Author Archive for Gardemin

Die Preise für Straßenbahnen und Busse in Hannover sind zu hoch

haltestelle

Der Verkehrsmittelvergleich zeigt eklatante Schwächen bei den Öffis auf. Der öffentliche Nahverkehr in Hannover muss günstiger und innovativer werden.

In Hannover tut sich etwas. Die Menschen verändern ihr Verkehrsverhalten. Nach einer aktuellen Umfrage des Umweltbundesamtes wünschen sich 82 Prozent der Befragten, dass ihre Wohnorte so umgestaltet werden, dass man nicht mehr auf ein Auto angewiesen ist. Die Umstellung beginnt bereits im Alltag. Immer mehr Menschen nutzen das Fahrrad. Der Anteil an mit Fahrrädern zurückgelegten Strecken steigt kontinuierlich. In den letzten 15 Jahren hat sich der Verkehrsanteil des Fahrrads von 10 auf 20 Prozent am Verkehrsgesamtaufkommen verdoppelt.

Der innerstädtische Nahverkehr entwickelt sich leider nicht in gleichem Maße. Während die S-Bahnen mit der Zunahme von Berufspendler/innen deutlich Zuwächse verzeichnen, steigt das innerstädtische Verkehrsaufkommen unterdurchschnittlich. Zu den Gründen gibt es wenig belastbare Aussagen. Die hannoversche Verkehrsgesellschaft Üstra lässt sich zwar nach genormten Qualitätssicherungsverfahren zertifizieren und schneidet in Fahrgastbefragungen regelmäßig gut ab. Doch beziehen sich die Zertifikate eher auf die Technik und die Bestandskundschaft. Für neue Märkte ist noch kein richtiger Hebel gefunden.

Ein wesentliches Kriterium scheinen die hohen Fahrpreise zu sein. Diese rentieren sich für Berufsnutzer/innen mit Monatskarten und Menschen mit ausreichendem Einkommen ohne Mobilitätsalternativen. Für mittlere und niedrige Einkommensbezieher/innen hingegen sind Bahnen und Busse schlichtweg zu teuer. Für Fahrten bis zu 5 Kilometern einfache Wegstrecke wird das Fahrrad zunehmend das Verkehrsmittel der Wahl. Genau in diese Entfernung fallen die meisten Alltagswege außerhalb der Berufswege.

uestraBeispielrechnung öffentlicher Nahverkehr

Ein Test für eine typische Stadtfahrt offenbart, wie teuer eine Fahrt mit der Stadtbahn ist. Wir, zwei Erwachsene aus Linden-Nord, haben in einem Fachgeschäft am Südbahnhof einen Einkauf zu tätigen. Dieser ist zu schwer für unsere Fahrräder und es regnet. Also entscheiden wir uns für einen kombinierten Straßenbahn-Carsharing-Einkauf. Die Strecke von unserer Haustür in Linden bis zum Fachgeschäft in der Südstadt beträgt rund 5 Kilometer.

Die Hinfahrt beginnt um 8:19 an der Haltestelle Leinaustraße mit Umstieg am Hauptbahnhof und endet per Bus um 8:39 an der Haltestelle Heinrich-Heine-Straße in der Südstadt. Mit jeweils 5 Minuten Fußweg benötigen wir 30 Minuten. Für die Fahrkarten zahlen wir jeweils 2,60 Euro, also 5,20 Euro insgesamt. Mit unseren Kindern wären es 9,10 Euro. Dafür hätten wir fast Taxi fahren können, dann wären wir zumindest zwischen Haltestelle und Ziel nicht nass geworden.

