Gentrifizierung in Linden-Süd

Im Stadtteil Linden werden seit 2011 die Folgen von Mietenanstieg, Verdrängung und Gentrifizierung diskutiert. Derzeit rückt Linden-Süd als einer der letzten Nischen-Stadtteile Hannovers in den Fokus von Investoren und Wohnungssuchenden.

Im Rahmen eines Studienvorhabens an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst HAWK Hildesheim, Holzminden, Göttingen, Fakultät Management, Soziale Arbeit und Bauen ist der Stadtteil Linden-Süd einer Betrachtung unterzogen worden.

Das nachstehende Interview mit Daniel Gardemin, zur Zeit im Forschungsprogramm Experimenteller Wohnungs- und Städtebau mit der Studie „Soziale Vielfalt in der Stadt“ befasst, wurde mit freundlicher Genehmigung des Interviewers zur Veröffentlichung freigegeben.

Interview mit Daniel Gardemin

In Zeiten des starken Mietenanstiegs besteht die Befürchtung, dass auch in Nischen-Stadtteilen wie Linden-Süd Bevölkerung in andere Stadtteile verdrängt wird. Gibt es in Linden-Süd Gentrifizierung?

Daniel Gardemin: Das Thema ist in den 70er- bis 90er-Jahren bereits unter einem anderem Namen stark diskutiert worden, also wie sich Bevölkerungsgruppen innerhalb des Stadtgebietes an bestimmten Orten zusammenballen und voneinander trennen. Es ist eigentlich das klassische Segregationsthema. Das hat dann geruht. Zwanzig Jahre ist durch den Bevölkerungsrückgang in Hannover und stagnierende Mieten das Thema nicht mehr auf der Tagesordnung gewesen. Und dann entwickelte sich seit ungefähr 2011 etwas, genau hier in Linden, was wir von den Grünen aus, ich bin damals Stadtteilsprecher der Grünen im Stadtbezirk gewesen, von unsern Mitgliedern oder auch von den Bürgerinnen und Bürgern im Stadtteil herangetragen bekamen. Sie sagten uns, da ist ein Vermieter, der will uns aus der Wohnung herausklagen oder der, der fängt an hier Krach zu machen, in der Wohnung oder im Haus, alles wird umgebaut. Wir fühlen uns nicht mehr wohl. Und ein paar Indizien mehr kamen, so gab es hier eine Hausbesetzung und so weiter. So sind wir in dieses Thema hinein gekommen. Für mich hat es sogar dazu geführt – ich bin Sozialwissenschaftler, tätig an der Leibniz Uni Hannover – mich auch wissenschaftlich im Städtevergleich damit auseinander zusetzen. Was passiert eigentlich in den anderen Städten? Ist das etwas, was nur in Hannover passiert? Oder was besonders stark in den großen Metropolen passiert, wie in Berlin, Hamburg und München? Es stellte sich dann heraus, dass es eigentlich ein übergreifendes Phänomen ist, das nach den Metropolen jetzt die mittelgroßen Großstädte von 200.000 bis 500.000 Einwohnern ergeift. Weil diese Städte inzwischen am Wachsen sind und die Leute vermehrt nach Wohnraum suchen. Da gibt es angesagte Quartiere, die die zweite Modernisierungswelle schon hinter sich haben, wie das bürgerliche Linden-Mitte beispielsweise. Der Stadtteil ist nah am Stadtzentrum. Es gibt immer so eine Art Fünfkilometer-Linie mehr oder weniger, auch in den anderen Städten, die ähnlich strukturiert sind. Die Stadtteil um das Stadtzentrum herum sind attraktiv. Die kann man mit dem Fahrrad erreichen, da ist man schnell mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln drinnen, man kann Abends ins Theater gehen oder man erreicht den Arbeitsplatz oder den Bahnhof um in eine andere Stadt zu fahren.

Und dazu gehört auch Linden-Süd. Linden-Süd ist vollkommen vernachlässigt worden. Das meine ich aus der Perspektive des Beobachters, nicht so sehr aus der Perspektive der Stadt. Die hat ihre Sache gemacht, auch in der Sozialarbeit und den ganzen Fragen, die für sogenannte arme Stadtteile nötig sind. Wir haben aber kaum nachgefragt, was sich in Linden-Süd auf dem Wohnungsmarkt tut. Es hat in Linden-Nord und Linden-Mitte Protest gegeben. Das sind vor allem junge Studierende gewesen, die junge Generation, die in Linden-Süd noch nicht so zu wohnen scheint. Wir müssen jetzt fragen, was es mit der Entwidmung von Belegrechtswohnungen auf sich hat, wir haben ein enormes Ausdünnen von Belegrechtswohnungen, also von günstigem Wohnraum, in den letzten 20 Jahren gehabt. Diese Beobachtung führt mich dazu, dass ich sage, Linden-Süd steht eventuell am Anfang dieser Gentrifizierungskette. Das ist schon mal ein gewisses Ergebnis vorweg genommen. Ich sehe drei Spots, an denen sich etwas entwickelt.

Was für Anzeichen von Gentrifizierung gibt es insgesamt in Hannover?

Daniel Gardemin: Hannover ist eine Großstadt, in der auch Gentrifizierung stattfindet. Aber Hannover ist keine Metropole, wie z.B. München. Anzeichen für Gentrifizierung gibt es in Hannover schon.

Wird stadtpolitisch Wohnraum in Hannover geschaffen, um gegebenenfalls einer Gentrifizierung entgegen zu wirken?

Daniel Gardemin: Ja, das wird es, aber erst auf Druck hin. Das ist ganz interessant. Die Indikatoren haben eigentlich versagt. Es gibt die Beobachtung der Sozialstatistik beispielsweise und auch der anderen Statistiken. Sie scheint aber zu grob zu sein, um diese Prozesse zu sehen, die unterschwellig ablaufen. Und bei Gentrifizierung ist es so, wenn die Menschen ausgezogen sind, sind sie ausgezogen, dann kommen sie nicht wieder zurück. Gerade wenn die Wohnung frei wird, neu vermietet wird, dann kommen diese enormen Sprünge der Mieten. Nicht in den Bestandmieten, da gibt’s auch Entwicklungen. Es ist eher dann, wenn neu vermietet wird. Und die Leute, die dann raus sind, haben gar keine Chance, in den sich aufwertenden Stadtteil wieder hineinzukommen. Das ist im Prinzip das Dilemma, darauf fokussiert sich eigentlich die gesamte Thematik. Und das kann man mit der Sozialstatistik so kaum erkennen. Dann kommt der Druck von der Straße, Besetzung eines Hauses, fliegende Pflastersteine in eine Eisdiele und noch ein bisschen anderer Rabatz. Dadurch entwickelt sich eine politische Auseinandersetzung, die in die Parteien hineingetragen wird. Und dann reagiert die Stadt, so ist eigentlich die Entwicklung. Besser wäre es, wenn wir es vorher selbst wahrnehmen würden und rechtzeitiger intervenieren könnten. Die Entwicklung war, dass ein Wohnungsbauprogramm aufgelegt wurde, da sind ein paar Tausend Wohnungen geplant für die nächsten Jahre. Das ist die Reaktion. Man sieht aber jetzt schon, das es viel zu wenig ist. Wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Und es sind auch nicht ausreichend Sozialwohnungen eingeplant. Nun kann man aber auch nicht in einem Neubaugebiet alles voller Sozialwohnungen machen, damit schafft man wiederum ein segregiertes Quartier.

