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Städtebauliche Maßnahmen können das Ihme-Zentrum voranbingen

Für das Ihme-Zentrum, Hannovers größte Leerstandsimmobilie, sieht die Stadt Hannover keine Handlungsperspektive ohne die Mitwirkung des Gewerbeeigentümers, der rund zwei Drittel der Gesamtflächen von 285.000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche hält. Eben dieser Großeigentümer zeigt aber wenig Neigung, auch nur die nötigsten Instandhaltungsmaßnahmen, geschweige denn Investitionen, zu unternehmen. Lediglich in den Verhandlungen zur Fortführung der Mietverträge mit der Stadt Hannover und den Stadtwerken macht der Gewerbeeigentümer die allernötigsten Zugeständnisse.

Diese Hängepartie ist vor allem für die über 2.000 Bewohnerinnen und Bewohner des Ihme-Zentrums und für auch für den Stadtbezirk Linden-Limmer äußerst prekär. Denn das Ihme-Zentrum verfällt zusehends, ohne dass ein Gesamtkonzept seitens des Mehrheitseigentümers noch der Stadt Hannover erkennbar wäre. Hinzu kommt ein von der Stadt Hannover erstelltes Gutachten, das als ein mögliches Szenario die Ketteninsolvenz aller rund 800 Einzeleigentümer darstellt. Wenn zunehmend weniger Parteien die größer werdenden Neben- und Instandsetzungskosten zu tragen haben, geraten die privat haftenden Eigentümer immer schneller an ihre Finanzierungsgrenzen.

Der Bezirksrat Linden-Limmer hatte deshalb zu Jahresbeginn auf Initiative des Bund Deutscher Architekten und der Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung unter Federführung der Grünen die Stadt Hannover vor dem Hintergrund der Nichttätigkeit des Mehrheitseigentümers aufgefordert, das Ihme-Zentrum und seine unmittelbar umgebende Infrastruktur mittels einer städtebaulichen Voruntersuchung auf Möglichkeiten der Sanierung hin zu prüfen (DS 15-2508/2015). Der Vorteil dieses städebaulichen Instruments ist u.a. die von unwilligen Eigentümern unabhängige Erstellung eines Gesamtkonzeptes.

Die Verwaltung der Stadt Hannover hat diesen Vorschlag vorerst abgelehnt, da sie nach wie vor auf die Mitwirkung der Eigentümer baut. Sie hält eine städtebauliche Voruntersuchung „für verfrüht, da bislang die Entwicklungsabsichten des neuen Investors noch zu unklar sind und sich eine eindeutige Haltung und Mitwirkungsbereitschaft der kompletten übrigen Eigentümerschaft ebenfalls nicht abzeichnet“ (15-2508/2015 S1).


Anhörung zur Situation des Ihme-Zentrums im Bezirksrat Linden-Limmer am 9.3.2016
Constantin Alexander (Bewohner des Ihmezentrums), Jürgen Oppermann (Vorsitz Verwaltungsbeirat), (Norbert Voltmer, Stellv. Bezirksbügermeister), Gerd Runge (Architekt)

Diese Einschätzung ist zweifelsohne nachvollziehbar, könnte aber auch zu dem entgegengesetzen Ergebnis führen, genau wegen der unklaren Entwicklungsabsichten eine eigene Perspektive mittels des Städtebaurechts zu erarbeiten. Damit würde die Stadt allerdings stärker in die Verantwortung und Handlungsrolle geraten, eine Option, die angesichts der großen Investitionsvulumina erhebliche Kostenriskiken birgt. Auf der anderen Seite ist in den Entwicklungsszenarien nicht gegengerechnet worden, welche Kollateralkosten auf die Stadt Hannover zukommen würden, wenn es zu der von ihr beschriebenen Ketteninsolvenz und dem Verfall des Ihme-Zentrums kommen sollte. Es läuft, sollte der Mehrheitseigentümer nicht doch noch investieren wollen, auf eine Loose-Loose-Situation hinaus. Entweder das Ihme-Zentrum verfällt weiter und die Stadt muss für Verkehrssicherungsmaßnahmen und weitere Auffanglösungen aufkommen oder sie subventioniert den Mehrheitseigentümer weiter mit Mietverträgen, für die sie heruntergekommene Büroräume erhält. Beide Optionen kosten viel Geld, ohne dass irgendeine Investition in die Bausubstanz getätigt wird.

Es wäre daher ratsam, neben den von der Stadt vorgelegten Szenarien jetzt mit einer städtebaulichen Voruntersuchung eine weitere Option auszuloten und nicht erst zu warten, bis wieder langjährige Mietverträge ausgehandelt sind und die nächste Krise das Objekt ereilt.

In einer Erklärung, die ich im Namen der Fraktion Bündnis90/Die Grünen auf der Bezirksratssitzung am 15.6.2016 abgegeben habe, fordern wir daher die Verwaltung der Stadt Hannover auf, im Ihme-Zentrum endlich auch die Instrumente des Baugesetzbuches einzusetzen.

Ihmezentrum Erklärung zur Drucksache 1367

Siehe auch:
Das Ihme-Zentrum – Ein starkes Stück Hannover
Das Ihme-Zentrum – Urbanes Zukunftsprojekt oder bürgerkriegsähnlicher Zustand?

 

 

 

Das Ihmezentrum – Urbanes Zukunftsprojekt oder bürgerkriegsähnlicher Zustand?