Für die Rückfahrt nehmen wir das nächstgelegene Carsharing-Auto der Firma Stadtmobil. Das steht 5 Gehminuten entfernt in der Straße An der Weide. Mit 15 Autominuten kommen wir samt Gepäck wieder zu Hause an. Die Fahrt wird uns mit 2,21 Euro berechnet. Ein Fahrpreis, der auch bei einer Person günstiger als mit der Straßenbahn gewesen wäre. Da wir den etwas teureren Basis-Tarif beim Car-Sharer gebucht haben, fallen keine zusätzlichen Kosten an, wie Grundgebühr o.ä.
stadtmobilBeispielrechnung Carsharing

Zusammengefasst: Zeitlich gesehen ist die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in etwa vergleichbar, finanziell nicht. Für zwei Personen fallen mehr als doppelt so hohe Kosten an. Der öffentliche Nahverkehr kostet 5,20 Euro, das Carsharing-Auto 2,21 Euro.

Es ist sehr bedauerlich, dass stark subventionierte Verkehrsmittel, wie Straßenbahnen und Busse, preislich dennoch nicht mit Verkehrsalternativen mithalten können. Wir müssen davon ausgehen, dass Carsharing, alternative Taxisysteme, E-Bikes etc. weiter an Bedeutung zunehmen werden und der öffentliche Nahverkehr dadurch stark unter Druck gerät.

Es bedarf also innovativer Ideen im Verkehrsmix. In anderen Städten stehen an den Haltestellen bereits Leihräder, die mit kombinierten Fahrscheinen genutzt werden können. Auch sind Fahräder anderswo den gesamten Tag über in Straßenbahnen zugelassen, ein erheblicher Flexibilitätsvorteil, den Hannover nicht bietet. Die Üstra muss günstiger und flexibler werden, wenn sie nicht von anderen Verkehrsmitteln abgehängt werden möchte.

 

Atomkraftwerk Grohnde – ein Sicherheitsrisiko vor den Toren Hannovers

Kontrollraum

Das Atomkraftwerk Grohnde feiert in diesem Jahr sein 30. Betriebsjahr. Technisch ist es damit ein echter Oldtimer geworden, der sich mit einer historischen Plakette schmücken dürfte.

Leider ist das AKW auch so anfällig wie ein alter Opel Kadett. Es rostet, Dichtungen sind porös, es leckt hier und da, Notstromaggregate und Pumpen fallen aus. Die Technik aus dem analogen Zeitalter ist schrottreif. Kein anderer Meiler in Deutschland ist so störanfällig wie das von Eon in einer mitarbeiterreduzierten Abwicklungsgesellschaft betriebene AKW Grohnde.

Dennoch hat es noch eine Restlaufzeit bis 2021 zugestanden bekommen. Das ist unverantwortlich, sozusagen ein Spiel auf Risiko. Wir wollen keinen weiteren Störfall, keinen Ernstfall. Wir fordern daher: Grohnde sofort abschalten!

Hannover liegt in der unmittelbaren Nachbarschaft und in Hauptwindrichtung des Atomkraftwerks. Nur 42 Kilometer vom Lindener Marktplatz entfernt läuft das in die Jahre gekommene AKW. Das ist Marathondistanz, das heißt Grohnde ist in wenigen Stunden zu Fuß erreichbar. Im Ernstfall wäre Hannover in Kürze von einer radioaktiven Wolke erfasst. Dieses Szenario mag sich niemand vorstellen.

abschalten

Spätestens der Atomunfall in Fukushima hätte aber für Hannover zu Konsequenzen führen müssen. Bis heute besteht für den Ernstfall nur für den engsten Umkreis eines AKWs ein Handlungsszenario. Anders als in Japan haben wir hier aber keinen Wind, der auf das Meer hinausziehen kann. Es gilt im Ernstfall also schnell zu Handeln, vor allem in Windrichtung. Die paar vorgesehenen Jodtabletten wären viel zu spät bei der Bevölkerung.