Man müsste eigentlich im Bestand ermuntern – Vermieter, Wohnungsbaugenossenschaften, Wohnungsbauunternehmen – Wohnungen in Sozailwohnungen umzuwandeln, wenn sie frei werden. In einer Situation, wo die Mieten steigen, ist das der richtige Ansatz, aber es macht keiner mit. Da kann man noch so viele Anreize bieten, da wird auch Geld reingesteckt und von der Stadt angeboten, die Wohnungen in Sozialwohnungen umzuwandeln. Es macht keiner. Die Einzigen, die es machen können, weil sie eben auch Eigentum der Stadt sind, sind die kommunalen Wohnungsbauunternehmen, wie z.B. die GBH in Hannover. Das reicht aber bei weitem nicht aus. Die Kapazitäten sind nicht da. Und so braucht man eigentlich, das ist jetzt auch eine Forderung, die von uns Grüen in den Kommunalwahlkampf hineingetragen wurde:man braucht eine feste Quotierung. Das heißt, so und so viel Prozent bei Neubau muss auch geförderter Wohnraum sein. Das wäre eine Maßnahme, um dagegen anzukommen. Das nützt aber nur, um den gesamten Wohnungsmarkt zu entspannen. Punktuell dort, wo die Situation besonders angespannt ist, ist meistens gar kein Platz zum Bauen. Also diese hochverdichteten Gründerzeitquartiere, hier rund um dem Stadtkern. Das ist in anderen Städten auch häufig so, um die Jahrhundertwende gebaut, vier- oder fünfgeschossig, Blockrandbebauung. Da kann man nichts mehr hinsetzen, die Kriegslücken sind in den letzten zwanzig bis dreißig Jahren wieder gefüllt worden. Es gibt natürlich noch Industriebrachen oder Kleingärten. Aber die Kleingärten kann man nicht einfach bebauen, will eigentlich auch keiner. Aber wenn der Druck groß ist, fängt die Diskussion darüber an. Auch über Nachverdichtung, Abriss, Höherbauen, etc. Das kann man aber alles verhältnismäßig nur in geringem Maß in Linden Süd machen. Es entwickelt sich aber trotzdem etwas. Ob das aber direkt in Linden-Süd hilft, möchte ich noch bezweifeln.

Da gibt es ja einige brachliegende Industriegebäude, z.B. auf dem Hanomag-Gelände. Aber sozialer Wohnungsbau ist da nur in geringem Maße möglich?

Daniel Gardemin: Das muss die Stadt machen, sie muss beim Verkauf festschreiben, wie das Objekt genutzt werden soll und dann muss notfalls auch auf dem höchsten Verkaufspreis verzichtet werden. Das ist ja nicht nur, dass günstiger Wohnraum fehlt. Es besteht auch die Befürchtung dass sich die Stadtviertel homogenisieren. Das heißt, die Vielfallt die jetzt vorhanden ist, die die Stadtviertel auch attraktiv macht, dass die hinterher darunter leidet, dass gut betuchte neue Bewohner dort leben, aber eigentlich der Charme, die Besonderheit des Stadtteils weg ist. Das ist eigentlich nur eine Folge. Das Wichtigste ist mir aber, was passiert eigentlich mit den Leuten die dort vorher gewohnt haben. Nun hat keiner auf dem Hanomag-Gelände gewohnt. Das Hanomag-Gelände ist eins, das sich enorm entwickelt, nicht nur Wohnen auch Arbeitsplätze verändern dort den Stadtteil. Das hatte vor geraumer Zeit noch keiner so richtig geahnt. Da war viel zu tun, es war viel alte Industrie drumherum, Komatsu und andere. Und jetzt ist es auf einmal total angesagt, obwohl eigentlich in so einem Zwickel liegend zwischen zwei Schnellwegen. Es ist  interessant, dass sich die Leute damit beschäftigen, ja sagen. Eigentlich wäre es doch der Stadtteil List mit den hohen Decken oder dem Stuck an den Decken usw. Nein, heute werden die Leute auch von anderen Vierteln angezogen, auch von anderer Umgebung. Selbst 50er- und 60er-Jahre-Bauten scheinen plötzlich, wenn sie an der richtigen Stelle liegen, auch eine Attraktivität zu bekommen, was nie jemand gedacht hatte. Und bei der Hanomag ist es so, da werden auch Wohnungen vermietet, die noch gar nicht ausgebaut sind, die sind nur entkernte Gebäude und dann wird so zusagen die Hülle als Eigentumswohnung verkauft. Anschließend kann man sich das wiederum mit Hilfe des Vermarkters selber einrichten. Dann hat man bei den hohen Preisen eine verhältnismäßig günstige Wohnung und muss dann mit Muskelhypotheke und Eigenleistung die Sache ausbauen oder eben nach eigenem Geschmack umbauen. Das Model ist für mich auch neu gewesen. Hanomag ist aber auf jeden Fall eine dieser Inseln, die als Spots entstehen und diese hat natürlich Strahlkraft in den Stadtteil hinein. Wie, wissen wir noch nicht genau. Die Göttingerstraße ist ja eine ziemlich fette Magistrale, die als Schnellweg da durch geht. Bis man da mal rüber ist, da vermute ich, die Wahrnehmung zumindest aus Linden-Süd-Sicht ist so noch gar nicht da. Es sei denn, man geht mal zu den großen Baumärkten im Hanomag-Quartier.

Es ist zwar der Rewe-Supermarkt da in der U-Boot-Halle mit angesiedelt, zu dem auch viele Bewohner des Stadtteils hingehen. Aber um dort über die Straße zu kommen, muss man umständlich an der Ampel über die riesige Straße. Wie schon das Wort Insel sagt, kann daraus eine Insel entstehen, die sich nicht mit integriert in den Stadtteil. So würde ich das sehen. Im Hanomag-Viertel sind die Wohnungen teurer, die Leute, die dort hinziehen haben mehr Geld als die ansässige Bevölkerung und müssen das auch aufbringen, um sich das leisten zu können.

Könnte das vielleicht sogar ein Gefahrenpunkt werden, dass sich das Hanomag-Areal als Hanomag-Bewohner sehen und nicht als Linden-Süd?

