Tag Archive for Gentrifizierung

Leermietung – Herr Treumann* verliert seine Wohnung

„Ich lebe seit 2007 in einer Vierzimmerwohnung in der Lenaustraße, mitten in Hannover. Ich teile mir die Wohnung mit einem Bekannten. Jeder von uns hat einen separaten Mietvertrag über 40 Quadratmeter. Jeder von uns zahlt dafür 210 Euro Kaltmiete. Dazu kommen jeweils 50 Euro für Nebenkosten. Das sind 5,25 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter. Alles günstig und einfach. Der Vermieter war korrekt und ich war immer pünktlich mit der Miete.

Jetzt kam am 10. August 2016 ein Schreiben einer Verwaltungsgesellschaft, dass das Haus verkauft worden sei. Ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen, alles bleibe wie es ist. Doch bereits am 1. September 2016 flatterte mir eine Kündigung ins Haus. Ich soll zum 31. Mai 2017 ausziehen. Es sei eine ordentliche Kündigung, weil das Mietverhältnis eine angemessene wirtschaftliche Verwertung verhindere. Der Eigentümer wolle für Beherbungen kleinere Wohnungen erstellen. Beherbungen sind wohl Ferienwohnungen. Ich behindere sozusagen sein Vorhaben und müsse nun ausziehen. Eine so genannte Verwertungskündigung, die sich auf ein Gerichtsurteil aus dem Jahr 2011 beruft. Ich habe mich an einen Rechtsanwalt gewandt, der der Kündigung widersprochen hat. Es sei ja wohl kein Grund, wegen wirtschaftlicher Interessen einem Mieter zu kündigen.

Mieterprotest gegen „Verwertungskündigungen“ und Leermietung in Frankfurt Ostend

Es haben alle Mietparteien in unserem fünfstöckigen Mehrfamilienhaus so eine Kündigung erhalten. Dazu noch das Hinterhaus. Zwei Mietparteien über mir sind bereits ausgezogen. Einer hat sich umgehend vor Gericht gewehrt. Das war sehr mutig, vor allem. weil er krankheitsbedingt bereits Medikamente nehmen musste. Die Sache hat ihn aber dann so belastet, dass er eines nachts einen Müllcontainer mit Benzin übergossen und angezündet hat. Das Haus hat nichts abbekommen, er wurde aber in eine geschlossene Abteilung gebracht. Da war die Wohnung schneller als gedacht für die Umbaumaßnahmen frei.

Der Vermieter hat in der Mansarde nun alles entkernt. Dafür wird tageweise Gas und Strom abgestellt. Jetzt in der Übergangszeit geht das noch, aber dem Winter sehe ich mit großer Sorge entgegen. Auch gaube ich, dass die Baumaschinen über den Hausstromanschluss laufen. Ich weiß nicht, ob das erlaubt ist und habe Sorge, die Kosten dafür bezahlen zu müssen. So ein Bauschild gibt es ja auch nicht und die Handwerker sehen komisch aus. Einer hat nur eine Kombizange, die Autos keine Firmennamen.

Seit ich selbst zum Rechtsanwalt gegangen bin, fangen jetzt so seltsame Sachen an. Einmal kam einer mitten in der Nacht und hat einfach eine Wand umgerissen. Das hat unglaublich gescheppert und durch die Entkernung der Mansarde hat sich auch irgendwie die Decke unserer Wohnung bewegt. Der Vermieter zerstört das Haus von oben her. Ein anderes mal hat er in der Mansarde die Heizkörper abgerissen und den Boiler auf dem Boden zerschellt. Dadurch entstand eine Kettenreaktion. Erst lief das rostige Heizungswasser an verschiedenen Zimmerdecken in unsere Wohnung. Anschließend füllte sich die abgehängte Decke in unserem Arbeitszimmer mit dem Boilerwasser und platzte über dem Fenster zur Straße auf. Mit dem Wasser fielen Steine ins Zimmer. Sie schlugen den auf Kipp gestellten Fensterrahmen aus seiner Fassung, ein Stein knallte auf ein parkendes Fahrzeug und über zwanzig Gesteinsbrocken aus der Geschossdecke und vom Estrich der Mansardwohnung liegen nun im Arbeitszimmer.

Die Steine hätten auch meinen Mitbewohner oder mich erschlagen können. In der ganzen Wohnung ist Staub von dem Einschlag. Der morsche große Deckenbalken ist jetzt direkt am Außenmauerwerk gebrochen und ein Loch zur Mansarde klafft nun in unserer Wohnung. Nur ein Rauspund klemmt noch auf dem Loch. Das Loch ist groß genug, um bequem in unsere Wohnung einzusteigen. Die Mansarde hat ja keine Tür mehr. Tapeten, Teppich und unsere Laune sind vollkommen hinüber. Das Fenster hängt schief, Kälte kriecht herein. Die Absicht ist klar: Wer sich wehrt, wird mit allen Mitteln fertig gemacht.