Auch wenn es zu den unbequemen Wahrheiten gehört, bei Südwestwind müsste, wenn die Gesundheit der Bevölkerung nicht riskiert werden soll, der gesamte Ballungsraum zwischen Hameln, Hildesheim und Hannover von über einer Million Menschen evakuiert werden. Da dies unmöglich erscheint, wird es wohl eher zu unkontrollierter individueller Flucht kommen.

Einzig die Feuerwehr fühlt sich vorbereitet, zumindest auf Unfälle bei einem der zahlreichen Atomtransporte durch Hannover. Eine Anfrage der Grünen im Stadtbezirksrat Linden-Limmer ergab, dass sich der „Fachbereich Feuerwehr durch eine operativ-taktische und administrativ-organisatorische Führungskomponente“ gegen Atomunfälle im Stadtgebiet gewappnet sieht.

Es scheint, als hätten wir resigniert und uns mit den Restlaufzeiten abgefunden. Doch gerade die Unachtsamkeit der gewohnten Routine, gepaart mit dem Alter der verbliebenen Meiler und der Abkehr der Stromkonzerne von ihrer Verantwortung für die komplexe Technik und ihren Folgen, darf nicht zu einer leichtfertigen Abwicklung der verbleibenden Jahre führen.

Tschernobyl und Fukushima mahnen uns, der Forderung nach dem sofortigen Atomausstieg Nachdruck zu verleihen. Am 11. März 2015, 16-18 Uhr, laden wir in Linden zum vierten Jahrestag des Unglücks von Fukushima zu einer Mahnwache auf den Küchengartenplatz ein. Lasst uns unbequem bleiben, drängt Eure Abgeordnetinnen und Abgeordneten, das Thema nicht zu vernachlässigen, informiert Euren Freundeskreis, schließt Euch mit Aktionen an!

siehe auch: Wir machen unseren Strom selbst

Für eine offene Gesellschaft

wolkengraffitoBunt statt grau, Graffito Ottenstraße, Linden-Nord, Hannover

Laut Zeitungsmeldung (Neue Presse vom 22. Januar 2015) hat Ministerpräsident Weil vorgeschlagen, Deutschlandflaggen zur Demonstrationen gegen islamfeindliche Pegida-Aufmärsche mitzubringen. Gegen Pegida helfen aber keine verordneten Deutschlandfahnen. Mit nationalen Symbolen kann man kein Zeichen für eine offene Gesellschaft setzen. Wir sollten Pegida und Hagida, oder wie auch immer ressentimentgeladene Bewegungen heißen mögen, mit Argumenten begegnen.

Unser Argument lautet: Hannover ist eine offene Gesellschaft. Zur offenen Gesellschaft gehört auch die Abkehr vom Nationalismus und seinen Symbolen. Hagida und Pegida säen Hass gegen multinationale, offene und vielfältige Gesellschaften. Deutschland-Fahnen sind keine Antwort darauf, erst recht nicht auf einer Demo gegen neue Deutschtümelei. Hannovers Stadtgesellschaft setzt ohne nationale Symbole ein viel stärkeres Zeichen gegen Fremdenhass und Intoleranz. Wir brauchen keine verordneten Winkelemente, ein Meer von bunten Menschen ist uns lieber.

Siehe auch:
Hülya Feise wird mit dem Bundesverdienstorden ausgezeichnet
Vielfalt

Der Beitrag ist in ähnlichem Wortlaut als Pressemitteilung über den Grünen Stadtverband verschickt worden.

Limmerstraße – Deutschlands schnellste Fußgängerzone

FussgaengerzoneFußgängerzone Limmerstraße, Hannover-Linden

Nachdem sich die Limmerstraße bereits vor Jahren für den Titel der am stärksten befahrenen Fußgängerzone beworben hat, ist jetzt der nächste fragwürdige Titel in Sicht.

Die Limmerstraße in Hannover-Linden dürfte die schnellste Fußgängerstraße Deutschlands geworden sein. Busse und Bahnen drängen in der Fußgängerzone mit hohem Tempo an Fußgängern und Radfahrern vorbei, im Sog eilen Paketdienste und Lieferanten mit ihren großen Fahrzeugen durch die Menge. Dazwischen Taxen, Rettungsdienste, Anrainer.

