Die Party, der Müll und warum Jugendliche so wichtig sind

Junge Leute räumen einfach mal am Sonntag den Partymüll vom Wochenende auf. Zuerst in der Eilenriede, jetzt am Lindener Hafen. Eine neue Generation nimmt ihr Leben in die Hand. Wenn Clubs verboten sind und die Stadt beim Müll nicht hinterherkommt, wird eben selber getanzt und selber aufgeräumt. Und wir Erwachsenen beschimpfen die Jugendlichen und schicken die Polizei hinterher. Dabei vermüllen wir doch die Stadt mit unseren Autos, die Luft mit CO2 und sichern unserer überalterten Gesellschaft den Status quo mit etlichen Milliarden ab. Zeit, einen Blick auf den Graben zwischen Jung und Alt zu werfen.

Müllsammelaktion am Lindener Hafen und Kanal

CleanUp nennt sich das Vorhaben des 18jährigen Gustav Kahn, junge Leute für ein Aufräumevent zu mobilisieren. Ein Facebook-Aufruf und schon kommen 25 Jugendliche und helfen, die Böschungen an Kanal und Lindener Hafen sauber zu machen, an denen am Vortag wie jedes Wochenende gelegen, gegrillt und gemüllt wurde. Und Gustav selbst paddelt parallel im Wasser und fischt Flaschen und Verpackungen aus dem Wasser. Viele der Helferinnen und Helfer sind selber gerne am Wochenende draußen und ärgern sich über diejenigen, die einfach alles liegen lassen.

Gustav hat die CleanUp-Aktion ins Leben gerufen

Bei der Saubermachaktion wird deutlich, dass nicht große Ansammlungen von Müll an einer Stelle hinterlassen werden, sondern das Problem in der Fläche liegt. Hier mal etwas verloren, dort wird mal etwas stehen gelassen. Es ist die schiere Menge an Partygästen am Kanal, auf der Limmerstraße, in der Eilenriede und an anderen Orten der Stadt. Rund um die Mülleimer zeigt sich dann der gute Wille, alles in die Abfallbehälter hineinzwängen zu wollen. Wind und Vögel verteilen dann den Rest wieder in die Fläche. Müll ist auch ein Problem des Verpackungswahns und der wenigen Mülleimer, die an den frequentierten Orten aufgestellt sind. Während die Müllabfuhr in der Innenstadt selbstverständlich auch am Wochenende regelmäßig unterwegs ist, scheint an einigen Partyorten selbst in der Woche nur sporadisch nach dem Gröbsten gesucht zu werden. Dabei ist das Problem nicht ganz unbekannt, weisen doch die Bezirksräte regelmäßig auf die Unterversorgung von Müllbehältern hin. Die Stadtverwaltung ist also über die Spots informiert. In Linden hat die Stadt drei Jahre gebraucht, um einen Antrag auf sechs größere Mülltonnen auf der Faustwiese umzusetzen. Ein beantragtes Nachtkonzept lehnt sie einfach ab.

Schöner Chillen. Große Müllcontainer in Dresden-Neustadt

Warum nicht einfach wie in Dresden an eine beliebte Wiese ein freundliches Schild und drei große Müllcontainer stellen? Auch dann bleibt noch etwas liegen, aber die große Menge an Verunreinigung wird so gebannt. Und die zig vollen Müllsäcke von Gustavs Sammeltruppe zeugen davon, dass das Zuständigkeitswirrwarr von Stadt Hannover und dem Abfallverband der Region Hannover zusätzlich zum Müllproblem beiträgt. Die Stadt steht zudem auf dem Standpunkt, bei privaten Versammlungen unter freiem Himmel handele es sich nicht im rechtlichen Sinne um Großveranstaltungen, also sei sie auch nicht richtig zuständig. Die „adressierten und genannten Konstellationen“ des Bezirksratsantrages seien nicht mit dem Maschseefest oder Schützenfest vergleichbar, deren Regelung hohen Anforderungen unterliegen, die „für den Bereich Linden-Nord und den sogenannten Party-Tourismus nicht in Betracht kommen“ (zum beantragten Nachkonzept und der Ablehnung der Stadt hier klicken).