Unser Rechtsanwalt hat gesagt, wir sollten mit Mietminderung vorsichtig sein, um unseren Mietschutz nicht zu gefährden. Der Eigentümer hat uns bereits gedroht, andere Saiten aufzuziehen, falls wir etwas von der Miete abziehen. Wir haben uns immer korrekt verhalten, immer pünktlich die Miete und Nebenkosten gezahlt. Und jetzt so etwas. Unsere Wohnung ist eigentlich nicht mehr bewohnbar. Das zehrt an den Nerven, denn ich finde trotz intensiver Suche nichts anderes, höchstens vielleicht draußen in Stöcken. Ich habe doch hier meinen Freundeskreis.

Auswahl von 347 Ferienwohnungs-Angeboten in Hannover-Mitte und Linden-Limmer am 27.11.2016

Hier in der Straße wird ein Haus nach dem nächsten in Ferienwohnungen und Handwerkerbeherbungen umgewandelt. Erst das Nachbarhaus, dann das daneben, jetzt unseres. Am Nachbarhaus ist nur noch ein Tastenfeld am Hauseingang über das man anonym seine bestellte Wohnung öffnen kann. Das sind so kleine Apartments, sehr hellhörig. Bei Messen wird nur an Männer vermietet, warum weiß ich nicht. Wie die überhaupt eine Baugenehmigung für die Aufteilung bekommen haben? Das ist doch Zweckentfremdung und planungsrechtlich gar nicht zulässig. Ich glaube, dass sind mafiöse Strukturen, Baumafia oder sowas. So wie die arbeiten, glaube ich nicht, dass die den ganzen Hotelkrams beachten, Brandschutz und so.

Ich habe gehört, auch in Linden und der Nordstadt entstehen solche kommerziellen Ferienwohnungen. Darf denn demnächst in der Lenaustraße niemand mehr als normaler Mieter wohnen? Da muss die Stadt doch was dagegen machen. Ich bin zwar nicht wohlhabend, habe aber doch auch meine Rechte. Das habe ich mir nicht vorstellen können, in so etwas mal hineinzugeraten.“

Interview: Daniel Gardemin 11/2016
*Name geändert

Gentrifizierung in Linden-Süd

Im Stadtteil Linden werden seit 2011 die Folgen von Mietenanstieg, Verdrängung und Gentrifizierung diskutiert. Derzeit rückt Linden-Süd als einer der letzten Nischen-Stadtteile Hannovers in den Fokus von Investoren und Wohnungssuchenden.

Im Rahmen eines Studienvorhabens an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst HAWK Hildesheim, Holzminden, Göttingen, Fakultät Management, Soziale Arbeit und Bauen ist der Stadtteil Linden-Süd einer Betrachtung unterzogen worden.

Das nachstehende Interview mit Daniel Gardemin, zur Zeit im Forschungsprogramm Experimenteller Wohnungs- und Städtebau mit der Studie „Soziale Vielfalt in der Stadt“ befasst, wurde mit freundlicher Genehmigung des Interviewers zur Veröffentlichung freigegeben.

Interview mit Daniel Gardemin

In Zeiten des starken Mietenanstiegs besteht die Befürchtung, dass auch in Nischen-Stadtteilen wie Linden-Süd Bevölkerung in andere Stadtteile verdrängt wird. Gibt es in Linden-Süd Gentrifizierung?

Daniel Gardemin: Das Thema ist in den 70er- bis 90er-Jahren bereits unter einem anderem Namen stark diskutiert worden, also wie sich Bevölkerungsgruppen innerhalb des Stadtgebietes an bestimmten Orten zusammenballen und voneinander trennen. Es ist eigentlich das klassische Segregationsthema. Das hat dann geruht. Zwanzig Jahre ist durch den Bevölkerungsrückgang in Hannover und stagnierende Mieten das Thema nicht mehr auf der Tagesordnung gewesen. Und dann entwickelte sich seit ungefähr 2011 etwas, genau hier in Linden, was wir von den Grünen aus, ich bin damals Stadtteilsprecher der Grünen im Stadtbezirk gewesen, von unsern Mitgliedern oder auch von den Bürgerinnen und Bürgern im Stadtteil herangetragen bekamen. Sie sagten uns, da ist ein Vermieter, der will uns aus der Wohnung herausklagen oder der, der fängt an hier Krach zu machen, in der Wohnung oder im Haus, alles wird umgebaut. Wir fühlen uns nicht mehr wohl. Und ein paar Indizien mehr kamen, so gab es hier eine Hausbesetzung und so weiter. So sind wir in dieses Thema hinein gekommen. Für mich hat es sogar dazu geführt – ich bin Sozialwissenschaftler, tätig an der Leibniz Uni Hannover – mich auch wissenschaftlich im Städtevergleich damit auseinander zusetzen. Was passiert eigentlich in den anderen Städten? Ist das etwas, was nur in Hannover passiert? Oder was besonders stark in den großen Metropolen passiert, wie in Berlin, Hamburg und München? Es stellte sich dann heraus, dass es eigentlich ein übergreifendes Phänomen ist, das nach den Metropolen jetzt die mittelgroßen Großstädte von 200.000 bis 500.000 Einwohnern ergeift. Weil diese Städte inzwischen am Wachsen sind und die Leute vermehrt nach Wohnraum suchen. Da gibt es angesagte Quartiere, die die zweite Modernisierungswelle schon hinter sich haben, wie das bürgerliche Linden-Mitte beispielsweise. Der Stadtteil ist nah am Stadtzentrum. Es gibt immer so eine Art Fünfkilometer-Linie mehr oder weniger, auch in den anderen Städten, die ähnlich strukturiert sind. Die Stadtteil um das Stadtzentrum herum sind attraktiv. Die kann man mit dem Fahrrad erreichen, da ist man schnell mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln drinnen, man kann Abends ins Theater gehen oder man erreicht den Arbeitsplatz oder den Bahnhof um in eine andere Stadt zu fahren.