Bewohner der Limmerstraße haben nun auf die sich häufenden kritischen Vorfälle aufmerksam gemacht. Daraus entstand die Entschleunigungs-Initiative „Tempo 15“, die von den Grünen in den Bezirksrat Linden-Limmer eingebracht wurde.

Wir stecken in einem Umdenkprozess, der stärker die Bedürfnisse der Menschen vor Ort als die funktionale Stadt ins Zentrum der Betrachtung rückt. Wohnen, Arbeit, Familie und Freizeit sollen miteinander in Beziehung stehen, ohne dass Schnelltrassen die Wege durchschneiden. Entschleunigung ist zu einem Begriff für ein neues Bewusstsein jenseits von Alttagsstress und durchreglementierter Berufswelt geworden. Die Cafés, der Bummel an den Läden entlang und das abendliche „Limmern“ führen dazu, in der Limmerstraße mehr als die reine Einkaufsfunktion zu sehen. Hier in Linden ist die Limmerstraße ein zentraler Ort, an dem der Wunsch nach Entschleunigung deutlich zu spüren ist. Die Fußgängerzone mit ihren inzwischen verblassten blauen Markierungen war die richtige Antwort auf diese Entwicklung. Über die Jahre ist aber deutlich geworden, dass die hohe Geschwindigkeit der Bahnen und Busse nicht mehr in das Gefüge der Fußgängerzone passen und als bedrohlich empfunden wird.

Eine Handmessung der Geschwindigkeit der Linie 10 zwischen Küchengarten und Leinaustraße hat einen Wert von 55 Sekunden für 400 Meter Strecke ergeben (Messpunkte Selmastraße bis Leinaustraße, exakt die Strecke, auf der überhaupt außerhalb der Haltestellenbereiche 30 km/h gefahren werden kann). Das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 20 km/h. Tempo 15 würde, auf die Strecke gerechnet, eine ca. 20 Sekunden längere Fahrzeit der Öffis bedeuten. Das müsste von den Fahrgästen in Kauf genommen werden, um eine Befriedung der Verkehrssituation in der Limmerstraße zu erreichen. Vielleicht hilft es auch den Bahn- und Busfahrerinnen und –fahrern, stressfreier durch die Fußgängerzone zu kommen.

Gerade dort, wo viele Menschen sind, müssen wir das Risiko durch schnellen Verkehr mindern. Der Wunsch nach schneller Zielerreichung darf nicht zu einem höheren Risiko der Verletzbarkeit führen. Vor allem alte Menschen, Sehbehinderte, Kinder sowie querende und abgelenkte Menschen sind gefährdet. Es ist leider nicht von der Hand zu weisen, dass insbesondere das schnelle Einfahren in die Haltestellenbereiche in Hannover immer wieder zu schweren Unfällen führt. Für eine Fußgängerzone muss die Vorsicht, die in jedem Haltestellenbereich gewährleistet sein sollte, auf der gesamten Länge gelten. Konsequent zu Ende gedacht, wäre dies ein Shared Sace mit Schrittgeschwindigkeit, wie vor dem Hauptbahnhof Hannover erfolgreich praktiziert. Oder Tempo 10, wie in Berlin am Alex.

Vor diesem Hintergrund sollte das geforderte Tempo 15 als akzeptabler Kompromiss zwischen zügiger Durchfahrt der Öffis und lebendiger Fußgängerzone erscheinen. Die Stadt ist aufgefordert zu handeln, bevor weitere Unfälle zu beklagen sind.

