Flüchtlinge – Für eine sozialverträgliche Unterbringung in einer weltoffenen Stadt

unterkunfthainholzFlüchtlingsunterkunft Hainholz, Hannover
In einem offenen Brief wendet sich die Landtagsabgeordnete Thela Wernstedt (SPD) an die Ratspolitiker der Stadt Hannover. Es sei dem prekären Stadtbezirk Stöcken nicht zuzumuten, überproportional Flüchtlinge aufzunehmen. Ihre eigene Partei wirft ihr daraufhin unsolidarisches Verhalten gegenüber der Flüchtlingsnot und Förderung rechten Gedankengutes vor.
Ich möchte dagegenhalten: Wo sind wir denn hingekommen, wenn offensichtliche Schieflagen in der Stadtgesellschaft nicht benannt werden dürfen.
Nun mag bei Thela Wernstedts Streitbrief Form und Person manchem nicht gepasst haben. Doch wir sollten ernsthaft die Sachlage zur Kenntnis zu nehmen. Hannover ist eine Stadt, in der die Gesellschaft auseinanderzudriften droht. Jan Kuhnert, ehemaliger Chef der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GBH, hat jüngst auf einer grünen Veranstaltung darauf hingewiesen, welche Lasten einige Stadtteile zu tragen hätten. Die Stadtkarte der Sozialwohnungen gleicht einem Abbild der Einkommensunterschiede. Das ist unsolidarisch! Wenn wir nicht aufpassen, verstärken wir in der Flüchtlingsverteilung das Ungleichgewicht, statt es abzubauen.
Es geht längst nicht mehr um ein weniger in Stöcken, sondern um ein mehr in den wohlhabenden Vierteln im Osten der Stadt. In Hannover als weltoffener Stadt sollten alle ihren Beitrag zu einem sozialverträglichen Leben von Flüchtlingen und anderen Bedürftigen leisten.
belegrechteHannover – in West und Ost geteilte Ungleichheit, Quelle: Sozialbericht Hannover
Ausgrechnet zum hunderfünfzigsten Jubiläum der SPD rückt leider die Frage nach der gerechten Verteilung wieder in den Vordergrund – in einer Stadt, in der jeder vierte Bewohner an der Armutsgrenze lebt.
Auch die Stadtverwaltung kann in der Auswahl der Örtlichkeiten und bei ihrer Informationspolitik mithelfen. Es tut nicht gut, wenn Bewohner vor Ort erst am Tag der Ankunft von dem neuen Flüchtlingsheim erfahren. Wir haben in Linden mit der behutsamen Vorbereitung der Bevölkerung gute Erfahrungen gemacht. Die Hilfsbereitschaft ist überwältigend. Eine Geste übrigens, von der der Zusammenhalt unseres Stadtteils schon heute profitiert und die dauerhaft das Zusammenleben erleichtern hilft.
Siehe auch:

Das Ihmezentrum – Urbanes Zukunftsprojekt oder bürgerkriegsähnlicher Zustand?

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIhmezentrum, Linden-Mitte, Hannover

Warum trauen wir uns nicht, offen um eine Lösung für das Ihme-Zentrum zu ringen? Wir befürchten, städtebauliche und sozialverträgliche Forderungen würden die wenigen Interessenten verschrecken.

Das Argument beraubt uns jedoch unseren Handlungsspielraum. Es unterbindet die öffentliche Diskussion um die Entwicklung des Ihme-Zentrums. Der Wettbewerb um die besten Ideen darf nicht erst beginnen, wenn die Immobilie vollkommen ruiniert ist und die öffentliche Hand dann unter Druck schnelle Entscheidungen treffen muss. Öffentliches Interesse muss bei einer Immobilie mit über 120.000 Quadratmetern Wohn- und Geschäftsfläche artikuliert werden. Wir brauchen für das Ihme-Zentrum wenigstens eine Idee einer städtebaulichen Sanierungsmaßnahme. Diese gesetzliche Maßnahme steckt den Rahmen der Sanierung ab und ermöglicht, städtebauliche Fördergelder einzuwerben.