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIhmezentrum, Linden-Mitte, Hannover

Warum trauen wir uns nicht, offen um eine Lösung für das Ihme-Zentrum zu ringen? Wir befürchten, städtebauliche und sozialverträgliche Forderungen würden die wenigen Interessenten verschrecken.

Das Argument beraubt uns jedoch unseren Handlungsspielraum. Es unterbindet die öffentliche Diskussion um die Entwicklung des Ihme-Zentrums. Der Wettbewerb um die besten Ideen darf nicht erst beginnen, wenn die Immobilie vollkommen ruiniert ist und die öffentliche Hand dann unter Druck schnelle Entscheidungen treffen muss. Öffentliches Interesse muss bei einer Immobilie mit über 120.000 Quadratmetern Wohn- und Geschäftsfläche artikuliert werden. Wir brauchen für das Ihme-Zentrum wenigstens eine Idee einer städtebaulichen Sanierungsmaßnahme. Diese gesetzliche Maßnahme steckt den Rahmen der Sanierung ab und ermöglicht, städtebauliche Fördergelder einzuwerben.

Wir wollen nicht noch weitere Pokerpartien der Eigentürmerin, der Berliner Landesbank, abwarten, sondern gestalterisch in den Prozess eingreifen. Das Ihme-Zentrum muss aus der Stigmatisierungsspirale herausgeholt werden. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 3. September 2014 heißt es, das Ihmezentrum sei bundesweit bekannt als ein „heruntergekommenes Einkaufs-, Wohn- und Bürozentrum mitten in Hannover, das sich mittlerweile in einem fast schon bürgerkriegsähnlichen Zustand befindet.“ In Frankurt-Dietzenbach sind in den letzten fünfzehn Jahren fünf Hochäuser, das sogenannte Spessartviertel, in ähnlichem Zustand über das Verfahren der städtebaulichen Sanierung und mit Geldern aus dem Programm Soziale Stadt saniert worden. So eine Antwort erwarten wir in Hannover auch. Der Architekt Gerd Runge hat Vorschläge vorgelegt, wie durch Rückbau und Schneisen neue Funktionen entstehen können (vgl. www.madsack.de/uploads/media/ihmezentrum-haz.pdf). Warum nicht im Rahmen eines städtebaulichen Sanierungsprogramms an Umwandlung von Gewerbeeinheiten in Wohnraum denken? Die Zeit ist günstig, Wohnraum wird gesucht, wir brauchen gerade in den Innenstadtlagen neue Ideen für eine sozialverträgliche Stadtentwicklung.

betonbrut_01Fast wie am Ihmeufer: Ferienparadies an der Nordsee, Oostende, Belgien

Wer aber soll die Immobilie in die Hand nehmen? Machen uns doch nichts vor. Die letzte Zwangsversteigerung im Sommer dieses Jahres hat wieder einmal gezeigt, wie anonyme Strohleute mit Taschenspielertricks die Berliner Landesbank und auch die Menschen im Ihme-Zentrum, die um ihre Zukunft bangen, unter Druck setzen. Es wird kaum noch ein Käufer kommen, der mit vorsichtiger Hand dem Ihme-Zentrum wieder Leben einhaucht. Wenn sich jemand findet, dann ein knallharter Aufräumer, der die Interessen seines Fonds bedienen wird oder ein windiger Vertreter mit einer Limited im Gepäck. Wir haben doch die Erfahrungen mit Carlyle gemacht. Mindestens zehn Jahre hat diese Heuschrecke uns gekostet, Zeit die weg ist und die wir nicht noch einmal verschenken dürfen.

Schon beim Bau des Ihme-Zentrums haben die Bauherren tausende zusätzliche Quadratmeter während des Bauprojekts durchgedrückt. Die hochverdichtete Burg, die dadurch entstanden ist, war eine Konzession an die Investoren, die Stadt hat alles mitgemacht. Sie steht auch deshalb in der Verantwortung für eine echte Revitalisierung, sie muss das Heft des Handelns in die eigene Hand nehmen. Dazu gehört auch die Überlegung, als Akteur selber in das Geschäft einzusteigen. Was spricht dagegen, wenn die Stadt mit Hilfe von GBH, Stadtwerken und Sparkasse in ein innerstädtisches Zukunftsprojekt investiert? Es treibe die Preise am Markt hoch. Welche Preise? Das Ihme-Zentrum ist derzeit für nahezu null Euro zuzüglich Verfahrenskosten am Markt. Für eine öffentliche Beteiligung spricht die Notwendigkeit, heute zu einer gemeinwohlorientierten Wohnungspolitik zurückzusteuern, wie es Christian Klein, bau- und wohnungspolitischer Sprecher der Grünen, am 11. September 2014 in der Frankfurter Rundschau fordert. Ein verantwortungsvolles Investment in das Ihmezentrum kann in einer wachsenden Stadt sogar ausgesprochen rentabel sein, wie Beispiele aus Hamburg und Frankfurt zeigen (vgl. Handelsblatt 10.6.2014). Die Umwandlung von Stahlskelettbauten liegt 20 Prozent unter Neubaukosten. Die urbane Lage gibt es beim Ihme-Zentrum kostenlos dazu.  Lasst uns alle Varianten auf den Tisch bringen.

Siehe auch: Das Ihmezentrum – Ein starkes Stück Hannover