Daniel Gardemin: Ja, und ich vermute, die Leute haben bestimmte Motive dahin zu ziehen. Die wollen einerseits vielleicht auch nah an Linden-Süd sein oder in Linden sein. Es kann auch sein, dass ihnen die gute Infrastruktur gerade zugute kommt. Beispielsweise wenn sie schnell mit dem Auto irgendwo hin müssen. Und so könnte ich mir vorstellen, dass es einfach eine ganz andere Wirkungsgruppe ist, als die, die beispielsweise nach Linden-Nord hineinziehen möchte. Ich kenne jetzt die Statistiken nicht, ich glaube, da gibt es auch noch nichts. Die Entwicklung ist noch jung. Vielleicht ist auch ein Grund, dass Wohnen und Arbeiten ganz nah beieinander liegen. Und man dann bei der Telekom oder irgendwo anders arbeitet. Es kann auch sein, dass sich der Linden-Süd und Linden-Mitte insgesamt nach Westen weiterentwickelt. Da sind ja noch weitere Industrie- und Gewerbeflächen und man weiß nicht genau, ob sich da was vergrößern kann. Noch nicht, aber manchmal geht es schneller als man denkt.

Wie hoch schätzen Sie den Wohnungsleerstand in Linden-Süd ein? Ich habe da die Statistikzahlen gefunden. In der Stadt liegt er so durchschnittlich bei 1,7 Prozent und ich denke, das ist generell bei den inneren Stadtteilen ähnlich.

Daniel Gardemin: 1,7 oder 1,8 Prozent ist eigentlich ein Wert, der für die Stadt schon in der Norm weit unten ist. Also es gibt so eine Faustformel, alles was unter 3 Prozent Leerstand ist, geht schon Richtung Wohnungsengpass und Wohnungsnot. In Linden-Süd sind es aktuell 2,2 Prozent. Diese Leerstände entstehen im Prinzip durch Umbautätigkeiten, man kann immer gleich wieder vermieten. Wenn einer auszieht, kann man zum Stichtag wieder jemanden einziehen lassen. Aber es muss zwischendurch mal was gemacht werden. Und dann gibt es natürlich auch noch Wohnungen die dauerhaft nicht vermietbar sind, weil sie einfach verrottet sind, die werden dann auch nicht so schnell gemacht. Es gibt ja auch bei Vermietern eine Gruppe die einfach nicht in der Lage ist oder nicht willens ist oder örtlich nicht so da ist, dass sie die Wohnung machen kann. Zum Beispiel gibt es am Schwarzen Bären ein Gebäude das im Prinzip in sich verkommt. Das Gebäude mit dem Gerüst, dem Zwangsgerüst, das die Stadt gegen herunterfallende Fassadenteile hat bauen lassen. Das wäre eine sehr attraktive Wohnlage, wenn man es machen würde. Wahrscheinlich könnte man es sofort sehr hochpreisig vermieten. Aber dafür müssen die Wohnungen erst einmal gemacht werden. Es ist wahrscheinlich auf einem Stand der 50er Jahre. Und das kann und will nicht jeder anpacken. Und dann steht auch mal was leer. Ich mutmaße, dass in dem Gebäude auch höherer Leerstand besteht. Wenn ein bis zwei Wohnungen leer stehen, hat man gleich 10 Prozent Wohnungsleerstand. In Linden-Süd gibt es auch eine Reihe von maroden Gebäuden.

Wie kommt es dazu, dass die Mieter ausziehen, wo doch ein Mietspiegel existiert? Wie können Vermieter die Miete im Bestand dann dennoch derartig erhöhen, dass sich die Mieter diese nicht mehr leisten können?

Daniel Gardemin: Bei Neuvermietung ist es tatsächlich so, dass nicht mehr als 50 Prozent über die Ortsmiete hinausgegangen werden darf. Das fällt dann nach Gesetz unter Mietwucher. Es passiert aber derzeit. Das bedeutet, die Vermieter setzen sich entweder darüber hinweg, haben keine Ahnung und die Mieter machen alles mit. Sie könnten natürlich den Klageweg bestreiten, sie könnten auch Anmieten für sogenannte Wuchermietpreise und dann würden sie auch Recht bekommen. Das passiert aber nicht. Und es gibt wohl auch keine Kontrollen. Wir haben jetzt hier im Stadtbezirksrat zum ersten Mal seit langem wieder den Antrag zur Kontrolle von Zweckentfremdung gestellt. Es werden auch viele Wohnungen zweckentfremdet, für Ferienwohnungen oder Büroräume. Das ist nie kontrolliert worden solange der Wohnungsmarkt entspannt war. Da hat es die Stadt nicht interessiert. Oder die Stadt hat keine personellen Kapazitäten dafür. Genauso hat es auch nicht interessiert, ob jetzt Mietwucher stadtfand oder nicht, weil es relativ wenige Wohnlagen in Hannover gab, in denen tatsächlich unbegrenzt nach oben hin Mieten genommen werden konnten. Und dazu gehörte Linden-Süd als allerletztes, also insofern ist dieser Blick darauf gar nicht da. Es finden natürlich auch im Bestand Mieterhöhungen statt, aber ich glaube, dass das nicht so stark ist. Das ist meine Vermutung. Und deswegen hält der Stadtteil auch noch. Meine Vermutung ist eher, dass wenn ausgezogen wird, dass dann erheblich draufgepackt wird. Das ist die einfachste Art und Weise. Mit einer Mieterhöhung muss ich mich rechtlich auseinandersetzen, ich muss den Mietspiegel studieren, ich muss Erhöhungen machen. Das sind häufig im Streubesitz befindliche Immobilien. Die Genossenschaften machen sowieso keine Schweinereien. Es gibt auch viele genossenschaftliche Wohnungen in Linden-Süd. Die halten den Mietspiegel auch noch ein wenig niedrig. Aber die Mieten, die über das hinausgehen, was die Menschen sich leisten können, das heißt aufbringen können, die führen dazu, dass einzelne Bevölkerungsgruppen letztendlich zum Aufgeben gezwungen werden. Und das sind gar keine großen Sprünge. Man stellt sich das immer mit großen Sprüngen vor. Wenn ich heute Neuvermietung mache oder Neubau mache, dann werden hier Mieten zwischen zehn und zwölf Euro genommen, in Neubauvierteln in Hannover. Und selbst im sanierten Altbau, zum Teil in Linden-Mitte, werden inzwischen auch Mieten von über zehn Euro genommen. Das ist für Hannoveraner Verhältnisse sehr viel. Und gleichzeitig ist es aber so, wenn man sich die Einkommensverteilung anschaut, dann befindet sich Linden-Süd am unteren Rand der Hannoveraner Einkommensskala, mit viel Arbeitslosigkeit, viel Transferleistungsbezug, aber auch mit denen, die selber mit eigener Kraft ihr Leben meistern können, aber denen schon eine Erhöhung von 20 bis 60 Euro die Monatsökonomie durcheinander bringt. Weil die immer auf Kante zum Monatsende leben. Das kann man, wenn man Kneipiers oder so fragt, dann wissen die es auch, denn zum Monatsende kommt keiner mehr. Weil das verfügbare Geld zum Monatsende abnimmt. Das führt dazu, dass sie sich vielleicht schon vorher mit Ach und Krach diese Wohnung leisten konnten, vielleicht noch irgendwo einen Zuschuss von den Eltern vielleicht, wenn es junge Leute sind, dazu geholt haben und jetzt, wenn die Mieterhöhung kommt, am Ende sind. Das heißt, sie müssen dann ausziehen. Da kommen noch andere Sachen dazu, ein typischer Fall, eine alleinerziehende Mutter haben wir hier als Nachbarin gehabt, zu zweit mit Ihrer Tochter hat sie hier gelebt. Dann zieht die Tochter aus und geht zum Studieren in eine andere Stadt, Mutter ist alleine, hat wegen der familiären Situation nicht mehr arbeiten können, hat auch keinen Arbeitsplatz mehr gefunden und kann die günstige Dreizimmerwohnung nicht mehr halten, die sie vorher mit der Tochter noch halten konnte, über den Mietzuschuss, den sie vom Amt bekam. Das heißt, sie muss, jetzt nicht mehr zum Zuschuss berechtigt, in eine kleinere Wohnung umziehen. Es kann also sowohl sein, dass die Erhöhung kommt als auch Besonderheiten in der eigenen familiären oder beruflichen Situation entstehen, und dann wird ausgezogen. Bevor die Menschen ausziehen, müssen sie sich fragen, wo sie hinziehen. Da bin ich zu wenig informiert, wie hier Binnenmigration aussieht. Da gibt es auch Zahlen zu. Wanderung aus Hannover heraus, Wanderung außerhalb Hannovers herein, Binnenwanderung von einem Stadtteil in den anderen oder Binnenwanderung innerhalb des Stadtteils. Das sind eigentlich die drei Wanderungsformen, die es gibt.

