assoziation von ‚Warmen Brüdern‘ hervorrufen, ist eine starke Antwort des bunten Szenekiezes auf die reaktionären Kräfte gestern und heute. Es leuchtet also auch in den Regenbogenfarben, egal wie grau es manchertags auch sein mag.

Irgendwie steht dieses Kraftwerk für den Abschied oder besser die Metamorphose des grauen Hannoverimages. Ein bunter Stadtteil schafft die Neubewertung eines ganzen Bündels von Hinterlassenschaften. Vormoderne Industrieruinen, fossile Energien und die glanzlosen Zeiten homophober Monokultur weichen einem Aufbruch, verwandeln sich hinter der transluzenten Fassade in den drei Wunderkisten an der Ihme. Jetzt muss nur noch die vierte Wunderkiste, das Ihme-Zentrum, der Tyranno Rex unter den Betonsauriern, zum Leuchten gebracht werden. Vielleicht rüttelt ja die Kulturhauptstadtinitiative erfolgreich an der zugigen Tür des schlummernden Riesens.

Kultur hat übrigens auch schon einmal für einen Augenblick das Heizkraftwerk geöffnet. 2004, vor der Sanierung, wurde im 60 Meter hohen südlichen Kesselturm im Rahmen der Zeitoper eine kriminalistische Suite aufgeführt. Natürlich mit spektakulärer Kulisse und tödlichem Fassadensturz. Für die kulturelle Nachnutzung ist also schon gesorgt.

Einstweilen wärmen wir uns aber noch an der Übergangstechnologie, gedenken der Notwendigkeit, eine Stadt mit Energie zu versorgen und schauen versonnen und nur ein wenig wehmütig den letzten Abgaswölkchen an den Schornsteinspitzen hinterher. Ja, das Heizkraftwerk mit seiner ganzen Symbolik und Strahlkraft ist ein würdiges Wahrzeichen unserer Stadt.

[Die 10 Bilder in diesem Beitrag zeigen aus unserer Wohnzimmerperspektive die Nordwestansicht des Heizkraftwerkes über den Dächern Linden-Nords in den Jahren 2007 bis 2017. Das letzte Bild entstand 2007, noch vor der Sanierung des südlichen Schornsteins]
Anmerkung: In der ersten Version des Beitrags hieß es „Praktisch steht das Kraftwerk die meiste Zeit still.“ Diese Aussage bezieht sich auf die Jahre 2015 und 2016. Einem Hinweis von Jens Allerheiligen nach konnte das Heizkraftwer Linden u.a. wegen gesunkener Gaspreise 2017 wieder nahezu durchlaufen. Ob die Stromerzeugung wirtschaftlich ist, darf bei den günstigen Braunkohlepreisen allerdings bezweifelt werden. In den Wintermonaten ist der Strom sozusagen Abfallprodukt der erforderlichen Fernwärmeerzeugung, im Sommer müsste das Kraftwerk extra für die Stromerzeugung angeworfen werden. 2016 haben die Stadtwerke daher einen Fernwärmespeicher gebaut, mit dem sie im Sommer Strom produzieren können, ohne das Kraftwerk unwirtschaftlich anfahren zu müssen (vgl. www.enercity.de/infothek/downloads/berichte/enercity-report-2016.pdf).

12 comments for “Ein Wahrzeichen Hannovers

  1. Jens Allerheiligen
    22. März 2018 at 10:28

    Das Gas und Dampfturbinenkraftwerk ist im letzten Jahr lt. Herrn Hansmann nahezu durchgelaufen, weil die Gaspreise gefallen und die Kohlepreise und Preise für Emissionszertifikate angestiegen sind. Außerdem sind die Handelspreise für Strom gestiegen. Es ist also nicht richtig, dass das Kraftwerk überwiegend rumsteht und Verluste produziert. Es läuft und erwirtschaftet zum Nutzen der Stadt Hannover erhebliche Gewinne.