Werbung für Linden, im Merian, in London, in Amsterdam

Dabei profitiert die Stadt von den Ausweichzonen der Feiernden. Stadtteile wie Linden machen die Stadt Hannover für junge Menschen attraktiv. In den Stadtbezirk Linden-Limmer kommen jährlich an die eine Million Gäste, eine großer Teil von außerhalb. Die Stadt Hannover selbst wirbt für Linden in den Niederlanden mit Großflächenplakaten für „geliefde buurten“ (angesagte Stadtteile) und im Merian wird der Stadtteil Linden als einer der lohnenswertesten Reiseziele für junge Leute hervorgehoben. Das ist harte Standortwährung und nicht einfach nur jugendlicher Zeitvertreib.

Bei einer Missachtung der Dynamik droht die positive Stimmung zu kippen und die Folgekosten sind ungleich höher, als geordnet Müll zu entsorgen und ein Nachtkonzept zu entwickeln.

Überforderte Mülleimer am Ihme-Ufer

Die Festivalisierung unserer Stadt ist kein neues Phänomen, weitet sich aber von Jahr zu Jahr aus. Lärm und Müll sind die Hauptthemen, dieses Jahr kommt noch die Ansteckungsgefahr durch das Corona-Virus hinzu. Für die Stadt Anlass genug, für ein paar Tage öffentlichkeitswirksam große Polizeipräsenz auf der Hauptpartyachse der Limmerstraße zu zeigen, auch wenn die Ansteckungsgefahr unter freiem Himmel als minimal eingeschätzt wird. Die Polizei und der städtische Ordnungsdienst sind sehr zufrieden mit ihrer Arbeit und auch die Partygäste seien einsichtig. „Der weitaus überwiegende Teil der Besucher hat sich einsichtig gezeigt, wenn auf Abstands- und Ruheregeln hingewiesen wurde“. Immerhin. Sie verkennen dabei aber völlig die Verlagerung der Szene in die Nebenstraßen und an die Flüsse und Kanäle. So wendig ist die Polizei in ihren schweren Fahrzeugen gar nicht, um den mikromobilen Jungendlichen folgen zu können. Musikboxen, Bierpong-Spiele und Klapp-Grill sind schnell verlagert. Leid tragende sind Anwohnerinnen und Anwohner, deren Wohnstraßen als Ausweichrouten dienen. In der Corona-Zeit ist so eine Art Räuber- und Gendarmspiel mit der Polizei entstanden. Wer erwischt wird, hat drakonische Strafen allein für das Zusammenstehen mit anderen zu bezahlen. 180 Euro für eine Versammlung pro Kopf, da ist das Taschengeld für die nächsten zehn Monate futsch. Also entstehen neue kreative Nutzungen des öffentlichen Raums. In England wird bereits von einer neuen Rave-Kultur tausender Jugendlicher an verbotenen Orten gesprochen. Dazu kommt die Blacklivesmatter-Bewegung aus den USA, mit der sie sich Jugendliche auch deshalb solidarisieren können, da sie merken, wie sie als Jugendliche und vor allem als migrantische männliche Jugendliche bewusst von der Polizei herausgepickt werden, während Erwachsene Abstandsregeln unbeschadet übertreten können. Der offensichtlich freie Zugriff auf persönliche Daten durch rechtsextreme Polizeibeamte und die rassistische Suche nach migrantischen Herkunftsidentitäten fördern zusätzlich Schritt für Schritt Gegenwehr gegen restriktive Polizeieinsätze. Das wird sichtbar bei den hannoverschen Bahnhofschillern, die ihre Pranks gegen Passanten und Ordungsmacht in das Internet stellen, und zeigt sich ebenso bei Solidarisierungsaktionen in Stuttgart, als ein Jugendlicher auf ein paar Krümel Cannabis untersucht wurde und sich daraufhin hunderte Jugendliche gegen die Polizei stellten.

Kiosk-Alkoholverbot auf der Schanze, Polizeihunde gegen Jugendliche in der Hasenheide, gezieltes Vorgehen gegen People of Colour am Opernplatz in Frankfurt. Die Zeitung Welt spricht von „neuen Barbaren“, die „T-Shirts von Valentino und Gürteltaschen von Gucci“ tragen und der sächsische Ministerpräsident fordert, „wir müssen unsere Werte, unsere Regeln bereits im Kleinen durchsetzen.“