Ich vermute, zur Zeit ist in Linden-Süd noch Stagnation, die Leute klammern sich an die Wohnung. Das wird dazu führen, dass es im Prinzip eine ganz geringe Fluktuationsrate gibt. Das ist meine These, das kann ich aber nicht mit Gewissheit sagen.

Wir machen jetzt eine Beobachtung, dass es insgesamt in Hannover eine Wanderung zu den sogenannten Ausweichquartieren gibt oder Ausweichstadtteilen. Das sind zum Beispiel die Calenberger Neustadt und Hainholz, weil dort der Wohnraum noch sehr günstig ist und vermutlich auch Linden-Süd, weil es alles noch attraktiv ersc heint und die Lage gut ist. Die Lage ist das, was den Wohnungsmarkt ausmacht und die Lage ist in Linden-Süd hoch attraktiv. Die grünen Auen, die Badeteiche sind in der Nähe, die Hochschule ist dort, dann werden die Arbeitsplätze auch stärker, das neue Klinikum ist dort, dann die Hanomag und natürlich die Nähe zur Hannoverschen Innenstadt. Das sind meines Erachtens enorme Standortvorteile für Linden-Süd.

Die zweite Insel ist im Grunde die der Arbeit, also Siloah und Hochschule. Also Arbeit und Bildung. Meines Erachtens muss die Entwicklung an der Stelle zu einer vermehrten Suche nach Wohnraum führen. Die Menschen sind eben bequem, das ist angenehm, auch verständlich, nah an der Arbeitsstätte zu wohnen. Ich kenne jetzt die Zahlen nicht, wie viele Arbeitsplätze neu hinzugekommen sind, gegenüber dem alten Siloah. Aber ich vermute, erheblich. Das ist eine Gruppe von Gesundheitsdienstleistern, die durchaus sehr gut in dieses Stadtviertel hineinpassen, die dort auch Wohnraum suchen könnten. Das ist ja zum Beispiel rund ums Friederikenstift auch so. Das ist eine Mutmaßung, dass hier eine Insel, ein Spot ensteht. Jetzt kommt noch dieses Leistungszentrum für Breitensport von Hannover 96 dazu. An einer weiteren Stelle mit Bezug zu Linden-Süd entsteht noch das neue Ohe-Viertel in der Calenberger Neustadt. Gegenüber, auf der Lindener Seite ist bereits neuer hochpreisiger Wohnraum durch den Umbau der Hautklinik entstanden, der dritte Spot, von dem ich spreche. Er zieht eigentlich ein typisches Linden-Mitte-Publikum an. Es gibt in Linden-Mitte einige Neubauten ähnlicher Art, aber kleiner. Das ist schon ein ganz schön großer Eingriff auch in den Stadtteil. Und das strahlt natürlich auch wieder aus. Wir kennen das hier vom Gartenfriedhof, in Hannover-Mitte, Das war auch so eine Ecke, die eigentlich extrem zentral liegt. Da ist dann ein Neubau hingekommen und dann haben die Leute angefangen, sich über die Alkoholiker aufzuregen, die auf dem historischen Friedhof saßen. Und dann haben sie versucht, sie sukzessive vom Friedhof zu verdrängen. Da heißt die ziehen dann weiter, irgendwo anders hin und so wird es mutmaßlich auch an der ehemaligen Hautklinik sein, wo lange Zeit die Methadonszene auch in der Hautklinik, weil da eine Ausgabestelle eines Arztes war und ich denke diese Szene wird dort einfach keine Zukunft mehr haben. Die wandert dann irgendwo anders hin. Das ist einfach ein abzusehender Prozess, dass der Arzt vielleicht noch weiter Methadon ausgibt, aber Konflikte anfangen. Wir haben es auch beim Ahrbergviertel. Das Ahrbergviertel ist ja eine frühe Form von Wohnungsneubau in Linden-Süd gewesen und das war auch durchaus sinnvoll. Man brauchte auch in diesen schwierigen Stadtteilen einen Ausgleich. Oder auch dieses kleine Viertel an der Deisterstraße, dort gibt es auch Neubauten, Einfamilienreihenhäuser, das sind alles Maßnahmen die sehr sinnvoll waren, um den Stadtteil auch in einem Gleichgewicht zu halten. Und auch da, bei Ahrberg, gab es dann schon erhebliche Auseinandersetzungen mit Alkoholiker-Gruppen, wir sagen hier Langzeitverweiler. Die sind eigentlich harmlos, tun niemanden etwas, werden aber mit zunehmenden Alkoholpegel lauter und unangenehmer in der Ausdrucksweise und dann entstehen auch Ängste, das einem was abhandenkommen kann oder dass man angepöbelt wird. Das bemerken wir immer wieder. Es kommen auf uns in der örtlichen Politik immer wieder zu. Das ist im Grunde auch so ein Seismograph, was so passiert, wer macht sich tatsächlich auf und spricht einen an, da muss schon ein gewisser Druck da sein, dass das einem missfällt. Häufig sind es auch ästhetische Fragen. Es gibt ja auch so ewas wie eine gefühlte Gentrifizierung. Diese These hat Andrej Holm mal aufgestellt, das es den Menschen, die immer die Straße rauf und runter gehen und hier wohnen und ihre Erledigungen machen, auf einmal unangenehm ist, das sie smarte junge Leute sehen, sich beobachtet fühlen. Die werden immer mehr, sie selber werden immer weniger. Das Angebot auf der Einkaufsstraße verändert sich, es ist sozusagen nicht mehr das alte bekannte Quartier und sie fühlen sich da nicht mehr beheimatet in dieser Umgebung. Und das ist ein Teil der Verdrängung, die stattfindet. Nun muss man ein bisschen aufpassen, es ist hier gleich so eine Diskussion entstanden, nicht spezifisch in Linden-Süd, eher in Linden-Mitte und Linden-Nord, wem eigentlich die Stadt gehöre, wem gehört das Quartier. Und da hieß es dann, die früher hier gewohnt haben, seien ja auch hierher gezogen. Also wer ist eigentlich der echte Lindener, wer hat das Recht hier zu sein. Aber das ist gar nicht die Frage, die Frage ist, wie kann die soziale Vielfalt erhalten bleiben. Und wie kann man diesen Entmischungstendenzen entgegentreten, wie kann man dem entkommen, dass nicht nur das Geld diesen Stadtteil einkaufen kann. Das ist eigentlich auch noch einmal eine Frage, die so ganz deutlich noch nicht gestellt wurde, aber hinter allem steht.