    • 22. März 2018 at 11:09

      Im Wirtschaftsbericht 2016 heißt es noch auf Seite 6, dass „die Modernisierung und Erweiterung der GuD-Anlage im HKW Linden als wesentliche Einzelmaßnahme ihr Potenzial von 200.000 Tonnen CO2-Reduzierung auf Grund der Verwerfungen auf dem Strommarkt nur zu einem Teil realisieren konnte.“ Dieser Teil wird maßgeblich dann erzielt, wenn die Kraft-Wärme-Kopplung wirtschaftlich Stromabwirft, also in der kalten Jahreszeit. Ziel und Sinn eines Kraftwerks und seiner Rentabilität ist das nicht. Der Wirtschaftsbericht für 2017 liegt noch nicht vor. Wenn das Kraftwerk in 2017 tatsächlich wieder mehr Strom produziert hat, ist fraglich, ob der Strom auch Gewinn abwirft. Die Gestehungskosten für Gas- und Dampfturbinenkraftwerke liegen derzeit (März 18) bei 7,78 bis 9,96 Eurocent, die für Braunkohle bei 4,59 bis 7,98 Eurocent (www.pv-magazine.de/2018/03/20/fraunhofer-ise-photovoltaik-hat-niedrigsten-stromgestehungskosten-in-deutschland). Das Fraunhofer ISE sieht zudem eher stagnierende bis steigende Gestehungskosten für Gas für die nächsten Jahre, während die Erneuerbaren allesamt auf der Überholspur liegen.

      • Jens Allerheiligen
        22. März 2018 at 12:42

        Die Gestehungskosten in dem Artikel beziehen sich auf Neubauten und beinhalten die Investitionskosten. Aus dem Geschäftsbericht für 2016 geht nicht hervor, dass das Kraftwerk Verluste macht. Es machte weniger Gewinn als erwartet. Für den Stromhandel sind die Grenzkosten entscheidend. Es ist richtig, dass die Wärmeerzeugung zum wirtschaftlichen Erfolg des Kraftwerks beiträgt. Neben den ökologischen Vorteilen hat es auch ökonomische. „Ziel und Sinn eines Kraftwerks ist das nicht“. Warum nicht? Was ist denn das Ziel eines Kraftwerks, wenn nicht ökonomisch und ökologisch sinnvoll Strom und Wärme zu produzieren?

        • 22. März 2018 at 15:44

          Verlust nicht unbedingt, denn die Fernwärme bringt ja Ertrag. Aber die Strommarge solltest Du Dir mal gesondert herausrechnen lassen und zwar über alle bisherigen Betriebsjahre und unter gesonderter Angabe der Durchschnittslast und den Erzeugungskosten in Megawattstunden für die Zeiträume, in denen keine oder kaum Fernwärme nachgefragt wird. Wenn man diese Auswertung mit dem Investitionsansatz und der Renditeerwartung vergleicht, müsste deutlich werden, was ich mit „Ziel und Sinn ist das nicht“ meine. Die Stromerzeugung fällt nur ab, weil das Kraftwerk da ist. Die Megawattstunde kostet aber über 50 Euro. Das 2010 in Betreieb gegangene GuD-Kraftwerk Irsching 5 bspw. hat 2015 nur 50 Volllaststunden Strom erzeugt. 6.000 wären möglich gewesen. Aufgrund der fehlenden wirtschaftlichen Marktperspektive hatte der Betreiber 2017 die Stilllegung beantragt, was ihm aber durch den Netzbetreiber untersagt wurde. Und es nützt auch nichts, ökologisch zu erzeugen, wenn es unrentabel ist. Ich hoffe nicht, dass CO2 oder Auflagen des Netzbetreibers ausschlaggebend sind, einen unwirtschaftlichen Betrieb zu fahren.

    • 31. März 2018 at 13:48

      Ich habe den Beitrag dahingegend präzisiert. Ich wäre aber vorsichtig, die Wirtschaftlichkeit überzuinterpretieren. Natürlich wird bei Strom Verlust produziert, wenn die Erwartungshaltung war, das Jahr über durchproduzieren zu können. Das Kraftwerk Linden ist unter anderen Voraussetzungen gebaut worden und erwirtschaftet seine Gewinne durch die Fernwärmeprduktion. Auch hier ist mit der Interpretation Vorsicht geboten, auch wenn die Stadt Ausschüttungen erhält. Denn auch die Fernwärmegewinne basieren auf teurem Gaseinkauf. Auf den Missbrauchsverdacht der Landeskartellbehörde hat Enercity rückwirkend zum Januar 2017 die Preise gesenkt. Immerhin haben Einfamilienhaushalte nach Berechnung der Kartellbehörde jährlich 500 Euro zu viel für ihre Fernwärme bezahlt. Da Enercity für Fernwärme der Monopolist in Hannover ist, hat zwar die Stadt Hannover Gewinn gemacht, die Kunden in Hannover aber jahrelang draufbezahlt. Wie sich das auf die Bilanzen auswirkt, werden wir sehen. Rosig ist die Zukunft des Gaskraftwerks nicht. Herr Hansmann muss das seiner Funktion enstsprechend natürlich anders sehen.