Dazu der Bericht in der Neuen Presse vom 9.11.2014:141109_np_tempo15

 

 

 

siehe auch:
Fahrradstadt Hannover
Nadelöhr Benno-Ohnesorg-Brücke
Niederflur – Chance für Hannovers Nahverkehr
Weltkulturerbe Hochbahnsteig

Keine Kürzung bei der Kinder- und Jugendarbeit

fahrradkindertransportKostbare Fracht, Marschnerstraße, Nordstadt, Hannover

Der Oberbürgermeister möchte in den nächsten vier Jahren 25 Millionen Euro für die Straßensanierung ausgeben. Der Kämmerer will den Haushalt konsolidieren, dafür sollen unter anderem 400.000 Euro für die Kinder- und Jugendarbeit eingespart werden. Wie passt das zusammen? Das Kernargument lautet, schnelles Handeln vermeidet größere Schäden. Wohl bemerkt bezieht sich dieses Argument nicht auf die Kinder- und Jugendarbeit, sondern auf den Straßenbelag!

h1gardemin Interview zum Thema auf h1, 23.10.2014

Es ist ein verheerendes Signal, das von dieser Haltung ausgeht. Geld aus der Kinder- und Jugendhilfe wird in die Straßensanierungen gesteckt. Diese Unverhältnismäßigkeit gilt übrigens auch für eine Reihe anderer Kürzungsmaßnahmen aus dem Haushaltskonsolidierungsprogramm. Der Griff in die Kasse der Jugendverbände ist aber der ungeeignete Versuch, bei einem Zweimilliarden-Haushalt mit Summen unterhalb des Promillebereichs eine schwarze Null erreichen zu wollen.

Wir wissen, dass das Einnahmeloch im städtischen Haushalt von großen Unternehmen stammt, die durch Verlustvorträge ihre Steuern zu schmälern und zu schieben versuchen. Auch weigert sich die Bundesregierung, die Kommunen an den sprudelnden Steuereinnahmen deutlicher zu beteiligen und ihnen damit einen Weg aus dem Schuldenloch zu weisen. Doch in dieser Konstellation ein dermaßen üppiges Straßensanierungsprogramm aufrecht erhalten zu wollen, untergräbt den Zusammenhalt in unserer Stadtgesellschaft. Eine einfache Lösung wäre es, die Straßensanierung abzuspecken und zeitlich zu strecken.

Flüchtlinge – Für eine sozialverträgliche Unterbringung in einer weltoffenen Stadt

unterkunfthainholzFlüchtlingsunterkunft Hainholz, Hannover
In einem offenen Brief wendet sich die Landtagsabgeordnete Thela Wernstedt (SPD) an die Ratspolitiker der Stadt Hannover. Es sei dem prekären Stadtbezirk Stöcken nicht zuzumuten, überproportional Flüchtlinge aufzunehmen. Ihre eigene Partei wirft ihr daraufhin unsolidarisches Verhalten gegenüber der Flüchtlingsnot und Förderung rechten Gedankengutes vor.
Ich möchte dagegenhalten: Wo sind wir denn hingekommen, wenn offensichtliche Schieflagen in der Stadtgesellschaft nicht benannt werden dürfen.
Nun mag bei Thela Wernstedts Streitbrief Form und Person manchem nicht gepasst haben. Doch wir sollten ernsthaft die Sachlage zur Kenntnis zu nehmen. Hannover ist eine Stadt, in der die Gesellschaft auseinanderzudriften droht. Jan Kuhnert, ehemaliger Chef der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GBH, hat jüngst auf einer grünen Veranstaltung darauf hingewiesen, welche Lasten einige Stadtteile zu tragen hätten. Die Stadtkarte der Sozialwohnungen gleicht einem Abbild der Einkommensunterschiede. Das ist unsolidarisch! Wenn wir nicht aufpassen, verstärken wir in der Flüchtlingsverteilung das Ungleichgewicht, statt es abzubauen.
Es geht längst nicht mehr um ein weniger in Stöcken, sondern um ein mehr in den wohlhabenden Vierteln im Osten der Stadt. In Hannover als weltoffener Stadt sollten alle ihren Beitrag zu einem sozialverträglichen Leben von Flüchtlingen und anderen Bedürftigen leisten.
belegrechteHannover – in West und Ost geteilte Ungleichheit, Quelle: Sozialbericht Hannover
Ausgrechnet zum hunderfünfzigsten Jubiläum der SPD rückt leider die Frage nach der gerechten Verteilung wieder in den Vordergrund – in einer Stadt, in der jeder vierte Bewohner an der Armutsgrenze lebt.
Auch die Stadtverwaltung kann in der Auswahl der Örtlichkeiten und bei ihrer Informationspolitik mithelfen. Es tut nicht gut, wenn Bewohner vor Ort erst am Tag der Ankunft von dem neuen Flüchtlingsheim erfahren. Wir haben in Linden mit der behutsamen Vorbereitung der Bevölkerung gute Erfahrungen gemacht. Die Hilfsbereitschaft ist überwältigend. Eine Geste übrigens, von der der Zusammenhalt unseres Stadtteils schon heute profitiert und die dauerhaft das Zusammenleben erleichtern hilft.
Siehe auch:

Das Ihmezentrum – Urbanes Zukunftsprojekt oder bürgerkriegsähnlicher Zustand?

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIhmezentrum, Linden-Mitte, Hannover

Warum trauen wir uns nicht, offen um eine Lösung für das Ihme-Zentrum zu ringen? Wir befürchten, städtebauliche und sozialverträgliche Forderungen würden die wenigen Interessenten verschrecken.

Das Argument beraubt uns jedoch unseren Handlungsspielraum. Es unterbindet die öffentliche Diskussion um die Entwicklung des Ihme-Zentrums. Der Wettbewerb um die besten Ideen darf nicht erst beginnen, wenn die Immobilie vollkommen ruiniert ist und die öffentliche Hand dann unter Druck schnelle Entscheidungen treffen muss. Öffentliches Interesse muss bei einer Immobilie mit über 120.000 Quadratmetern Wohn- und Geschäftsfläche artikuliert werden. Wir brauchen für das Ihme-Zentrum wenigstens eine Idee einer städtebaulichen Sanierungsmaßnahme. Diese gesetzliche Maßnahme steckt den Rahmen der Sanierung ab und ermöglicht, städtebauliche Fördergelder einzuwerben.

Wir wollen nicht noch weitere Pokerpartien der Eigentürmerin, der Berliner Landesbank, abwarten, sondern gestalterisch in den Prozess eingreifen. Das Ihme-Zentrum muss aus der Stigmatisierungsspirale herausgeholt werden. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 3. September 2014 heißt es, das Ihmezentrum sei bundesweit bekannt als ein „heruntergekommenes Einkaufs-, Wohn- und Bürozentrum mitten in Hannover, das sich mittlerweile in einem fast schon bürgerkriegsähnlichen Zustand befindet.“ In Frankurt-Dietzenbach sind in den letzten fünfzehn Jahren fünf Hochäuser, das sogenannte Spessartviertel, in ähnlichem Zustand über das Verfahren der städtebaulichen Sanierung und mit Geldern aus dem Programm Soziale Stadt saniert worden. So eine Antwort erwarten wir in Hannover auch. Der Architekt Gerd Runge hat Vorschläge vorgelegt, wie durch Rückbau und Schneisen neue Funktionen entstehen können (vgl. www.madsack.de/uploads/media/ihmezentrum-haz.pdf). Warum nicht im Rahmen eines städtebaulichen Sanierungsprogramms an Umwandlung von Gewerbeeinheiten in Wohnraum denken? Die Zeit ist günstig, Wohnraum wird gesucht, wir brauchen gerade in den Innenstadtlagen neue Ideen für eine sozialverträgliche Stadtentwicklung.