Können Kernsanierungen dazu führen, dass Mieter aus ihren Mietverträgen gekündigt werden und dadurch die Gentrifizierung erleichtert wird?

Daniel Gardemin: Hierzu kann wenig zusagen, ob es in Linden-Süd wirklich zu Kernsanierungen kommt. Ich vermute eher noch nicht so stark. Aber hier in meinem Nachbarhaus in Linden-Nord, das hat auch keiner bemerkt, das ist tatsächlich komplett entmietet worden. Da war aber die Aufmerksamkeit noch nicht da. Das ist so vor zehn Jahren gewesen. Ich denke, heute würde schon einer kommen und sagen, halt was machst du denn da. Der Letzte, der da wohnte, ist auch ziemlich heraus drangsaliert worden. Es hat zwei bis drei Jahre gebraucht und dann war das ganze Gebäude leer. Dann hat der Eigentümer kernsaniert. Also ich vermute, dass es das in Einzelfällen in Linden-Süd gibt. Es gab einen Fall, wo ein Haus an der Göttingerstraße, das ist so zwei bis drei Jahre her, entmietet werden sollte. Das war ein prekäres Haus, in dem Sinne, dass dort alles Transferleistungsempfänger, auch spezielle wohnten. Ich weiß nicht, wie er das Haus da so in seiner Struktur entwickelt hat. Nun wollte er aber alle herauswerfen. Er hat da Eingänge zugemauert und so ein Krams, richtig brachial ist er da vorgegangen. Das gab dann ordentlich Ärger und schaukelte sich gegenseitig hoch. Ich weiß aber nicht wie das ausgegangen ist.

Ist die Gentrifizierung in Linden-Süd anhand des Phasen-Modells messbar? Wenn ja, in welcher Phase befinden wir uns gerade?

Daniel Gardemin: Es kommen im Prinzip immer messbare und nicht messbare Faktoren zusammen. Das macht ja die Schwierigkeit aus. Die Stadt ist immer hinterher, weil sie immer messen möchte und findet nicht den Schlüssel zum Messen, die Indikatoren. Wenn man die Indikatoren ansetzt, gibt es diese drei Punkte. Erste einmal, wo sich etwas entwickelt. Da muss man genau ins Quartier hineinschauen, ob es noch weitere Spots gibt und alte Kerne, wie Ahrberg und diese Deisterstraße. Und dann müsste bewertet werden, was noch zum Erhalt der sozialen Vielfalt gehört und was nicht. Dann sind drittens die Faktoren zu beachten, die Druck in den Kessel bringen, bezogen erst einmal auf die allgemeine Stadtsituation. Die muss man auch mit einbeziehen. Die Zuzüge, das Hannover wieder größer wird. Und dann würde man für Linden-Süd wohl sagen, dass es am Anfang dieser Kette steht. Ich denke, das müsste die Pionierphase sein. Wir haben zum Beispiel gehört, dass junge Leute einziehen. Das alles sind Indikatoren. Eine Zeitlang wurden auf der Deisterstraße diese günstigen Ladengeschäfte von den Ladeneigentümern angeboten. Da haben sich Enklaven gebildet, die auch ein Interesse für diesen Stadtteil entwickelt haben. Ich vermute mal, dass sich die Wohnungseigentümer hier in Hannover diese Filetstücke herausgepickt haben. Über die Bodenrichtwertkarten könnte man das herausfinden, ob es da eine beschleunigte Entwicklung an Verkäufen der Grundstücke in dieser Zeit gegeben hat.

Der Standort gewinnt in jeder Himmelsrichtung an Attraktivität und in der Mitte liegt das Wohngebiet. Dadurch werden auch Menschen aus anderen Stadtteilen oder der Region angelockt. Sind dies schon Merkmale für Gentrifizierung?