Wir wollen nicht noch weitere Pokerpartien der Eigentürmerin, der Berliner Landesbank, abwarten, sondern gestalterisch in den Prozess eingreifen. Das Ihme-Zentrum muss aus der Stigmatisierungsspirale herausgeholt werden. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 3. September 2014 heißt es, das Ihmezentrum sei bundesweit bekannt als ein „heruntergekommenes Einkaufs-, Wohn- und Bürozentrum mitten in Hannover, das sich mittlerweile in einem fast schon bürgerkriegsähnlichen Zustand befindet.“ In Frankurt-Dietzenbach sind in den letzten fünfzehn Jahren fünf Hochäuser, das sogenannte Spessartviertel, in ähnlichem Zustand über das Verfahren der städtebaulichen Sanierung und mit Geldern aus dem Programm Soziale Stadt saniert worden. So eine Antwort erwarten wir in Hannover auch. Der Architekt Gerd Runge hat Vorschläge vorgelegt, wie durch Rückbau und Schneisen neue Funktionen entstehen können (vgl. www.madsack.de/uploads/media/ihmezentrum-haz.pdf). Warum nicht im Rahmen eines städtebaulichen Sanierungsprogramms an Umwandlung von Gewerbeeinheiten in Wohnraum denken? Die Zeit ist günstig, Wohnraum wird gesucht, wir brauchen gerade in den Innenstadtlagen neue Ideen für eine sozialverträgliche Stadtentwicklung.

betonbrut_01Fast wie am Ihmeufer: Ferienparadies an der Nordsee, Oostende, Belgien

Wer aber soll die Immobilie in die Hand nehmen? Machen uns doch nichts vor. Die letzte Zwangsversteigerung im Sommer dieses Jahres hat wieder einmal gezeigt, wie anonyme Strohleute mit Taschenspielertricks die Berliner Landesbank und auch die Menschen im Ihme-Zentrum, die um ihre Zukunft bangen, unter Druck setzen. Es wird kaum noch ein Käufer kommen, der mit vorsichtiger Hand dem Ihme-Zentrum wieder Leben einhaucht. Wenn sich jemand findet, dann ein knallharter Aufräumer, der die Interessen seines Fonds bedienen wird oder ein windiger Vertreter mit einer Limited im Gepäck. Wir haben doch die Erfahrungen mit Carlyle gemacht. Mindestens zehn Jahre hat diese Heuschrecke uns gekostet, Zeit die weg ist und die wir nicht noch einmal verschenken dürfen.

Schon beim Bau des Ihme-Zentrums haben die Bauherren tausende zusätzliche Quadratmeter während des Bauprojekts durchgedrückt. Die hochverdichtete Burg, die dadurch entstanden ist, war eine Konzession an die Investoren, die Stadt hat alles mitgemacht. Sie steht auch deshalb in der Verantwortung für eine echte Revitalisierung, sie muss das Heft des Handelns in die eigene Hand nehmen. Dazu gehört auch die Überlegung, als Akteur selber in das Geschäft einzusteigen. Was spricht dagegen, wenn die Stadt mit Hilfe von GBH, Stadtwerken und Sparkasse in ein innerstädtisches Zukunftsprojekt investiert? Es treibe die Preise am Markt hoch. Welche Preise? Das Ihme-Zentrum ist derzeit für nahezu null Euro zuzüglich Verfahrenskosten am Markt. Für eine öffentliche Beteiligung spricht die Notwendigkeit, heute zu einer gemeinwohlorientierten Wohnungspolitik zurückzusteuern, wie es Christian Klein, bau- und wohnungspolitischer Sprecher der Grünen, am 11. September 2014 in der Frankfurter Rundschau fordert. Ein verantwortungsvolles Investment in das Ihmezentrum kann in einer wachsenden Stadt sogar ausgesprochen rentabel sein, wie Beispiele aus Hamburg und Frankfurt zeigen (vgl. Handelsblatt 10.6.2014). Die Umwandlung von Stahlskelettbauten liegt 20 Prozent unter Neubaukosten. Die urbane Lage gibt es beim Ihme-Zentrum kostenlos dazu.  Lasst uns alle Varianten auf den Tisch bringen.