betonbrut_01Fast wie am Ihmeufer: Ferienparadies an der Nordsee, Oostende, Belgien

Wer aber soll die Immobilie in die Hand nehmen? Machen uns doch nichts vor. Die letzte Zwangsversteigerung im Sommer dieses Jahres hat wieder einmal gezeigt, wie anonyme Strohleute mit Taschenspielertricks die Berliner Landesbank und auch die Menschen im Ihme-Zentrum, die um ihre Zukunft bangen, unter Druck setzen. Es wird kaum noch ein Käufer kommen, der mit vorsichtiger Hand dem Ihme-Zentrum wieder Leben einhaucht. Wenn sich jemand findet, dann ein knallharter Aufräumer, der die Interessen seines Fonds bedienen wird oder ein windiger Vertreter mit einer Limited im Gepäck. Wir haben doch die Erfahrungen mit Carlyle gemacht. Mindestens zehn Jahre hat diese Heuschrecke uns gekostet, Zeit die weg ist und die wir nicht noch einmal verschenken dürfen.

Schon beim Bau des Ihme-Zentrums haben die Bauherren tausende zusätzliche Quadratmeter während des Bauprojekts durchgedrückt. Die hochverdichtete Burg, die dadurch entstanden ist, war eine Konzession an die Investoren, die Stadt hat alles mitgemacht. Sie steht auch deshalb in der Verantwortung für eine echte Revitalisierung, sie muss das Heft des Handelns in die eigene Hand nehmen. Dazu gehört auch die Überlegung, als Akteur selber in das Geschäft einzusteigen. Was spricht dagegen, wenn die Stadt mit Hilfe von GBH, Stadtwerken und Sparkasse in ein innerstädtisches Zukunftsprojekt investiert? Es treibe die Preise am Markt hoch. Welche Preise? Das Ihme-Zentrum ist derzeit für nahezu null Euro zuzüglich Verfahrenskosten am Markt. Für eine öffentliche Beteiligung spricht die Notwendigkeit, heute zu einer gemeinwohlorientierten Wohnungspolitik zurückzusteuern, wie es Christian Klein, bau- und wohnungspolitischer Sprecher der Grünen, am 11. September 2014 in der Frankfurter Rundschau fordert. Ein verantwortungsvolles Investment in das Ihmezentrum kann in einer wachsenden Stadt sogar ausgesprochen rentabel sein, wie Beispiele aus Hamburg und Frankfurt zeigen (vgl. Handelsblatt 10.6.2014). Die Umwandlung von Stahlskelettbauten liegt 20 Prozent unter Neubaukosten. Die urbane Lage gibt es beim Ihme-Zentrum kostenlos dazu.  Lasst uns alle Varianten auf den Tisch bringen.

Siehe auch: Das Ihmezentrum – Ein starkes Stück Hannover

Hülya Feise wird mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet!

patentFassadenbild Velberstraße, Linden-Nord, Hannover

Hülya kommt aus Linden, ihr Orden ist auch eine große Ehre für unseren Stadtteil!
Hülya setzt sich mit ihrem Projekt gEMiDe unermüdlich dafür ein, Migrantinnen und Migranten mehr Teilhabe zu ermöglichen. Teilhabe bedeutet, in allen Belangen partizipieren zu wollen und partizipieren zu können. Teilhabe ist der Schlüssel für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Teilhabe verleiht Selbstvertrauen, Anerkennung, Selbstbestimmung. Hülya: „Wenn ein Schiff kein Ziel hat, kann kein noch so frischer Wind ihm helfen“ (www.gemide.org).

Hülya hat die Botschaft bis zum Bundespräsidenten getragen. Das ist nicht selbstverständlich. Nur dreißig Prozent der Orden gehen an Frauen, eine öffentliche Statistik über verliehene Bundesverdienstkreuze für Migranten existiert erst gar nicht. Migrantinnen wie Hülya sind die Pioniere einer offenen multikulturellen Gesellschaft. Herzlichen Glückwunsch an Hülya!