Und dazu gehört auch Linden-Süd. Linden-Süd ist vollkommen vernachlässigt worden. Das meine ich aus der Perspektive des Beobachters, nicht so sehr aus der Perspektive der Stadt. Die hat ihre Sache gemacht, auch in der Sozialarbeit und den ganzen Fragen, die für sogenannte arme Stadtteile nötig sind. Wir haben aber kaum nachgefragt, was sich in Linden-Süd auf dem Wohnungsmarkt tut. Es hat in Linden-Nord und Linden-Mitte Protest gegeben. Das sind vor allem junge Studierende gewesen, die junge Generation, die in Linden-Süd noch nicht so zu wohnen scheint. Wir müssen jetzt fragen, was es mit der Entwidmung von Belegrechtswohnungen auf sich hat, wir haben ein enormes Ausdünnen von Belegrechtswohnungen, also von günstigem Wohnraum, in den letzten 20 Jahren gehabt. Diese Beobachtung führt mich dazu, dass ich sage, Linden-Süd steht eventuell am Anfang dieser Gentrifizierungskette. Das ist schon mal ein gewisses Ergebnis vorweg genommen. Ich sehe drei Spots, an denen sich etwas entwickelt.

Schleichende Gentrifizierung

GentrifizierungNedderfeldstraße, Linden-Nord, Hannover

Der Streit um die schleichende Gentrifizierung begann im Frühjahr 2011. Vor allem junge Menschen fanden im Stadtteil keine Wohnung mehr. Es lag erst einmal nicht an den hohen Mieten, der Wohnungsmarkt war einfach dicht. Erstmals seit vielen Jahren gab es wieder Nettozuzüge, das heißt Hannover wuchs und die angesagten Stadtteile, insbesondere Linden, gerieten unter Druck. Mit der Besetzung eines vom Abriss bedrohten Wohnhauses machte eine Gruppe junger Menschen auf die Situation aufmerksam. In Folge der Besetzung wurde nicht etwa über die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt diskutiert sondern über die Frage, ob Hausbesetzungen legitime Mittel zivilen Ungehorsams seien.

Ein Teil der Debatte wurde in den örtlichen Zeitungen aufgenommen. Zwei Auseinandersetzungen sind hier stellvertretend aufgeführt. Meine Argumentation orientiert sich jeweils an einer zentralen Grundfigur: Wenn wir das Gleichgewicht in unserem Stadtbezirk halten wollen, müssen wir darauf achten, dass niemand aus dem Stadtteil verdrängt wird. Verdrängung ist ein leiser, schleichender und irreversibler Prozess und trifft immer diejenigen, die sich am wenigsten wehren und artikulieren können.

Vielfach ist uns diese Argumentation im Munde umgedreht worden. Wir würden etwas gegen Neuzuzüge haben, uns gegen die Besserverdienenden richten, Investoren verschrecken. Das ist nicht der Fall, jede und jeder ist hier gerne gesehen, der am Gemeinwohl mitwirken möchte. Es hat in der Vergangenheit genügend Beispiele schonender Sanierung und ehrenamtlichen Engagements für eine Verbesserung der Stadtteile gegeben. Die Methoden der jüngeren Zeit, Menschen aus den Wohnungen „rauszuwohnen“ und am Rande der Legalität unter dem Druck des Wohnungsmarktes Verträge abzuschließen und Mieterhöhungen durchzuführen, bewirken das Gegenteil. Entsolidarisierung und Misstrauen.

Zwei Dialoge, ein Interview, eine Persiflage und ein aus der Auseinandersetzung hervorgegangenes Positionspapier skizzieren die Gentrifizierungsdebatte:

Gentrifizierung in Hannover-Linden (h1-Fernsehen Juni 2012)

Interview im Kleeblatt (Ausgabe Oktober 2012)

Gentrifizierung – Wem gehört die Stadt (November 2012)

Streitdialog Barkoff/Gardemin (Januar bis März 2013)

Bezahlbarer Wohnraum in verdichteten Wohnquartieren der Stadt Hannover – Vorschlag zur Eindämmung von Verdrängungsprozessen und Wohnungsnot (Positionspapier Daniel Gardemin, Mai 2013)

Steigen die Mieten in Linden? Eine Diskussion (Februar 2014)