Siehe auch: Das Ihmezentrum – Ein starkes Stück Hannover

Hülya Feise wird mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet!

patentFassadenbild Velberstraße, Linden-Nord, Hannover

Hülya kommt aus Linden, ihr Orden ist auch eine große Ehre für unseren Stadtteil!
Hülya setzt sich mit ihrem Projekt gEMiDe unermüdlich dafür ein, Migrantinnen und Migranten mehr Teilhabe zu ermöglichen. Teilhabe bedeutet, in allen Belangen partizipieren zu wollen und partizipieren zu können. Teilhabe ist der Schlüssel für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Teilhabe verleiht Selbstvertrauen, Anerkennung, Selbstbestimmung. Hülya: „Wenn ein Schiff kein Ziel hat, kann kein noch so frischer Wind ihm helfen“ (www.gemide.org).

Hülya hat die Botschaft bis zum Bundespräsidenten getragen. Das ist nicht selbstverständlich. Nur dreißig Prozent der Orden gehen an Frauen, eine öffentliche Statistik über verliehene Bundesverdienstkreuze für Migranten existiert erst gar nicht. Migrantinnen wie Hülya sind die Pioniere einer offenen multikulturellen Gesellschaft. Herzlichen Glückwunsch an Hülya!

Siehe auch: Vielfalt

Guerilla Gardening erobert die Stadt

urbangardening_00Dornröschenbrücke, Linden-Nord, Hannover

Immer häufiger sehen wir, wie Straßenraum phantasievoll begrünt wird. Blumenampeln hängen in den Bäumen, kleine freie Flächen werden mit Blumenkästen zu Minioasen zwischen Autos und Fahrrädern. Manchmal sprießen einfach Wildblumen auf kleinen Rasenresten. Dahinter steckt nicht die Stadtverwaltung, sondern Menschen, für die Straßen nicht nur funktionale Verkehrswege sind. Sie sind Teil einer Graswurzelbewegung, die mehr Grün in die Stadt tragen möchte. Das liebevolle Gärtnern vor der Haustür oder gezielt geworfene Blumensamen, sogenannten Saatbomben, sind die Waffen der Guerilleros. Das Begrünen ist zwar nicht erlaubt, da Pflanztröge oder Bewuchs Gefahren für die reibungslose Abwicklung des Verkehrs darstellen. Doch gerade der Widerstand gegen die ungerechte Verteilung von öffentlichem Raum und die sanfte Wahl der Mittel macht das Guerilla Garding so attraktiv. Wer kann schon etwas gegen ein paar Blumen haben? Richard Reynolds betont die politische Ebene des urbanen Gärtnerns gegen die Machtverhältnisse: „Guerilla Gardeming ist eine Schlacht, in der die Blumen die Munition sind (Reynolds 2009: Guerilla Gardening, Ein botanisches Manifest, S. 12).

urbangardening_02
gesehen in der Pestalozzistraße, Linden-Nord, Hannover

In der Pestalozzistraße in Linden-Nord sind mehrere Bäume umgärtnert worden. Das Foto zeigt eindrucksvoll die Kraft des Guerilla Gardenings. Inspiriert davon, habe ich ein kleines Kunstwerk an unserem Patenbaum in der Nedderfeldstraße gehängt. Nachahmung erwünscht!

urbangardening_03
Kunst im Baum, Nedderfeldstraße, Linden-Nord, Hannover

siehe auch: Palettengärten in Linden-Nord
siehe auch: Baumpatenschaften

Vielfalt und Teilhabe halten unseren Kiez zusammen

VielfaltSirin Supermarkt, Limmerstraße, Linden-Nord, Hannover

Menschen mit Migrationshintergrund, was für ein Wortungetüm. Haben wir es nötig, extra eine Schublade für Migrantinnen und Migranten aufzumachen? Für erkennungsdienstliche Zwecke und Presseberichte wird das Raster missbräuchlich eingesetzt. Wir brauchen keine Informationen, die unsere Gesellschaft spalten wollen. Für das Verständnis von Vielfalt und die Analyse sozialer Ungleichheit ist die analytische Trennung aber in etwa genauso wichtig wie die Indikatoren Geschlecht, Alter, Bildung und Einkommen.

In Linden und Limmer leben wir seit Jahrzehnten in multikulturellen Nachbarschaften. Inzwischen prägt die dritte Generation unsere Stadtteile. Sie sind längst keine Ausländer mehr, auch keine Migrationshintergründler, sie sind ein Teil von Linden und Limmer geworden.