Daniel Gardemin: Es kommt jetzt auch ein Basketballfeld neben die ehemalige Hautklinik, an die Neubauten an der Ihme. Das heißt, der Ihmeuferweg wird demnächst auch neu gemacht. Dann soll es auch eine durchgängige Befahrung des Ihmeuferweges geben, er wird dann unter der Benno-Ohnesorg-Brücke durchgeführt, dann am Ihmezentrum oben entlang und dann unter der Spinnereibrücke an Linden-Nord angeschlossen. Sowie das auf der anderen Seite schon passiert ist, das sehr hoch frequentierte Radfahren an der Ihme entlang, das wird dann eventuell auf der Lindener Seite auch entstehen. Das kann auch noch einmal Publikum in den Stadtteil hinein bringen. Das dauert zwar noch ein bisschen, aber es sind schon Vorzeichen zu beobachten. Wenn man dann von Linden-Nord bis Linden-Süd in einem Zug auf dem Radweg fahren kann, bekomme ich auch mehr mit, was in den Stadtteilen passiert. Die kleine Nedderfeldstraße in Linden-Nord zum Beispeil ist eine Einflugschneise, weil sie hinten noch eine Weiterführung über die Ihme nach Hannover hat und auch die Querverbindung für die ist, die von Norden kommend zur Limmerstraße wollen. Oder nachts gehen hier manchmal Hunderte Leute hinein, wenn sie irgendwo nachts an den Flüssen gesessen haben oder bei Veranstaltungen waren. Das heißt, es gibt unglaublich viele Leute, die hier hineinströmen und manchmal, ist mir im letzten Jahr aufgefallen, kommen sogar große Radwandergruppen vorbei. Also Linden hat auf einmal so eine Neugier geweckt, die sozusagen zu einer Art von Tourismus geführt hat. Der Lindener Markt ist auch etwas Typisches, wo man dann mal hinguckt, vielleicht auch, weil der Merian einen Bericht gemacht hat. Oder jetzt war hier eine Eröffnung einer Bäckerfiliale auf der Limmerstraße von einem alteingesessenen Bäcker, der in Hannover einige Filialen betreibt. Da kam die ganze Geschäftswelt aus der Innenstadt. Und da sprach ich mit einem, der war vorher noch nie in Linden gewesen. Und der meinte, es sei ja wirklich toll hier, das ganze Treiben auf der Limmerstraße. Der war regelrecht euphorisch, Linden entdeckt zu haben. Das ist aber erst ein paar Wochen her, das erste Mal in Linden in seinem Leben, aber als alter Hannoveraner Geschäftsmann hier in Hannover. Also diese Trennung zwischen Hannover und Linden, durch die Flüsse und die Historie, ist enorm stark, das darf man nicht unterschätzen. Und wenn diese Leute Linden entdecken, dann kommt auch mal einer und sagt, wenn das der angesagte Bäcker macht, dann investiere ich da auch was.

Man könnte denken es ist schon lange so, aber das glaube ich nicht, es ist eine neue, frische Entwicklung. Man sieht es ja auch beim Scillablütenfest am Lindener Berg. Da kommt dann ein Hannoveraner Bürgertum, was hier noch nie vorher in Linden gesichtet wurde. Das kommt dann zum Scillablütenfest und wandelt dann über den Friedhof und ist begeistert über die schöne Atmosphäre. Man merkt den Unterschied aber an den großen und langen Autos, die in den engen Straßen nach Parkplätzen suchen.

Man kann also sagen, es können selbst in Linden-Süd Ansätze von Gentrifizierung vorhanden sein. Ich würde es so sehen, noch mit aller Mäßigung, denn in Hannover sind die Entwicklungen immer etwas langsamer als in anderen Städten. Aber ich würde es trotzdem als so eine Entwicklung sehen.

Nimmt die Bevölkerung die Gentrifizierung wahr? Wenn ja, woran lässt sich dies feststellen? Gibt es zum Beispiel  Bürgerinitiativen?

Daniel Gardemin: Also diese gefühlte Gentrifizierung wird in Linden-Süd sicherlich wahrgenommen. Ich weiß es zum Beispiel vom ehemaligen Pfarrer der Erlöserkirche, dass es immer wieder Konflikte gab mit den Gruppen Jugendlicher, vor allem türkischer Herkunft, die sozusagen den Straßenraum für sich in Anspruch genommen haben. Es ist ja eigentlich ganz schön, dass junge Leute den Raum annehmen. Aber die Art, wie sie sich geben, wurde von manchen Hinzugezogenen, gerade in den Abendstunden, als eine Art Bedrohung empfunden. Ich denke, gerade in der Pionierentwicklung kommt es zu neuen Reibereien, Auseinandersetzungen, Wahrnehmungen. Dann werden die Jugendlichen das wahrnehmen. Die könnte man auch fragen. Die Menschen die dort wohnen, werden das auch wahrnehmen, aber sie würden nichts dagegen machen. Ist ist die Artikulierungsfähigkeit für den politischen Raum gar nicht gegeben. Linden-Süd ist zum Beispiel einer der Stadtteile mit der niedrigsten Wahlbeteiligung. Es ist die Frage, ob Akteure da sind, die darauf aufmerksam machen. Die politisch oder zivilgesellschaftlich in der Lage sind, auf Probleme aufmerksam zu machen. Also die Wahrnehmung ist sicherlich da, aber die wird nicht preisgegeben.

In der Vergangenheit gab es immer wieder Kellerbrände im Stadtbezirk, kann dies als indirekte Kritik gegen die Gentrifizierung gewertet werden oder sind hierfür andere Ursachen bekannt? Und ist zu erwarten, dass es weitere Proteste geben wird?

Daniel Gardemin: Ich glaube eher nicht, das ist eine andere Form auf sich aufmerksam zu machen. Das würde anders funktionieren, nicht mit einem Kellerbrand. Das ist nicht das Mittel, um auf eine Aufwertung oder Verdrängung aufmerksam zu machen. Indirekt könnte es natürlich sein, dass vielleicht eine gewisse Unzufriedenheit besteht, die vielleicht auf die eigene Person bezogen wird. Es gibt ja auch so psychosoziale Komponenten von Veränderung. Aber das wäre sehr weit gefasst, dass jetzt dort hinein zu ziehen. Es gibt eventuell auch Nachahmer, das hatte die Polizei damals auch vermutet. Wenn der eine Brand dann in der Zeitung steht, dass dann einer sagt, dann zündele ich auch mal rum. Das könnten dann auch Jugendliche sein. Wir haben es ja auch in Garbsen gehabt, als die Kirche abbrannte. Das waren auch Jugendliche. Ich bin lange Jugendschöffe am Landgericht gewesen. Ich kenn auch die Jugendlichen aus Linden, die auch mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. Und diese Garbsener Jugendlichen die haben auch immer so rum gelungert und die Straßen belegt, vielleicht haben sie auch mal gezündelt. Aber ich sehe keinen direkten Zusammenhang, auch wenn man weiter versucht das zusammen zu bringen.

In Linden-Süd existiert doch eine Mischung im Hinblick auf die Bevölkerungsschichten von gering Verdienenden, von Mittelstand und besser Verdienenden? Ist es zu erwarten, dass immer mehr besser Verdienende nach Linden-Süd ziehen werden?