      • Jens Allerheiligen
        31. März 2018 at 13:56

        Daniel, deine Kommentierung zu den Fernwärmepreisen ist schlichtweg falsch und verleumderisch. Das hat AfD-Niveau. Lediglich 100 Haushalte der Tochtergesellschaft in Langenhagen haben zu hohe Fernwärmepreise bezahlt. Das hat überhaupt nichts mit der Fernwärme in Linden zu tun. Bitte recherchiere in Zukunft seriös:
        https://www.enercity.de/presse/pressemeldungen/2018/2018-02-22-kartellamt-nds/index.html

        • 2. April 2018 at 12:11

          Meine Angaben beziehe sich auf einen Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 21.2.2018. Dort heißt es, das die Landeskartellbehörde gegen sieben Fermwärmeversorger wegen des Verdachts überhöhter Preise vorgegangen sind. Drei hätten daraufhin die Preise gesenkt, gegen vier seien Verfahren eingeleitet worden. Darunter die Enercity Contracting GmbH, eine Tochter der Enercity. In einem Vergleich hat sich Enercity Contracting verpflichtet, die Preise rückwirkend zu senken. Weiter heißt es, „die Preissenkungen machten im Durchschnitt 500 Euro für ein typisches Einfamilienhaus aus und seien rückwirkend zum Januar 2017 wirksam.“ Nun bleibt, trotz relativierender Pressemitteilung der Enercity, ein Geschmäckle. Weshalb hat Enercity Contracting überhaupt gegen das Kartellrecht verstoßen und weshalb hat Enercity Contracting nach den Ermittlungen der Landeskartellbehörde nicht wie drei andere Unternehmen freiwillig reduziert sondern mussten erst in einem offiziellen Verfahren dazu gedrängt werden? Immerhin ermittelt die Kartellbehörde erst, wenn auffällig hohe Gewinne erzielt werden. Bislang gibt es nur die eilige Stellungnahme von Enercity nach der Presseberichterstattung. Eine Stellungnahme der Kartellbehörde existiert nicht, da der Vergleich Vertraulichkeit garantiert. Wer wie Enercity eine Monopolstellung hat, sollte tunlichst alles unternehmen, nicht einmal in die Nähe des Verdachts zu geraten, sein Monopol auszunutzen. Das schädigt das Unternehmen, nicht die Berichterstattung über das Vergehen. Immerhin gibt es hunderte Anbieter, gegen die die Kartellbehörden nicht ermitteln. Und wer in Hannover im Immobilienwesen unterwegs ist, weiß, wie stark Mieter im Fernwärmebezug zur Kasse gebeten werden. Vor diesem ernsten Hintergrund ein „AfD-Niveau“ und „Verleumdung“ konstruieren zu wollen und sich gleichzeitig ausschließlich auf Quellen des Energieversorgers zu berufen, legt eher den Verdacht der Verteidigung einer in seiner Grundidee sinnvollen aber heute unter Druck geratenenen und überteuerten Energieerzeugung nahe.

      • Jens Allerheiligen
        2. April 2018 at 15:30

        Ich zitiere noch mal aus deinem Kommentar:

        „Auch hier ist mit der Interpretation Vorsicht geboten, auch wenn die Stadt Ausschüttungen erhält. Denn auch die Fernwärmegewinne basieren auf teurem Gaseinkauf. Auf den Missbrauchsverdacht der Landeskartellbehörde hat Enercity rückwirkend zum Januar 2017 die Preise gesenkt. Immerhin haben Einfamilienhaushalte nach Berechnung der Kartellbehörde jährlich 500 Euro zu viel für ihre Fernwärme bezahlt. Da Enercity für Fernwärme der Monopolist in Hannover ist, hat zwar die Stadt Hannover Gewinn gemacht, die Kunden in Hannover aber jahrelang draufbezahlt.“

        Du suggerierst, dass 55.000 Fernwärmekunden in Hannover jahrelang 500 Euro pro Jahr Geld aufgrund des Mißbrauchs eines Monopols bezahlt haben. Die Preise seien so hoch, weil der Gaseinkauf zu teuer sei.