Wie Teilhabe funktionieren kann, haben wir in einer Studie aufgezeigt, die die spezifische Situation der sozialen Milieus in drei typischen Einwandererregionen Niedersachsens beleuchtet, Hannover, Salzgitter, Cloppenburg:

Frontcover

Heiko Geiling, Daniel Gardemin, Stephan Meise, Andrea König 2011: Migration – Teilhabe – Milieus. Spätaussiedler und türkeistämmige Deutsche im sozialen Raum, VS-Verlag Wiesbaden.

Die Radwegebenutzungspflicht behindert die Entwicklung des Radverkehrs

 

FahrradwegendeFahrradweg in die Sackgasse, Engesohde, Südstadt, Hannover

Das Verwaltungsgericht Hannover hat am 24. April 2014 einem Kläger Recht gegeben, der sich von der Stadt Hildesheim gezwungen sah, auf einem unzureichenden Fahrradstreifen fahren zu müssen (Aktenzeichen 7 A 5659/13). Dieses Urteil stellt einmal mehr die Radwegebenutzungspflicht in Frage.

Die Radwegebenutzungspflicht wird mit Hilfe von blauen Verkehrsschildern dort eingesetzt, wo Autofahrende durch Fahrräder auf der Straße in ihrem Verkehrsfluss gestört werden könnten. Folge ist der Zwang für Radfahrende, die Straße zu verlassen und dann auf häufig unzureichenden Radwegen in Konkurrenz zum Fußweg ausgebremst zu werden. Wer dem blauen Schild nicht folgt, setzt sich ins Unrecht.

Mit der Zunahme des Radverkehrs verschärft sich diese Ungleichheit zwischen Rad- und Autoverkehr. Nur mit der Aufhebung der Radwegebenutzungspflicht lässt sich Gleichheit, Flexibilität in der Flächennutzung und mehr Sicherheit erreichen.

Wenn die schnelleren FahrradfahrerInnen auf die Straße ausweichen können, entsteht mehr Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmende. Selbst die Bundesanstalt für Straßenwesen weist darauf hin. Für FußgängerInnen und Kinder entstehen mehr Raum und weniger Gefahren durch die Verlagerung des schnellen Radverkehrs auf die Straße. RadfahrererInnen werden für den Autoverkehr sichtbarer. Vor allem die vielen Unfälle mit Verletzungsfolgen für RadfahrInnen durch falsches Abbiegeverhalten von Kraftfahrzeugen werden zurückgehen. Dass dies kein Wunschdenken ist, zeigen Beispiele aus Kommunen, die die Radwegebenutzungspflicht aufgehoben haben.

fahrrad_01
Flying Dutchman, Offensteinstraße, Linden-Nord, Hannover

Radfahren ist in den Ballungszentren schon heute gleich schnell wie der Autoverkehr. Ein Grund mehr, die Straße konsequent für den Fahrradverkehr zu öffnen. Die Vielfalt des Fahrradverkehrs von Alttagsradelnden, Berufsradelnden, E-Bikern, Rennradfahrenden, Lastenfahrzeugen, Ganzjahresradlenden und LernanfängerInnen erfordert eine neue Aufteilung der städtischen Wegeflächen unter den VerkehrsteilnehmerInnen.

Wir brauchen eine neue Kultur des Respekts füreinander im Straßenverkehr. Nur eine Gleichberechtigung von Fahrrädern und Kraftfahrzeugen auf der Straße fördert die gegenseitige Rücksichtnahme.

Peter Trinks, Verkehrsexperte der Polizei Hannover, unterstützt diese Forderung: „Dann gelangen die Radler ins Sichtfeld der Autofahrer“, so sein Kommentar in der HAZ vom 15. März 2014.