Das erinnert an den Aufbruch der sogenannten Halbstarken der fünfziger Jahre gegen die kleinbürgerliche und autoritäre Gesellschaft. Heiko Geiling schrieb anlässlich einer Ausstellungseröffnung in der Landesbibliothek 2003 zur Entstehung der Halbstarken-Bewegung in Hannover: „In Zeitungsberichten der 50er-Jahre wurde nun der Typus des Halbstarken wie folgt definiert: männliche Jugendliche, verrückte Kleidung und Musik, Auftreten in Gruppen, lautstarkes Mopedfahren, Belästigen von Passanten, Provozieren von Autofahrern, Beleidigungen und Gewaltandrohungen gegenüber Polizeibeamten.“ Empört schrieb die Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 16.5.1953, wie angetrunkene Jugendliche es Himmelfahrt gewagt hätten, im Brunnen vor dem Hauptbahnhof ihre Füße zu waschen und letztlich im Beisein tausender Schaulustiger die Halbstarken mit Wasserwerfern verjagt worden seien. „Darüber hinaus hätten die Übeltäter Passanten angepöbelt, den Straßenverkehr behindert und Schlägereien provoziert. Die Polizei erscheint in der Berichterstattung dieses Ereignisses als Part der Ordnungsmacht und depersonalisierter, reagierender Akteur, der die Massen mit Hilfe von Wasserwerfern und Gummiknüppeln zerstreut und Verhaftungen vor­genommen habe. Am Ende habe die Ordnungsmacht dem Ausbruch der Gefühle erfolgreich Einhalt gebieten können, da nach Aussage der im Stil einer Kriegsberichterstattung verfassten Meldung letztendlich niemand verletzt worden sei“ (in: Vanessa Erstmann, Halbstark! Generationskonflikte in den 1950er Jahren in der Bundesrepublik).

Hart, realistisch, aktuell. Filmplakat 1956: Die Halbstarken

War es damals Rock’n Roll, ist es heute Rap und Insta. Corona ist dabei nur ein Kulminationspunkt einer bereits sichtbaren Bewegung. Nicht erst seit Fridays for Future und Black Lives Matter kommen in allen großen Städten abertausende junge Menschen zusammen. Bereits Occupy war ein Ausdruck einer großen Unzufriedenheit mit dem politischen Mainstream des Weiter so. Die junge Miliemniumskohorte ist unter der Oberfläche nachdenklicher als angenommen. Sie sei „ernster und besorgter“, wisse um die Gefahren der globalisierten und digitalisierten Welt, die „Skepsis gegenüber dem neoliberalen Wettbewerbsparadigma“ habe zugenommen, so die aktuelle Sinus-Jugendstudie.

Corona bringt die defizitäre Sicht auf Jugend, die fehlende Teilhabe an Wahlen und anderen gesellschaftlichen Entscheidungen viel stärker in das Bewusstsein junger Menschen. Corona verbindet unterschiedliche Strömungen und stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl. Dazu kommt die Überalterung der Gesellschaft und das sich damit weiter verschiebende Gewicht zugunsten der Alten und sehr Alten.

Wir Erwachsenen wären gut beraten, aus der Law-and-Order-Denke wieder in den Deeskalationsmodus zu wechseln und mit mehr Demokratie auch Wandel zugunsten der nachwachsenden Generation zu wagen. Denn Teilhabe und Ansprache wirkt integrativ, Härte hingegen erzeugt Gegenmacht.

Gustav und seine CleanUp-Freunde irritieren unser Schwarz-Weiß-Denken dankeswerter Weise. Wir sollten solche bunten Aktionen unterstützen. Der Oberbürgermeister unserer Partnerstadt Bristol, Marvin Rees, fördert übrigens das Potenzial junger Menschen seiner Stadt. Er gibt jedes Jahr eine Millionen Pfund für Nachbarschaftsaktive, die an den Ecken aufräumen, wo die städtische Müllabfuhr nicht hinkommt. In einem Stadtteil sind es Sikhs mit Turban, in einem anderen Schüler wie Gustav. Warum nicht auch eine finanzielle Anerkennung dieser Art in Hannover etablieren. Nachbarschaft schafft Verbindlichkeit, schafft Zufriedenheit.


Bezahltes Ehrenamt für mehr Sauberkeit in Bristol: „Möchten Sie dazu beitragen, die Straßen in Bristol sauber zu halten? Dann krempeln Sie die Ärmel hoch und engagieren Sie sich. Es ist einfach und lohnend.“

Der Beitrag wurde auch veröffentlicht im Lindenspiegel 8/2020

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