Daniel Gardemin: Also die, die dort wohnen, werden jetzt nicht auf einmal besser verdienen. Es wird sozusagen nur über einen Austausch funktionieren. Die Löhne stagnieren ja nach wie vor. Viele sind gar nicht in Arbeit, die in Linden-Süd wohnen und die, die zuziehen sind sicherlich alle in Arbeit. Von daher: Je stärker dieser Prozess voran geht, wird auch die Lohnungleichheit steigen im Stadtteil. Es ist zurzeit so, dass 50 Prozent der Familien mit Kindern in Linden-Süd Transferleistungsbezug erhalten. Das ist der höchste Wert in Hannover. Also jede zweite Familie kann nicht selber über die Runden kommen. Man muss ganz klar sehen, Linden-Süd ist da am untersten Ende der 51 Stadtteile Hannovers. Und es gibt noch ein paar andere Indikatoren die ganz alarmierend sind. Das wissen auch die Leute, die da vor Ort tätig sind. Das heißt, diese sehr schwierige soziale Situation wird durch das, was jetzt stattfindet sich statistisch noch nicht verändern. Es ist sozusagen noch zu wenig, was an diesen drei Spots passiert, als dass es die Gesamtstruktur verändern würde. Da müsste man schon sehr genau auf die statistischen Veränderungen schauen. Und es gibt noch einen zweiten Indikator. Linden-Süd hat im Stadtvergleich die geringste Gymnasialempfehlung nach dem vierten Schuljahr. Auch das weist auf eine enorme soziale Divergenz hin. Es haben meiner Erinnerung nach weniger als 20 Prozent Gymnasialempfehlung an den Grundschulen. In Kirchrode sind es beispielsweise an die 80 Prozent. So geht das auseinander.

Existiert in Linden-Süd ein gemischtes Wohnraumangebot von Privatvermietern von Mehrfamilienhäuser, Eigentumswohnungen und Wohnungsgesellschaften und kann dies dazu beitragen, dass eine Gentrifizierung verhindert wird?

Daniel Gardemin: Auf jeden Fall hat die Eigentumsmischung die Effekte abgeschwächt. Also die vielen Häuser der Wohnungsbaugenossenschaften, die gehen nicht auf hochpreisig. Der Spar- und Bauverein beispielsweise hat in der Satzung einen Passus, dass sie sich immer unterhalb des Medians der Hannoveraner Mieten bewegen müssen mit einem bestimmten Prozentteil. Die haben das genau formuliert um einem zu starken Mietenanstieg entgegenzuwirken. Das heißt aber auch, sie ziehen mit, sie wollen diese Grenze unter dem Median auch erreichen. Wenn die Mieten insgesamt steigen, gehen sie auch hoch. Aber sie ziehen nicht die Mieten sondern folgen dieser Entwicklung. Es gibt aber einen Faktor, den man vielleicht noch herausgreifen muss. Die Wohnungsbaugesellschaften nehmen keine Transferleistungsempfänger auf. Die sind jetzt auch keine Mildtätigen-Verbände. Sie achten auf ihre schwarze Null. Und das bedeutet, dass jemand der in Schwierigkeiten gerät, wenn er in einer Genossenschaftswohnung wohnt, dort wohl wohnen bleiben darf. Wenn ich mich aber dort bewerbe und möchte eine Wohnung erhalten und Mitglied der Wohnungsbaugenossenschaft werden, aber Transferleistungsempfänger bin, habe ich große Schwierigkeiten, gerade jetzt. Man bekommt dort keine Wohnung. Das heißt, der Wohnungsmarkt ist schon teilgeschlossen an der Stelle. Wie es bei privaten Vermietern ist, weiß ich nicht. Das hängt dann von der einzelnen Präferenz ab. Zurzeit können sie sich ja ihre Mieter aussuchen. Das heißt, da wird dann auch der Solventeste in der Regel den Zuschlag bekommen. So wie ich das sehe, ist der Wohnungsmarkt auch ziemlich leergefegt. Also es existiert wenig Angebot, wenig Wohnungen auf dem freien Markt. Die sind dann sofort weg oder gehen schon unter der Hand oder werden dann vom Ausziehenden schon dem Vermieter benannt. Dann landet das gar nicht mehr in den Portalen oder in der Tageszeitung.

Nachdem sich neue Unternehmen wie Rewe, Telecom, Golfhouse usw. in Linden-Süd angesiedelt haben, aber auch kleine Gewerbebetriebe weiter existieren und sich kleine Ladenflächen wiederum noch im Leerstand befinden: Ist es da zu erwarten, dass sich weitere große Unternehmen ansiedeln und damit letztendlich die kleinen Geschäfte verschwinden und weitere kleine Ladenflächen einen Leerstand aufweisen?

Daniel Gardemin: Wir haben es auf der Limmerstraße in Linden-Nord gehabt, diese Umstrukturierung der alten Ladenstruktur. Die dauert sehr lange. Das ist auch ein Prozess der mehrere Häutungen mit sich bringt. Bis dann eine gewisse Stabilität wieder erreicht wird. Wie häufig ist die Limmerstraße schon tot gesagt worden. Den Tod gibt es nicht in dem Sinne, irgendwas ist ja immer da, auch wenn nichts da ist. Gibt es ja doch irgendwie eine Nutzung, allein das man da durchgeht usw. Aber Tod heißt, die Akzeptanz desjenigen, der das sagt, ist nicht richtig da. Es wirkt verkommen, schmutzig, leer, kaputt. Das sind alles Dinge, die dem Menschen auch zu Recht Sorge machen, weil Geschäfte die nicht da sind auch Unsicherheit mit sich bringen. Aber es kann auch nur eine bestimmte Stufe im Transformationsprozess sein. Das wissen wir nicht genau. In der Göttingerstraße ist das natürlich nochmal was anderes als die Deisterstraße. Die Deisterstraße ist es auch schon kompliziert, weil es auch ein Zubringer ist mit einer hohen Verkehrsfrequenz. Da wird sicher nicht so etwas wie auf der Limmerstraße entstehen. Aber es kann sich trotzdem eine verhältnismäßig stabile Struktur bilden. Ich sehe Anzeichen auch mit Ankermietern, kleiner Gastronomie oder auch Geschäften, die sich jetzt schon etwas länger halten, an verschiedenen Ecken. Also Ankermieter in dem Sinne, dass sie länger ankern dort, nicht, dass sie ökonomisch besonders stark sind, aber die doch irgendwo ihr Einkommen haben und Stammpublikum und so. Da könnte ich mir vorstellen, dass sich da tatsächlich etwas auch mit der Veränderung von Linden-Süd weiter entwickelt. Viel stärker wäre es eigentlich in der Charlottenstraße zu erwarten. Da sehe ich aber nichts, was sich entwickelt. Das ist, meine ich, Stagnation. Und auf der Göttingerstraße, da entmietet sich der Geschäftsbereich auf der östlichen Seite, da habe ich auch wenig Hoffnung. Also das ist ja im Prinzip schwer direkt an einem Schnellweg, bzw. schwerer geht es gar nicht für eine Geschäftslage. Ein Wunder, dass überhaupt dort noch Geschäfte existieren. Aber es kann so etwas wie Lagerhaltung sein, Versand, Onlinegeschichten oder Ähnliches, die sich da festsetzen. Aber es wird nie eine Entsprechung der gegenüberliegenden Seite sein. Es sei denn, es passiert mal was mit dem Schnellweg. Aber das ist auch nicht zu erwarten, weil es die Hauptschlagader ist, dort an der Stelle. Eine Untertunnelung war vor vielen Jahren mal im Gespräch. Aber ich gehe davon aus, dass da erst einmal nicht viel passiert.