Siehe auch blog.gardemin/verkehr

Wir brauchen eine verbindliche Quote von preiswertem Wohnraum

wohncafeCafe Bohne, Limmerstraße, Linden-Nord, Hannover

Hannover wächst so stark wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Da ist es nur konsequent, wenn Investoren Gewerbe in Wohnungen umwandeln wollen. Der geplante Umbau des Bredero-Hochhauses in der Innenstadt soll hier einen prominenten Anfang machen. Das Ihme-Zentrum, die Bestandsbauten auf der Conti-Brache in Limmer und andere leer stehende Gewerbeimmobilien könnten diesem Beispiel folgen. Gleichwohl irritiert die Aussage unseres Stadtbaurats Bodemann in der Hannoverschen Allgemeinen vom 3.3.2014, man wolle den Investor nicht zu günstigem Wohnraum verpflichten. Eigentlich müsste ja 25 Prozent preiswerter Wohnraum gefordert werden. Bei Bredero bestünde aber die Gefahr, den Investor zu verprellen.

Neubau auf Bunker, Ottenstraße, Linden-Nord, Hannover (Foto: Daniel Gardemin)
Neubau auf Bunker, Ottenstraße/Pfarrlandplatz, Linden-Nord, Hannover

Wer solche Ausnahmen zulässt, verschärft den Preisdruck am Wohnungsmarkt. Wir haben in den letzten fünfzehn Jahren fast die Hälfte aller Sozialwohnungen in Hannover verloren. Gleichzeitig steigen die Mietpreise und die Wohnungsleerstände sinken auf Tiefstwerte. Viele Menschen finden heute schon keine günstigen Wohnungen mehr. Wenn der Zuzug weiter zunimmt und der soziale Wohnungsbau den Rückgang von alten Sozialwohnungen nicht kompensiert, droht aus einem ausgewogenen Wohnungsmarkt ein Hannover der Wohnungsnot zu werden. München und andere Städte machen es vor und lassen sich ihre sozialpolitischen Vorgaben nicht mehr abhandeln. Wir brauchen in Hannover bei jedem Wohnungsneubau eine verbindliche Quote von preiswertem Wohnraum. Ohne Ausnahme.

Siehe auch:

Diskussionspapier Wohnen

Daniel Gardemin – Großstadt im Wandel. Plädoyer für eine neue Wohnungspolitik (erschienen in SPW, Heft 198, Ausgabe 5, 2013, S.23-28)

blog.gardemin/wohnen

blog.gardemin/stadtteildialog/gentrifizierung

Nadelöhr Benno-Ohnesorg-Brücke

BOBBitte absteigen, Benno-Ohnesorg-Brücke, Linden-Mitte, Hannover

Der größte Brückenneubau Hannovers zeigt sich heute als Schildbürgerstreich für Fahrradfahrer. Wo vorher Radstreifen auf der Fahrbahn eine zügige Überquerung der Brücke ermöglichten, enden heute Fahrradwege im Nichts. Enge nutzungspflichtige Doppelrichtungsradwege provozieren gefährliche Begegnungen zwischen Radfahrenden und Fußgängern. Das Ausweichen auf die Fahrbahn setzt Radler ins rechtliche Abseits.

Das Bauderzernat hat mir am 25. Juni 2013 auf meine Anfrage hin mitgeteilt: Mit der Aufhebung der Radwegebenutzungspflicht an der Benno-Ohnesorg-Brücke entstünden „erhebliche Einbußen am Knotenpunkt Humboldtstraße“ und die „Engstelle von 2,43 m“ am Capitol für den kombinierten Rad- und Fußweg sei zwar unterhalb der vorgeschriebenen Mindestbreite, rechtlich aber einwandfrei.

Im Klartext: Der Autoverkehr hat grundsätzlich Vorrang und bei Neubauten von Fahrradwegen setzt sich die Stadt auch über Mindestbreiten hinweg.

Eine Dokumentation findet sich hier:

Das Verschwinden der Fahrradwege (Juni 2013)

Hannover wächst

RackebrandtGaststätte Rackebrandt, Brauhofstraße, Linden-Mitte, Hannover

Die Bürgerinitiative „Limmer für Immer“ schreibt einen offenen Brief an den Oberbürgermeister. Sie befürchtet, die Stadt wolle mit einer starken Verdichtung alle Wohnprobleme auf einen Schlag im Stadtteil Limmer lösen. Dabei stößt die Bürgerinitiative auf Ungereimtheiten in der Bevölkerungsstatistik. Durch eine statistische Korrektur im Rahmen der Volkszählung 2011 sieht es tatsächlich so aus, als schrumpfe die Bevölkerung Hannovers. Das Gegenteil ist aber der Fall.