        Richtig ist:
        – es sind 100 Kunden eines Nahwärmenetzes
        – diese 100 Kunden haben jährlich nicht 500 Euro sondern durchschnittlich nur 130 Euro zuviel bezahlt
        – nirgendwo steht, dass das Nahwärmenetz die Wärme mit Gas erzeugt. Viele Projekte der Enercity Contracting GmbH werden mit Holzhackschnitzel oder mit selbst erzeugten Biogas betrieben. Einige aber auch mit Gas. Ob ein teurer Gaseinkauf Ursache für die hohen Preise ist, ist also reine Spekulation von dir.
        – Die Fernwärmepreise von Enercity wurden geprüft und nicht beanstandet, jedoch die Preise der Enercity Contracting GmbH bei einem von vielen Projekten und bei der EPL Langenhagen, an der Enercity zur Hälfte beteiligt ist. Die EPL betreibt übrigens eine Biogasanlage und versorgt damit ein Wohngebiet in Langenhagen.

        All das hat weder etwas mit Fernwärme noch mit dem Kraftwerk in Linden zu tun, da das Kraftwerk Linden keine Nahwärmenetze versorgt. Von daher sind die Angaben in dem zitierten Teil falsch und irreführend. Egal ob es aus Unwissenheit oder mit Absicht geschieht, halte ich es für unverständlich, dass ein Mitglied der grünen Ratsfraktion die umweltschonende Erzeugung von Fernwärme und Strom durch das GuD Kraftwerk in Linden schlechtschreibt. Bevor man solche Behauptungen in die Welt setzt, sollte man redlich recherchieren oder jemanden fragen, der sich damit auskennt.

        • 2. April 2018 at 21:06

          Widersprüche müssen ausgehalten werden. Und Zeiten ändern sich. Der ehemalige Stadtwerke-Chef Feist hat viel zu lange an den fossilen Brennstoffen festgehalten. Die neue Stadtwerke-Chefin hat nun endlich das Ruder herumgerissen und setzt voll auf Erneuerbare. Das ist ein harter Schnitt für das Unternehmen und insbesondere für die Mitarbeiter/innen. Ich erwarte, dass die Kundschaft in Hannover nicht die Zeche für ein zu langes Festhalten an der fossilen Ernergiepolitik der Stadtwerke zahlen muss. Nicht in Linden und auch nicht in Langenhagen. Nicht 55.000 Fernwärmekunden und auch nicht 100. Das kartellrechtliche Vorgehen ist die Gelbe Karte. Ich wundere mich, dass Du das runterspielst. Du bist ja oder warst unabhängiger Finanzexperte im Aufsichtsrat der Stadtwerke/Enercity. Dann weißt Du sicherlich auch, dass nicht nur das Preisgefüge in Langenhagen im Kartellverfahren umstritten war. Da erwarte ich eine umfassendere Einschätzung als Du sie hier vorträgst. Hinter den hohen Preisen steht doch die Not des Unternehmens, das Gaskraftwerk auch bei tendenziell schwieriger Marktlage und in der Erwartungshaltung der Kommune, Cash zu sehen, wirtschaftlich betreiben zu müssen. Treiber sind nicht unwesentlich die erfolgreichen regenerativen Energien. Grün hat das ja auch so gewollt: „Erneuerbare Energien werden mit uns günstiger, fossile teurer,“ heißt es 2017 im Bundestagswahlprogramm. Weiter steht dort: „Das Stichwort dazu lautet ‚Divestment‘ und meint den Abzug von Investitionen aus Öl, Kohle und Gas.“ Das ist auch erklärte Grüne Politik, über die wir noch gar nicht geredet haben. Denn „wir wollen, dass die öffentliche Hand hier vorangeht und ihre dreckigen Anlagen beendet, zumal diese Investments mehr und mehr zu einem finanziellen Risiko werden.“ Die Übersetzung dieser Einschätzung für das Lindener Heizkraftwerk liefere ich mal lieber nicht. Ich will ja auch, dass das Kraftwerk wirtschaftlich im Interesse der Stadt Hannover und seiner Kundschaft betrieben werden kann. Aber aufpassen kann man nur, wenn man sich auch kritisch äußern darf, ohne gleich AfD-Niveau oder Pharisäertum unterstellt zu bekommen.