Hatte die Umwandlung von Gewerbe – Hanomag, Bunker, Ahrberg – das Ziel: „Pioniere“ anzulocken? Wie sehen Sie das?

Daniel Gardemin: Die Entwicklungen sind alle vor dieser Diskussion passiert. Ich werde ja auch beschimpft, von anderen Akteuren, hier im Stadtteil, dass ich jetzt über Gentrifizierung rede. Das ist doch das, was wir immer gewollt haben. Also wir wollten immer Aufwertung. Und jetzt haben wir uns bemüht und solche Spots hineingesetzt, um Aufwertung zu schaffen und jetzt werden wir noch beschimpft, dass wir das gemacht haben. Dabei war das zu der Zeit, wo es gemacht wurde, auch richtig. Aber was einmal richtig ist, ist nicht immer richtig. Wenn die Dynamik sich selber so entwickelt, dann ist die Stadt auch wieder gefordert, gegenzusteuern. Neue Ideen müssen entwickelt werden, indem man die Prozesse nicht zu schnell werden lässt, die Menschen nicht überfordert. Also ein Niedergang eines Stadtteils, der muss aufgehalten werden. Aber ein zu schneller Aufschwung in einem Stadtteil, kann eben auch die entsprechen Folgen haben.

Sind Sie der Meinung, dass Gentrifizierung steuerbar ist?

Daniel Gardemin: Gentrifizierung ist nur bedingt steuerbar. Das ist eine sehr schwierige Frage, die Experten, die sich übergeordnet damit beschäftigen, so erklären: Die sagen, es gibt bedingte Steuerungsmöglichenkeiten. Die Mietpreisbremse ist wahrscheinlich ein symbolischer Tropfen auf den heißen Stein, wird nicht sonderlich greifen, solange sie auch nicht ausreichend kontrolliert wird. Und dann gibt es natürlich weitere Möglichkeiten. Das was wir hier fordern, Kontrolle von Zweckentfremdung. Wir haben hier in Linden-Nord allein über 200 Wohnungen, die für Übernachtungen angeboten werden, also für Tourismus. Temporär ist das gar kein Problem. Aber wenn Wohnungen dauerhaft den Wohnungsmarkt entzogen werden, ist das schon ein Problem. Oder wenn ganze Wohnungen zu Gewerbe umgewandelt werden. Wenn Sie sich mal umschauen, dann gibt es manchmal im ersten Obergeschoss Gewerbewohnungen. Das kann eigentlich gar nicht sein. Also dafür ist kein Antrag gestellt, das ist einfach irgendwann gemacht worden. Und da kann man so ein bisschen was machen. Und dann kann man natürlich gegensteuern, in dem man günstigen Wohnraum schafft. Das hatten wir ganz am Anfang schon, das Thema. Und indem man auch günstigen Wohnraum im Bestand lässt. Also zurzeit werden auch Sozialwohnungen entwidmet, auch in Linden-Süd. Das war bislang auch kein Problem, solange der Mietspiegel so war, dass jemand auf dem freien Wohnungsmarkt, auch mit Wohngeld eine Wohnung finden konnte. Das ist heute aber nicht mehr möglich. Wenn ich eine Zweizimmerwohnung finde, 50 Quadratmeter groß: Bei fünf Euro Kaltmiete pro Quadratmeter bin ich dann 250 Euro plus Nebenkosten los. Das sind ungefähr brutto die 360 Euro, welche das Wohnungsamt zur Verfügung stellt. Also alles was über 5,40 Euro, bezieheungsweise 5,60 Euro hinausgeht, ist nicht mehr leistbar. Es gibt aber keine Wohnung, die neu angeboten wird, die bei 5,60 Euro ist, sondern die liegen bei 6, 7, 8 Euro, selbst in Linden-Süd. Insofern braucht es da eine Intervention, durch die sofortige Einstellung von Entwidmung von Sozialwohnungen. Weil die immer noch aus der Idee entstammen, den Stadtteil aufzuwerten. Und man müsste auch sehr genau in den Stadtteil schauen, ob alles mit rechten Dingen zugeht. Das ist ja sowieso etwas, was die Stadtgesellschaft zusammen hält, dass sich alle an die Regeln halten. Ich glaube, Linden funktioniert auch so gut und ist so attraktiv, weil die Menschen fair miteinander umgehen.

Daniel Gardemin: Wir hatten jetzt von einer anderen Stadt Besuch, die sich Linden angeguckt haben, als Beispiel für eine gute soziale Vielfalt. Sie wollten sich Anregungen für die eigene Kommune holen. Warum ist Linden ein gutes Beispiel, weil sich viele Akteure für den Stadtteil einsetzen und versuchen die Menschen pfleglich zu behandeln. Da war es eine Enttäuschung, dass Investoren hereinkommen, die sich vorher nie in Linden sehen haben lassen, Gebäude aufkaufen, Leute rausschmeißen und dann hochsanieren, aufteilen, verkaufen und mit einem Batzen Geld wieder verschwinden. Das ist im Grunde eine Aufkündigung der ungeschriebenen Gesetze. Da muss eine Kommune in der Lage sein, so zu handeln, dass solche Dinge nicht passieren.

Auf der Internetseite Stadtteilforum-Linden-Süd steht der Leitsatz „Linden-Süd blüht auf …“ Wie kann man diesen auf den Stadtteil und damit auf die öffentliche Versorgung übertragen, was verbirgt sich dahinter?

Daniel Gardemin: Ich denke schon, dass Politik und Kommune mit viel Fingerspitzengefühl daran gegangen sind, mit Maßnahmen für eine Aufwertung Linden-Süds zu sorgen. Ich halte es auch für richtig, dass das so gemacht wurde. Das Selbstbewusstsein eines Stadtteils ist ein ganz erhebliches Plus. Ein Bewohner eines Stadtteils muss zu seinem Stadtteil stehen können. Dann können die Menschen sich selbstbewusster artikulieren und am Stadtteil beteiligen. Ob ein Stadtteil zusammenhält, hängt stark davon ab, ob sich Leute beteiligen und nicht nur für sich selbst etwas machen, sondern auch für den Stadtteil. Linden-Süd braucht Unterstützung, um nicht als Mauerblümchen sondern als bunte Wiese aufzublühen. Fingerspitzengefühl heißt aber auch, bereits heute den Blick auf die Zeit nach der Blüte zu richten.
_
Für die Bereitstellung des Transkripts gilt der Dank dem Interviewer.
Das Interview wurde im Juni 2016 geführt.

siehe auch:
Vielfalt und Teilhabe halten unseren Kiez zusammen
Wir brauchen eine verbindliche Quote von preiswertem Wohnraum

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.