Durch die Volkszählung 2011 sind die Einwohnerzahlen um rund 10.500 Personen nach unten korrigiert worden. Daher das Missverständnis. Tatsächlich haben wir aber eine steile Bevölkerungsentwicklung nach oben, darauf habe ich in meinem Wohnpapier Juni letzten Jahres bereits aufmerksam gemacht:

-> Diskussionspapier Wohnen

Die Stadt hat das lange nicht wahrhaben wollen. Erst mit der jüngsten Veröffentlichung der Bevölkerungszahlen für das Jahr 2013 kommt nun Torschlusspanik auf. Um rund 5.000 Menschen ist Hannover größer geworden, 1 Prozent Bevölkerungszuwachs in einem Jahr. Wohnungen und Schulen müssen jetzt plötzlich ganz schnell gebaut werden. Hätten die Statistiker genauer ihre eigenen Daten beobachtet, wäre die Bevölkerungsentwicklung nicht verborgen geblieben. Das Pestel-Institut hatte diese Kritik auch geübt. In den letzten drei Jahren ist Hannover um 13.853 Einwohner brutto gewachsen (seit 1.1.2011). Die Stadt selbst ging in einer für das Wohnkonzept 2025 gefertigten Prognose von 13.000 Menschen bis 2025 aus. Die Excel-Grafik unten zeigt den Unterschied. Wie es weitergeht wissen wir nicht. Aber zum Vergleich: Frankfurt, mit 687.000 Einwohnern größer als Hannover, wuchs letztes Jahr um 13.000 Einwohner, 2 Prozent Zuwachs in nur einem Jahr.

Bevoelkerungsbarometer

Eigene Ableitung der Bevölkerungsentwicklung Hannovers, Quelle: Daniel Gardemin, 2/2014

Siehe auch:
blog.gardemin/wohnen
blog.gardemin/wohnen/gentrifizierung

Ein neues Stadtviertel entsteht – Die Wasserstadt Limmer

WasserstadtLeineufer, Hannover

Die Wasserstadt Limmer wird ein neuer Stadtteil im Nordwesten Hannovers. Auf der Brache der fast vollständig abgerissenen Industrieanlagen der Continental AG in Limmer entstehen über 2.000 Häuser für bis zu 5.000 Bewohner, eine Grundschule, ein Gymnasium, Kindertagesstätten und Einkaufsmöglichkeiten.

Die Lage zwischen Leineauen und Kanälen ist äußerst attraktiv für urbanes Wohnen.

Der von der Stadtverwaltung vorgelegte Planungsentwurf traf die Bewohner des Stadtteils jedoch unvorbereitet. Bis dahin waren sie von einer Bebauung mit 600 Einfamilienhäusern ausgegangen, die Sanierungskommission Limmer war vollkommen übergangen worden.

Auf Antrag der grünen Fraktion beschloss der Stadtbezirksrat Linden-Limmer, eine Bürgerbeteiligung und Anwaltsplanung zu fordern. Mit der Anwaltsplanung, in der Fachleute die Interessen der Menschen vor Ort gegenüber der Stadt vertreten, hat Linden bei erfolgreichen Stadtteilsanierungen gute Erfahrungen gemacht. Der Prozess braucht allerdings Zeit, den Stadt nicht zu haben glaubt. Schließlich sind entgegen den städtischen Zahlen, die bis 2025 in Hannover einen moderaten Zuwachs von 13.000 Menschen prognostizierten, ist Hannover bereits in den vergangenen vier Jahren um rund 15.000 Einwohner gewachsen.

Die Notwendigkeit der Verdichtung wird von fast allen Beteiligten gesehen. Hannover ist eine Großstadt und die Verdichtung der Bebauung fördert nicht nur Nachbarschaften und energetische Vorteile, sie wird zunehmend auch als städtische Lebensform gesucht.

Der städtischen Eile, das Projekt Wasserstadt möglichst schnell durchzubringen, wollen wir aber einen geordneten Prozess entgegenhalten. Es sind die Fragen zu klären:

– Verdichtung: Wie viele Menschen, wie hoch die Häuser, wie weit der Abstand?
– Durchmischung: Welche Wohnformen, welche Bauformen etc.?
– Belegrechte: Welche Quote?