Siehe auch: Vielfalt

Guerilla Gardening erobert die Stadt

urbangardening_00Dornröschenbrücke, Linden-Nord, Hannover

Immer häufiger sehen wir, wie Straßenraum phantasievoll begrünt wird. Blumenampeln hängen in den Bäumen, kleine freie Flächen werden mit Blumenkästen zu Minioasen zwischen Autos und Fahrrädern. Manchmal sprießen einfach Wildblumen auf kleinen Rasenresten. Dahinter steckt nicht die Stadtverwaltung, sondern Menschen, für die Straßen nicht nur funktionale Verkehrswege sind. Sie sind Teil einer Graswurzelbewegung, die mehr Grün in die Stadt tragen möchte. Das liebevolle Gärtnern vor der Haustür oder gezielt geworfene Blumensamen, sogenannten Saatbomben, sind die Waffen der Guerilleros. Das Begrünen ist zwar nicht erlaubt, da Pflanztröge oder Bewuchs Gefahren für die reibungslose Abwicklung des Verkehrs darstellen. Doch gerade der Widerstand gegen die ungerechte Verteilung von öffentlichem Raum und die sanfte Wahl der Mittel macht das Guerilla Garding so attraktiv. Wer kann schon etwas gegen ein paar Blumen haben? Richard Reynolds betont die politische Ebene des urbanen Gärtnerns gegen die Machtverhältnisse: „Guerilla Gardeming ist eine Schlacht, in der die Blumen die Munition sind (Reynolds 2009: Guerilla Gardening, Ein botanisches Manifest, S. 12).

urbangardening_02
gesehen in der Pestalozzistraße, Linden-Nord, Hannover

In der Pestalozzistraße in Linden-Nord sind mehrere Bäume umgärtnert worden. Das Foto zeigt eindrucksvoll die Kraft des Guerilla Gardenings. Inspiriert davon, habe ich ein kleines Kunstwerk an unserem Patenbaum in der Nedderfeldstraße gehängt. Nachahmung erwünscht!

urbangardening_03
Kunst im Baum, Nedderfeldstraße, Linden-Nord, Hannover

siehe auch: Palettengärten in Linden-Nord
siehe auch: Baumpatenschaften

Vielfalt und Teilhabe halten unseren Kiez zusammen

VielfaltSirin Supermarkt, Limmerstraße, Linden-Nord, Hannover

Menschen mit Migrationshintergrund, was für ein Wortungetüm. Haben wir es nötig, extra eine Schublade für Migrantinnen und Migranten aufzumachen? Für erkennungsdienstliche Zwecke und Presseberichte wird das Raster missbräuchlich eingesetzt. Wir brauchen keine Informationen, die unsere Gesellschaft spalten wollen. Für das Verständnis von Vielfalt und die Analyse sozialer Ungleichheit ist die analytische Trennung aber in etwa genauso wichtig wie die Indikatoren Geschlecht, Alter, Bildung und Einkommen.

In Linden und Limmer leben wir seit Jahrzehnten in multikulturellen Nachbarschaften. Inzwischen prägt die dritte Generation unsere Stadtteile. Sie sind längst keine Ausländer mehr, auch keine Migrationshintergründler, sie sind ein Teil von Linden und Limmer geworden.

Wie Teilhabe funktionieren kann, haben wir in einer Studie aufgezeigt, die die spezifische Situation der sozialen Milieus in drei typischen Einwandererregionen Niedersachsens beleuchtet, Hannover, Salzgitter, Cloppenburg:

Frontcover

Heiko Geiling, Daniel Gardemin, Stephan Meise, Andrea König 2011: Migration – Teilhabe – Milieus. Spätaussiedler und türkeistämmige Deutsche im sozialen Raum, VS-Verlag Wiesbaden.