          • Jens Allerheiligen
            2. April 2018 at 23:20

            Ich stimme dir in weiten Teilen deines letzten Kommentars zu. Ich habe mich über 10 Jahre für die Energiewende bei den Stadtwerken eingesetzt. Es ist gelungen, die Kraftwerksbeteiligungen in Staudinger und Mehrum zu verkaufen und in erneuerbare Energien und umweltschonende Kraftwärekopplung zu investieren. Das von dir angesprochene Divestment findet doch statt. Leider lässt sich der Wärmebedarf der Stadt nicht von heute auf morgen auf erneuerbare Wärme umstellen. Die nächsten Schritte wurden aber mit Investitionen in Lahe in Angriff genommen. Neben dem Kraftwerk in Linden betreiben die Stadtwerke noch ein Kohlekraftwerk in Stöcken, dessen Wärme ebenfalls für die Fernwärmeversorgung benötigt wird und deutlich höhere CO2-Emissionen und einen schlechteren Wirkungsgrad hat.
            Das deine Kritik ausgerechnet die umweltschonenste Wärmeerzeugung trifft und auch aus meiner Sicht falsch dargestellt wird, bedaure ich sehr. Wie kommst du eigentlich darauf, dass die Fernwärepreise in Hannover zu hoch sind? Was ist dein Vergleichsmaßstab? Fernwärmepreise anderer Großstädte? Gasheizungen? Ölheizungen? Was für einen Beleg hast du dafür? Wie würdest du die Fernwärme günstiger für 55.000 Haushalte herstellen? Das die Kartellbehörde die Preise von 55.000 Fernwärmekunden nicht beanstandet hat, spricht nicht für deine These, dass die Fernwärmekunden abgezockt werden.
            Bei den Fernwärmepreisen sind auch (leider) nicht die erneuerbaren Energieen der Preistreiber, sondern im Strommarkt.

            Für das Kraftwerk in Linden gibt es zwei Einsatzfälle:
            1. Es wird Wärme benötigt. Dann fällt Strom als Abfallprodukt an mit nahezu 0 Grenzkosten, der mit erneuerbaren Energien wettbewerbsfähig ist und deutlich wettbewerbsfähiger als aus Steinkohlekraftwerken (ohne Wärmenutzung).
            2. Die Grenzkosten für die Stromerzeugung sind geringer als die Vermarktungserlöse. Auch dieser Strom ist wettbewerbsfähig.
            Anscheinend ist einer der beiden Fälle im letzten Jahr häufig eingetreten, weswegen das Kraftwerk häufig eingesetzt wurde.

            Anhand dieser Angaben kann man jedoch nicht beurteilen, ob
            a) das Kraftwerk Gewinne erwirtschaftet, da auch die Personal-, Investitions- und Finanzierungskosten abgedeckt werden müssen.
            b) die ursprünglichen Erwartungen erfüllt werden, also ob der Gewinn geringer als erwartet ist.

            Seit März 2017 bin ich nicht mehr im Aufsichtsrat. Aufgrund meiner Kenntis von Energiemärkten und Erfahrungen würde ich einschätzen, dass das Kraftwerk Gewinne erwirtschaftet, aber nicht so hoch wie ursprünglich erwartet. Eine große Bedeutung haben dabei auch vermiedene Netznutzungsentgelte.

            Ich bin auch nicht deiner Meinung, dass die Stadtwerke die Kunden abzocken, weil die Stadt hohe Gewinne erwartet. Während die Strom- und Gaspreise seit langer Zeit für die Kunden unverändert geblieben sind, sind die Gewinne von Enercity und die Ausschüttungen an die Stadt Hannover rückläufig. Im übrigen verwendet die „böse Stadt“ mit ihrer Erwartungshaltung die Gewinne für Kindertagesstätten, Schulen, Kultureinrichtungen, Grünflächenunterhaltung, Radwegeausbau und diversen weiteren Ausgaben, die dem Wohl der Bürgerinnen und Bürgern zugute kommen und vom Stadtrat verteilt werden. Natürlich könnten auch die Stadtwerke die Preise unter das Marktniveau senken und damit Sozialpolitik betreiben. Ich sehe diese Kompetenzen jedoch eher beim Rat, der die Mittel zielgerichteter verteilen kann.

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