Die Fragen zur Infrastruktur sind zusätzlich zu klären, noch ist völlig offen, wie der Verkehr über die einzige Anbindung Wunstorfer Straße überhaupt bewältigt werden kann.

Am 4. März 2014 reagierte die grüne Stadtteilgruppe Linden-Limmer mit einer kontroversen Diskussionveranstaltung zum Thema Wasserstadt Limmer:

__

140218_Stadtteildialog-Wasserstadt-Limmer_kl

Bündnis90/Die Grünen Linden-Limmer
"Ein neues Stadtviertel entsteht - Wie wird die Wasserstadt Limmer in Zukunft aussehen?"
Dienstag, 04.03.2014
Diskussion im Foyer Transition Town Hall, Wunstorfer Straße

Spannende Diskussion vor vollem Haus. Nahezu 100 Interessierte waren gekommen. Nach sehr aufschlussreichem, von Sid Auffarth geführtem Rundgang durch die restlichen Conti-Ruinen bis zum „Deutschen Eck“, an dem die Kanäle zusammen kommen, gab es eine lebhafte Diskussion in der Transition Town Hall.

Michael Dette steht grundsätzlich hinter dem verdichteten Planungsentwurf, sieht aber noch architektonischen Bedarf. Er kann sich zwischen 1.600 und 2.200 Wohneinheiten vorstellen. Sid Auffarth möchte eine Reduzierung der derzeitigen Planung, findet die Verdichtung aber grundsätzlich richtig, den Entwurf allerdings langweilig und fordert Zeit und BürgerInnenbeteiligung.

Rainer Grube möchte deutlich weniger Wohnungen – „die Hälfte reicht auch.“

Sein Vorschlag für eine bessere Mischung der Bevölkerungsstruktur als verbindliche Vorgabe: 25 % Sozialwohnungen/Belegrechte, 25 % Wohnungen für Genossenschaften und Baugruppen, 25 % Mietwohnungen für mittlere Einkommen, 25 % Andere (Eigentum in Wohnungen und/oder Häusern), dazu Mischbebauung mit Einkaufsgelegenheiten etc. „Keine Segregation, auch nicht der Besserverdienenden!“.

Von den ZuhörerInnen kam neben genereller Ablehnung des Entwurfs die Bitte um qualifizierte Bürgerbeteiligung, Klärung des Verkehrsproblems und der infrastrukturellen Fragen. Einige haben Angst vor der Belegrechtsklientel, andere vor den hochpreisigen Neulimmeranern und den Auswirkungen auf die Grundstückspreise.

Daniel Gardemin fragt, ob auch ein autofreies Quartier im Quartier möglich sei, das Gelände nicht zu sehr verschattet wird und ob nicht auch planerisch mehr Pluralität erzeugt werden kann (Baustile, Alte, Kinder…). Bei wohl 12 Euro aufwärts für den Quadratmeter Kaltmiete bzw. bei zu erwartendem hochpreisigen Eigentum wird die Durchmischung aber wahrscheinlich nur über unterschiedliche architektonische Angebote zu bewerkstelligen sein und durch mietenreduzierende Maßnahmen.

Ängste vor einer Ballung von Sozialwohnungen sind schon rein rechnerisch unbgründet, für die nächsten fünf Jahre sind im städtischen Haushalt Mittel für stadtweit 750 geförderte
Wohnungen vorgesehen. Davon ist schon die Hälfte in baureifen Projekten gebunden, auch die restlichen 450 Wohnungen können und sollen nicht allein auf dem Wasserstadtgelände entstehen, so Michael Dettte. „Leider stellen Land und Bund fast keine Mittel mehr für den sozialen Wohnungsbau zur Verfügung.“

Der Einfluss auf das Privatgelände ist nicht sehr groß, der Investor könne nur bedingt gelenkt werden. Welche Steuerungsmöglichkeiten es gibt, wird in der B-Plan-Erstellung zu
erörtern sein, die Zeit wird allerdings knapp, es scheint eine Reihe von Pflöcken bereits eingeschlagen zu sein. Das Vorgehen der Stadt wird von den Anwohnern als Überrumpelung wahrgenommen, sie fühlen sich allein gelassen.

Zusammenfassung: Daniel Gardemin, Sprecher Stadtteilgruppe B90/Grüne Linden-Limmer